Liberalismus trifft auf APO und gewinnt nach Punkten

Vor 50 Jahren diskutierte Ralf Dahrendorf mit Rudi Dutschke am Rande des FDP-Bundesparteitags in Freiburg

Meinung29.01.2018Jürgen Frölich
Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke beim Bundesparteitag 1968 | Landesarchiv Baden-Wuerttemberg Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 085223u Bild 1

Eigentlich stand beim FDP-Bundesparteitag im Januar 1968 ein richtungsweisender Wachwechsel an, doch zwei politische Shooting-Stars sehr unterschiedlicher Couleur drohten dem Ereignis die Schau zu stehlen. 

Eigentlich stand beim 19. ordentlichen Bundesparteitag Ende Januar 1968 ein richtungsweisender Wachwechsel an: Walter Scheel sollte Erich Mende in der FDP-Führung nachfolgen und die Parteispitze insgesamt verjüngt werden. Doch zwei politische Shooting-Stars sehr unterschiedlicher Couleur drohten dem Ereignis die Schau zu stehlen. 

Auf Initiative des liberalen Parteinachwuchses war Rudi Dutschke, prominentester Wortführer der Studentenbewegung, eingeladen worden, mit Vertretern der FDP zu diskutieren. Als Kontrahenten hatte man vor allem Ralf Dahrendorf vorgesehen. Der Soziologieprofessor war zwar erst ein Vierteljahr FDP-Mitglied, galt aber schon als Wortführer einer umfassenden liberalen Reformpolitik, hatte kurz zuvor beim Drei-Königstreffen eine umjubelte Rede gehalten und war mit dem Grundsatzreferat beim Parteitag betraut worden.

Da zudem eines der berühmt-berüchtigten „Go-Ins“ befürchtet wurde, mit dem die aufrührerischen Studenten der „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) akademische und sonstige Veranstaltungen umzufunktionieren pflegten, legte der Bundesvorstand sein Veto ein. Er sei gern bereit, „immer und überall“ mit der APO zu diskutieren, „nur nicht während des Parteitages“, wurde der designierte FDP-Vorsitzende Scheel zitiert.

Unter diesen Umständen distanzierten sich auch Jungdemokraten (der damalige Jugendverband der FDP) und Liberaler Studentenbund von der geplanten Veranstaltung, was Dutschke aber nicht davon abhielt, nach Freiburg zu reisen und seine regionalen Anhänger zu mobilisieren. Vor diesem Hintergrund erklärte sich Ralf Dahrendorf – und auch Hildegard Hamm-Brücher und Hermann Oxfort – bereit, außerhalb des Parteitaggeländes mit Dutschke zu diskutieren.

So kam das berühmte Treffen unter freiem Himmel zustande, das natürlich sofort zum Medienereignis wurde und nicht nur zahlreiche studentische Zuhörer anzog, sondern auch Delegierte und Pressevertreter vor der Kongresshalle fand. Der genaue Verlauf des rund einstündigen Disputs (die Protagonisten saßen auf dem Dach eines „ältlichen Volkswagens“, der offenbar dem CDU-Nachwuchs als Lautsprecherwagen diente) ist nirgends festgehalten worden. Anhand der vielen Zeitungsberichte und sogar eines Filmausschnittes lassen sich aber Charakter und Ergebnis einigermaßen einschätzen. Im Kern drehte es sich um die Reformfähigkeit der Bundesrepublik, die von Dutschke vehement bestritten wurde. Zugleich warf er den liberalen Politikern „Feigheit“ vor, weil sie sich nicht vom – amerikanischen – „Imperialismus“ distanzierten und sich überhaupt der Diskussion mit der APO verweigerten. Letzteres traf auf Dahrendorf augenscheinlich nicht zu. Der Liberale hielt wie schon bei früherer Gelegenheit dem Neomarxisten seine „Heilsgewissheit“ über den Verlauf der Geschichte vor und konterte den Vorwurf der „Fachidiotie der Politik“ mit dem der „Fachidiotie des Protestes“.

Dahrendorf hatte wohl auch unter dem studentischen Publikum schließlich die Mehrheit auf seiner Seite, zumal Dutschke aus Terminnot als erster das Feld räumen musste. Ungerührt hielt Dahrendorf am nächsten Tag seine mit Spannung erwartete Rede, die unter dem Motto "Politik der Liberalität versus Bündnis der Unbeweglichkeit" stand. Dabei ging er auch nochmals kurz auf das improvisierte Rededuell am Vortag ein und trat folgerichtig dafür ein, sich auch „unbequemen Diskussionen“ zu stellen. Die Delegierten, die keineswegs alle von Dahrendorfs Schritt begeistert gewesen waren, dankten ihm nach seiner Rede mit lang anhaltendem Beifall und wählten ihn mit dem drittbesten Ergebnis als Beisitzer in den Bundesvorstand.

Offenbar waren sie der gleichen Meinung wie ein Zeitzeuge, der in seinem Tagebuch festhielt: „Dahrendorf zeigte sich der nicht gerade leichten Aufgabe durchaus gewachsen, dem von etwa 2000 herbeigeströmten Studenten verehrten ‚roten Rudi‘ überzeugend Paroli zu bieten, … [und] ging als Sieger vom ‚Kampfplatz‘.“

Auch die FDP-Führung war im Nachhinein mehr als erleichtert über den Ausgang der Sache. In einer Presseschau zum Parteitag wurden ausdrücklich Schweizer Stimmen hervorgehoben, die „das rückhaltlose Bekenntnis Prof. Dahrendorfs zur Diskussion auch dort, wo sie unbequem ist“, lobten. Allerdings wurde auch beschlossen, dass die auflagenträchtige Broschüre, in der Dahrendorfs Parteitagsrede verbreitet werden sollte, „ohne Dutschke-Bild“ erschien. Das verhinderte aber nicht, dass das Bild der beiden Diskutanten auf dem Autodach zum Symbol für die Auf- und Umbrüche der 1960er Jahre wurde. Nicht zuletzt Ralf Dahrendorf war es zu verdanken, dass der deutsche Liberalismus dabei aktiv mitwirkte.