Türkei

Lira im freien Fall

Anatomie einer Krise

Nachricht17.08.2018Dr. Hans-Georg Fleck und Aret Demirci

Präsident Erdoğan warnte daraufhin vor einem Ende der Partnerschaft mit den USA und drohte die Suche nach Alternativen an. Sollte die US-Regierung die Souveränität seines Landes nicht respektieren, „dann könnte unsere Partnerschaft in Gefahr sein“, schrieb Erdoğan in einem Gastbeitrag der New York Times. Seine Regierung könne sich genötigt sehen, „die Suche nach neuen Freunden und Verbündeten zu beginnen“, so Erdoğan weiter. Des Weiteren beschuldigte er die US-Regierung, Fethullah Gülen, den Ankara für den Drahtzieher des Putschversuchs von 2016 hält, nicht auszuliefern und verglich den vereitelten Staatsstreich in seinem Land mit Pearl Harbour und dem 11. September.

Gleichzeitig präsentierte Finanzminister Berat Albayrak am 10. August das „neue Wirtschaftsmodell“ und bemühte sich sichtlich, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Das „neue Wirtschaftsmodell“, das Märkte und Investoren beruhigen sollte, blieb allerdings recht vage – was den Absturz der Lira weiter beschleunigte. Gleichzeitig gab Albayrak bekannt, dass er per Telefonkonferenz mit Investoren, u.a. aus den USA und Europa, sprechen werde.

In einer Rede vor Industriellen warnte Erdoğan die Anwesenden davor, nun zu den Banken zu laufen und ausländische Währungen zu kaufen: „Ihr würdet das Falsche tun, wenn Ihr auf diese Option zurückgreift, um auf der sicheren Seite zu sein.“ Es sei die Pflicht der Industriellen und Händler, diese Nation auf den Füssen zu halten. „Andernfalls müssten wir einen Plan B oder C umsetzen“, kündigte Erdoğan sibyllinisch an – und sorgte damit für Spekulationen über eine mögliche Beschlagnahme von Devisenkonten bei türkischen Banken.

Im vorerst letzten Kapitel des Streits zwischen Washington und Ankara hat Präsident Erdoğan am 14. August einen Boykott elektronischer US-Produkte und eine Erhöhung der Einfuhrzölle angekündigt. „Wenn die ihre IPhones haben, gibt es auf der anderen Seite Samsung, und wir haben unser eigenes Vestel“, sagte er mit Bezug auf den südkoreanischen IPhone-Rivalen und den türkischen Elektronikgerätehersteller. Vor Abgeordneten seiner Partei erklärte Erdoğan, es sei wichtig, an „unserer entschiedenen politischen Haltung“ festzuhalten. Er rief Unternehmen auf, ihre Investitionspläne in der Türkei nicht auf Eis zu legen. „Wenn wir unsere Investitionen verschieben, wenn wir unsere Währung aus Furcht in ausländische Währungen umtauschen, dann haben wir uns dem Gegner ergeben.“ Die Einfuhrzölle auf bestimmte US-Produkte wie PKWs, Alkohol und Tabak wurden drastisch erhöht. Für PKWs wird laut einem von Erdoğan unterzeichneten Dekret der Zoll auf 120 Prozent angehoben, bei alkoholischen Getränken auf 140 Prozent und bei Tabakwaren auf 60 Prozent. Auch für andere Waren gelten demnach künftig höhere Zölle, darunter Kosmetika, Reis und Kohle. Die USA hat wiederum ihrerseits mit weiterem wirtschaftlichem Druck gedroht, sollte Brunson noch länger festgehalten werden. Sollte sich hier in den kommenden Tagen oder in der nächsten Woche nichts ändern, würden die USA zusätzliche Maßnahmen einleiten, so ein Vertreter des US-Präsidialamtes.

Dr. Hans-Georg Fleck ist Projektleiter des Stiftungsbüros in Istanbul. 

Aret Demirci ist Projektkoordinator im Stiftungsbüro in Istanbul.

Sie wollen regelmäßig über die Entwicklungen in der Türkei informiert werden? Dann melden Sie sich hier für unseren Türkei-Bulletin an.

Publikationen zum Thema

TÜRKEI BULLETIN 15/18

Inhalt: Lira im freien Fall – Anatomie einer Krise, Die Selbstverzwergung der türkischen Opposition Mehr

Für Medienanfragen kontaktieren Sie unseren Türkei-Experten der Stiftung für die Freiheit.

Dr. Hans-Georg Fleck
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Türkei
Tel.: +902122197253