Literatur
Urs Marti-Brander: Die Freiheit des Karl Marx. Ein Aufklärer im bürgerlichen Zeitalter.

Online-Rezensionen des Jahrbuchs zur Liberalismus-Forschung 1/2020
Die Freiheit des Karl Marx
© Rowohlt Verlag Berlin

Bezeichnenderweise am 1. Mai 2018 erschienen, ordnet sich Urs Marti-Branders Buch in das „Revival“ ein, das Karl Marx oder vielmehr seine Ideen und Schriften rund um seinen 200. Geburtstag am 5. Mai 2018 erlebt haben. – Neben einem durchaus sehenswerten Kinofilm gab es eine Vielzahl von Publikationen über Leben und Werk des Philosophen und Ökonomen, dessen Gedanken und Veröffentlichungen in ihren epochenstiftenden, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen für Europa und die Welt wohl am ehesten noch mit der lutherischen Reformation verglichen werden können, auch wenn Marx alles Religiöse aus tiefster Überzeugung abgelehnt hat. Doch Branders Buch widmet sich im Gegensatz zu vielen anderen Jubiläumsveröffentlichungen weder der Privatperson Karl Marx, noch will es dem Marxismus einen Wert oder gar Handlungsimpuls für die Gegenwart abringen. Der schweizerische Professor für politische Philosophie, dessen Interesse vor allem der Ideengeschichte gilt, richtet seinen Fokus auf die Freiheit bei, die Freiheit des Karl Marx und will ihn – so verspricht es der Untertitel – als Aufklärer im bürgerlichen Zeitalter zeichnen. Karl Marx, der nach eigenem Bekunden kein Marxist war, also ein Liberaler?

Brander stellt nicht den Ökonomen Marx in den Vordergrund, sondern den Philosophen Marx und zeigt ihn in diesem Sinne als „Kind seiner Zeit“ – zwischen Aufklärung, bürgerlicher Revolution und Industrialisierung. Er arbeitet heraus, wie Marx‘ Werk in Auseinandersetzung mit den Ideen seiner prägenden Vordenker und Zeitgenossen entstanden ist. Im Mittelpunkt steht dabei wenig überraschend Georg W. F. Hegel, der während Marx‘ Studienzeit großen Einfluss auf das geistige Leben in „Deutschland“, besser: in deutschen Landen, hatte und mit dessen Erbe sich der Jung- oder Linkshegelianer Marx intensiv beschäftigt hat. In den ideologischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts verortet Brander Karl Marx auf der „liberalen Seite“ und belegt dies durch eine auf den Begriff der Freiheit fokussierte Zusammenstellung und Analyse zentraler Schriften. Dabei wird deutlich, dass für Marx politische und private Freiheitsrechte der bürgerlichen Gesellschaft zeitlebens von herausgehobener Bedeutung waren und er sie als wichtigen Fortschritt in der gesellschaftlichen Entwicklung begriff.

Mit seiner Wendung zum Kommunismus wendet sich Marx nicht von der bürgerlichen Freiheit ab, sondern ihr zu. Ziel war für ihn die freie Entfaltung des Individuums, an der es von den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen im Kapitalismus gehindert wird. Im kapitalistischen System würden die Menschenrechte ausgehöhlt, der Kommunismus könne das Individuum in diesem Sinne befreien. Nach Branders Analyse war für Marx der Kommunismus ein Freiheitsversprechen für das Individuum, für ihn handelte es sich beim Kommunismus „nicht in Kooperation mit um eine egalitäre, sondern um eine individualistische Ordnung“, in der das Individuum sich frei von materialistischen Zwängen entfalten kann. Er schätze Freiheit und Entfaltungsfreiheit des Individuums höher als Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit.

