"Liberalismus und Religiosität ist kein Widerspruch"

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger im Gespräch mit dem Deutschlandfunk über den Humanistentag

Nachricht15.06.2017Andreas Main
Religion
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fordert eine reifere Debatte über Religion. Der säkulare Staat könne auf moralische Ressourcen der Religionen nicht verzichten. istock / Halfpoint

Die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat Angriffe auf Kirchen aus dem rechten politischen Spektrum kritisiert. Sie forderte eine reifere Debatte über Religion: "Der säkulare Staat kann auf moralische Ressourcen der Religionen nicht verzichten", sagte die ehemalige Bundesjustizministerin im Interview mit Andreas Main im Deutschlandfunk.

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Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Vorstand der Friedrich-Naumann-Stiftung, ist Mitglied der Evangelischen Kirche.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Andreas Main: Wir berichten ausführlich über Kirchentage, aber wir berichten auch – verzeihen Sie bitte diese unsinnige Formulierung – über jüdische Kirchentage und über atheistische Kirchentage. Doch, obwohl die Formulierung Unsinn ist, ein Fünkchen Wahrheit ist dran, denn zumindest, was die Form betrifft, erinnert der Humanistentag durchaus an Kirchentage. Er findet an einem langen Wochenende mit Brückentag statt. Es gibt Podien und Konzerte und Kabarett. Es gibt auch einen "Markt der Möglichkeiten". Nur Gottesdienste, die gibt es eher nicht auf diesem Kirchentag für Konfessionslose und andere Interessierte. Heute beginnt der Humanistentag in Nürnberg, der bis zum Sonntag geht. Wir wollen jetzt nicht mit den Veranstaltern, dem Humanistischen Verband sprechen, sondern mit einer, die vielleicht die Prominenteste ist auf diesem Humanistentag, mit einer ehemaligen Bundesjustizministerin, mit der FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Und, weil heute Feiertag ist in Bayern, zeichnen wir das Gespräch auf. Frau Leutheusser-Schnarrenberger, danke, dass Sie ins BR Studio in München gekommen sind und guten Morgen.

Sabine Leutheusser Schnarrenberger: Guten Morgen, Herr Main.

Main: Frau Leutheusser-Schnarrenberger, nicht, um Ihnen jetzt irgendwelche Bekenntnisse abzuringen, das ist nicht unser Stil, sondern einfach, um der Transparenz willen. Sind Sie konfessionslos?

Leutheusser-Schnarrenberger: Ich bin nicht konfessionslos. Ich bin Mitglied der Evangelischen Kirche.

Main: Das heißt, entweder hat der Humanistische Verband das nicht genau überprüft oder er ist so offen, dass auch evangelische Christen dort auftreten dürfen.

Leutheusser-Schnarrenberger: Ich nehme an, er ist so offen. Ich werde ja auch immer mal wieder zum Katholischen Kirchentag, aber nicht immer, eingeladen. Also, ich denke, der Humanistische Verband wird mit seinem Humanistentag diese Offenheit auf alle Fälle haben und auch haben müssen, denn ich verstehe ihn nicht als einen Gegensatz zu Kirchentagen, sondern als eine wichtige Ergänzung in unserer offenen Gesellschaft.

"Wertedebatten ohne den Anspruch, Werte vorgeben zu wollen"

Main: Sie werden beim Humanistentag mit dem "Welt"-Autor Richard Herzinger und dem CDU-Mann Ali Ertan Toprak die Frage debattieren: Welche Werte braucht unsere Gesellschaft? Was fasziniert Sie am Humanistentag?

Leutheusser-Schnarrenberger: Mich interessiert am Humanistentag, dass dort aus vielen Bereichen Menschen, die eben wahrscheinlich überwiegend konfessionslos sind, zusammenkommen, aber genau auch die wichtigen Wertedebatten führen, die wir brauchen, um zu sehen, was hält unsere Gesellschaft zusammen, die in allen Kontexten geführt werden, natürlich auch innerhalb der Politik, aber eben nicht mit dem Anspruch, anderen Werte vorgeben zu wollen. Und da finde ich, muss der Humanistentag – und wird er auch – seinen Beitrag leisten.

Main: Die verschiedenen humanistischen Verbände in Deutschland, die haben zusammengerechnet wohl eine fünfstellige Mitgliederzahl. Es gibt aber knapp 30 Millionen konfessionslose Menschen in Deutschland. Auch, wenn Sie jetzt nicht die Sprecherin des Humanistischen Verbandes sind, aber haben Sie eine Idee, warum so wenig Konfessionslose als Humanisten organisiert sind?

Leutheusser-Schnarrenberger: Meine Einschätzung ist, dass vielleicht gerade Konfessionslose nicht auch dann einen Verband für sich selbst suchen. Sie haben ja aus unterschiedlichsten Gründen entschieden, nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft und damit auch einer Gruppe zu sein. Und vielleicht ist dieses individuelle Element auch gerade darin zu sehen, dass sie sich dann nicht einem Verband oder einer anderen Organisation anschließen wollen.

Ich glaube aber auch schlicht, dass sehr viele überhaupt gar nicht wissen, was der Humanistische Verband ist, und dass der Humanistentag jetzt ja schon seit vielen Jahren stattfindet.

"Liberalismus wehrt sich gegen Dogmen"

Main: Es ist also wohl eher begründet in einem absoluten Desinteresse an Religion? Immerhin debattieren Humanisten ja die Fragen rund um Religion und Religionsgemeinschaften, auch, wenn sie zu anderen Ergebnissen kommen.

Leutheusser-Schnarrenberger: Es ist ja ganz entscheidend, dass ein Humanistentag sich mit Religion und Religiosität befasst. Und Liberalismus und Religiosität ist ja nicht ein Widerspruch in sich, sondern Liberalismus, der eben mehr und stärker auf die Individualität des Einzelnen setzt, wehrt sich gegen Wahrhaftigkeitsansprüche und Dogmen, die dann für allgemeinverbindlich erklärt werden. Aber wir sind nicht in einem Kampf oder in einer Auseinandersetzung jetzt generell mit Religion oder mit denen, die sich als religiös bezeichnen.

Main: Und da sehen Sie auch die Schnittstelle zum Humanisten-Verband?

Leutheusser-Schnarrenberger: Und da ist auch eine Schnittstelle. Der Humanisten-Verband ist ja nicht mehr auch die kämpferische Truppe gegen Religionen, sondern wenn man sich so ihre Positionen ansieht, dann wollen sie ja auch als weltanschaulicher Verband ihren Beitrag leisten zu Zusammenhalt der Gesellschaft, wollen eher ein bisschen behandelt werden wie Religionsgemeinschaften und sind nicht diejenigen, die sagen, wir wollen überhaupt nicht, dass es diese Organisation und dann diese Kirchen gibt mit ihren auch besonderen Stellungen in einigen Bereichen.

Das Interview wurde zuerst im Deutschlandfunk gesendet. Das vollständige Gespräch können Sie auf auf der Webseite des Deutschlandfunk nachlesen.