"Lügenpresse" und "Volksverräter"

Kulturveranstaltung zur vorbelasteten Diktion der "neuen Rechten"

Nachricht20.07.2016
Kultur im Hof - Gedenkstätte Lindenstraße
Diskussion im Hof des ehemaligen Potsdamer Untersuchungsgefängnisses LindenstraßeFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Die so genannte "neue Rechte" - AfD, Pegida & Co - bedient sich routinemäßig ideologisch vorbelasteter Begriffe aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit nahm sich dieses Themas in einer Doppelveranstaltung an, bei der zunächst Historiker in einem Dokumentar-Theater-Projekt sprachliche Artefakte aus Originaldokumenten der Wannseekonferenz szenisch zur Aufführung brachten. Anschließend diskutierten Experten über die verbale Annäherung der neuen Rechten an den NS-Jargon und die Folgen einer Radikalisierung der Sprache. Die Veranstaltung fand statt in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße. Das Gebäude diente in der NS-Zeit als Untersuchungsgefängnis für politische Häftlinge, dann als Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes, und zu DDR-Zeiten schließlich als Stasi-Untersuchungsgefängnis.

Die Theateraufführung wurde durch das Historikerlabor e.V. realisiert. 15 Historiker traten als Schauspieler in die Rolle der 15 Teilnehmer der Wannseekonferenz. Sie stellten die Inhalte entsprechend dem Protokoll dar, brachen dieses jedoch immer wieder auf und unterfütterten die Szenen mit aktuellem Wissen. So wurden die späteren Auswirkungen verdeutlicht und die Wannseekonferenz entsprechend historisch eingeordnet.  

Kultur im Hof - Gedenkstätte Lindenstraße
Kultur im Hof - Gedenkstätte LindenstraßeFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Die Leiterin der neuen Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße, Frau Uta Gerlant, begrüßte die Teilnehmer. Wie kein anderer Ort in Potsdam steht die Gedenkstätte Lindenstraße für die Kontinuität und den Wandel politischer Verfolgung und Gewalt im 20. Jahrhundert - aber auch für den Sieg der Demokratie in der friedlichen Revolution 1989/90. 

Axel Graf Bülow
Axel Graf BülowFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Wir dokumentieren Auszüge des Grußwortes von Graf Bülow, Vorsitzender der FDP Brandenburg.

An einem Ort wie diesem bedeutet Freiheit Hoffnung, ist Auftrag und Ziel allen politischen Handelns zugleich. Ich denke, für all diejenigen, denen in diesem absolut deprimierenden Gebäude das Menschlichste genommen wurde, nämlich ihre Freiheit, für alle diejenigen, deren Würde hier gebrochen werden sollte, war es in dem Moment mit Sicherheit der schlimmste Fall. Der Verlust der Freiheit ist aus meiner Sicht fast immer der schlimmste Fall.

Niemand – und da schließe ich mich ausdrücklich mit ein - der nicht selbst Opfer eines Unrechtsregimes geworden ist, kann auch nur ansatzweise ermessen, welche Leiden die Opfer der sehr unterschiedlichen Täter – Nazis, Sowjets und Stasi – haben erleiden müssen, unabhängig davon, ob sie aufgrund ihrer Freiheitsliebe, einer Denunziation oder möglicherweise aufgrund ihrer eigenen Täterschaft während eines zuvor abgelösten anderen Regimes hier einsaßen.

Es geht um den Rechtsstaat als Gegenentwurf zum Willkürstaat.
Es geht um den Rechtsstaat als Voraussetzung für Freiheit. Und Menschenwürde.
Es geht um die Möglichkeit, über das eigene Leben selbst zu bestimmen.
Es geht um die Freiheit!

Axel Graf Bülow

Die subtile Aushöhlung unserer Freiheitlichen Gesellschaftsordnung mit völkischen Parolen und wiederholten fremdenfeindlichen Äußerungen bergen die akute Gefahr, dass diese Meinungen in unserer Gesellschaft mehr und mehr hoffähig werden.

Axel Graf Bülow

In diesem Haus wird überdeutlich, was Freiheit für uns alle bedeutet. Wer verspürt hier nicht Beklommenheit, wer fühlt nicht noch immer eine unbändige Wut auf alle Verantwortlichen, die hier ihrem unmenschlichen Sadismus freien Lauf gelassen haben?

Und - wer hat – in Freiheit aufgewachsen - nicht auch das beklemmende Gefühl der Verunsicherung, wie man wohl selbst unter einer Diktatur sein Leben gemeistert hätte, ohne selbst schuldig zu werden?

Deshalb ist es so immens wichtig, sich rechtzeitig für die Freiheit und unsere freie Gesellschaft einzusetzen. Deshalb gilt es, extremes Gedankengut und totalitäre Strömungen ganz früh zu entlarven und sich ihnen aufrecht entgegenzustellen.

Deshalb sind Parteien wie die AfD so gefährlich für unsere Demokratie. Die subtile Aushöhlung unserer Freiheitlichen Gesellschaftsordnung mit völkischen Parolen und wiederholten fremdenfeindlichen Äußerungen nach dem Motto: „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, bergen die akute Gefahr, dass diese Meinungen in unserer Gesellschaft mehr und mehr hoffähig werden.

Axel Graf Bülow

Den selbsternannten Rettern des Abendlandes heute geht es einzig und allein um das Schüren von Ängsten und das Ausleben kruder nationalistischer und völkischer Gedanken.

Axel Graf Bülow

Haben die, die solche Parolen auf den sogenannten Abendspaziergängen von Pegida und ähnlichen unerhörten Veranstaltungen mitgrölen, schon vergessen, was unser Land im Dritten Reich in den Abgrund geritten hat? Wissen diese Menschen wirklich nicht mehr, was unsere Demokratie stark gemacht hat? Fehlt die Erinnerung schon daran, was unsere ostdeutschen Landsleute 1989 während der Wende für die Freiheit riskiert haben?

Ohne die erfolgreiche Wende hätten sicher viele derer, die damals mit Fug und Recht „Wir sind das Volk“ skandierten, in diesem Haus eingesessen. Das waren Freiheitskämpfer ohne die Gewissheit der Freiheit der Meinungsäußerung, ohne die Sicherheit des Rechtstaates.

Den selbsternannten Rettern des Abendlandes heute geht es einzig und allein um das Schüren von Ängsten und das Ausleben kruder nationalistischer und völkischer Gedanken. Und sie sind wahrlich nicht das Volk!

Publikationen zum Thema

AfD: Feinde der Freiheit

Eine Kurz-Analyse zur Programmatik. Mehr

In der anschließenden Diskussion analysierten Michael Miersch (Publizist), Uta Gerlant, Dr. Waltraud Sennebogen (Wissenschaftlerin) und Volker Lösch (Regisseur) die Sprache der sogenannten neuen Rechten. Wie lassen sich Wörter wie „Lügenpresse“ oder „Volksverräter“ historisch einordnen? Welchen Zweck verfolgen die Redner, wenn sie sich solcher Worte bedienen? Wie kann man Menschen begegnen, die unbedarft diese Wörter verwenden? Wie können Demagogen entlarvt werden?

Georg Mannsperger
Tel.: +49 30 28 87 78 581