Allerdings unterscheidet sich Marx auch deutlich vom liberalen „Mainstream“ seiner Zeit. Un-bestreitbar in der Tradition der Aufklärung stehend, ist er aber auch von aufklärungs- und liberalismuskritischen Denkströmungen beeinflusst. Er sieht die Freiheit nicht in der bürgerlichen Gesellschaft verwirklicht, sondern will diese überwinden, eine neue Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung müsse erreicht werden. Einen Liberalismus, der die Augen davor verschließt, dass durch die Marktkräfte die Freiheit des Einzelnen bedroht wird, lehnt er ab. Er betont zwar ausdrücklich, dass durch den Kapitalismus ein ungeahntes Maß an Wohlstand und Bildung er-reicht wurde, die Errungenschaften der Industrialisierung will er nicht missen, aber zugleich will er die Menschen in ein „neues Reich der Freiheit“ führen, in dem sie von den Gesetzen des Marktes befreit sind und alle gleichermaßen die Früchte des Wohlstands genießen dürfen. Dass dies in sich widersprüchlich ist und durch Marx auch nicht aufgelöst wird, macht die ideengeschichtlich geleitete Lektüre von Marx‘ Schriften durch Brander deutlich. Auch wird hier klar, dass – im Gegensatz zum landläufig Angenommenen – Marx mitnichten ein in sich geschlossenes Theoriegebäude errichtet hat. Dies dürfte eigentlich nicht überraschen, denn im Grund ist keine philosophische oder sozialwissenschaftliche Theorie in sich geschlossen – an diesem Punkt liegt die Grenze zum Ideologischen und Religiösen –, aber es macht deutlich, warum der Marxismus als Marxismus-Leninismus, Stalinismus oder Juche-Ideologie fortgeschrieben, neu interpretiert oder – bezogen auf die Freiheit des Individuums – ad absurdum geführt und zum fruchtbaren Boden für unfreiheitliche, diktatorische Regime werden konnte.

War Marx also ein Liberaler? Jein. Urs Marti-Brander bemüht sich zwar nach Kräften, ihn unter den Liberalen zu verorten und arbeitet auf beeindruckende und erhellende Weise die zentrale Rolle des Freiheitsbegriffes im philosophischen Denken von Karl Marx hervor. Auch ist seine Bezeichnung als „Aufklärer im bürgerlichen Zeitalter“ überzeugend begründet, war Marx doch selbst ein Bürgerlicher. Aber letztlich überzeugt das nicht – und zwar vor dem Hintergrund dessen, was wir heute über das Scheitern seiner Philosophie in der Praxis wissen, welches Maß an Unfreiheit und Verheerung Staatsideologien, aufbauend auf seinem Denken, über Millionen von Menschen seit nunmehr einem Jahrhundert gebracht haben. Marx konnte dies zwar nicht wissen, und er ist auch nicht verantwortlich dafür, was Politiker aus seinen Schriften ge-lesen habe, dass sein Traum vom Kommunismus aber nicht ohne maximale Unfreiheit zu er-reichen ist, es hätte ihm aber doch zumindest als kleiner Zweifel in den Sinn kommen können, wo er doch das Wirken der gesellschaftlichen Kräfte so zutreffend analysiert hat. Anzunehmen, das von den Fesseln des Kapitalismus befreite Individuum sei ein moralischeres, weniger egoistisches, ist für seinen Horizont eigentlich zu naiv. Schließlich war Marx selbst kein Dogmatiker, sondern eine beruflich wie privat schillernde Persönlichkeit. Er hat sich für vieles interessiert, war ein eifriger und aufmerksamer Verfolger und Analyst des Zeitgeschehens und wusste aus eigener Anschauung um die Abgründe menschlicher Bedürfnisse, Sehnsüchte und Begierden. Er hätte erkennen können, dass der Verzicht auf individuelles Eigentum den Einzelnen entmündigt und fesselt – mit umgekehrtem Vorzeichen, wie er es auch im Laissez-faire-Kapitalismus gesehen hat. Aber Marx war kein Beobachter der Welt aus der sicheren Entfernung seines Studierzimmers, sondern er war, insbesondere dann zusammen mit Friedrich Engels, auf politischer Mission. – Eine Mission, die zwar befreien wollte, aber keine liberale war.

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Johann Ahlers
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