Liberalismus als Lebenshaltung

Diskussion mit Irmgard Schwaetzer über liberale Werte

Nachricht16.05.2017Michael Roick
Schwaetzer
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

„Keine Aufgabe ist dir so auf den Leib geschnitten wie jetzt die Aufgabe als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland“. In sehr persönlichen Worten würdigte der Vorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Wolfgang Gerhardt die Lebensleistung seiner langjährigen politischen Weggefährtin Dr. Irmgard Schwaetzer. Anlässlich ihres 75. Geburtstages hatte die Stiftung zu einem Dialog über liberale Werte in einer postfaktischen Welt geladen.

In Anwesenheit vieler ehemaliger Kolleginnen und Kollegen und Freundinnen und Freunden aus Partei und Fraktion, öffentlicher Ämter und zahlreicher  Ehrenämter erinnerte der Stiftungsvorsitzende an gemeinsame und über lange Strecken sehr bewegte Jahre: Dass Liberalismus nicht zuletzt eine Lebenshaltung ist, verkörpere Irmgard Schwaetzer in herausragender Weise.

Dabei hob er ihre Arbeit als FDP-Generalsekretärin - ab November 1982 – besonders hervor. Kurz zuvor war seinerzeit die Koalition mit der SPD wegen unüberbrückbarer Gegensätze in der Außen- und Wirtschaftspolitik zu Ende gegangen. Vom ehemaligen Koalitionspartner war dann – zwar medienwirksam aber sachlich unzutreffend und sozusagen „postfaktisch“ - der Vorwurf des „Verrats“ erhoben worden. In dieser hoch aufgewühlten Zeit als erste Frau den Generalsekretärs-Posten zu übernehmen, setzte viel Mut und Unbeirrbarkeit in Sachen liberaler Werte voraus, die noch heute Anerkennung und Respekt verdiene: „Du hast das damals sehr erfolgreich gemacht!“

In seiner Funktion als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung für die Freiheit würdigte Karl-Heinz Paqué in seinem Grußwort die Leistung Irmgard Schwaetzer für ihren Einsatz für ein breiter angelegtes Verständnis von Liberalismus. 

Irmgard Schwaetzer habe als Person und durch ihr Engagement ein solches Verständnis immer verkörpert und auch angemahnt. Paqué erinnerte in diesem Zusammenhang an frühere – zum Teil sehr leidenschaftliche – Diskussionen zu Fragen der Sozialpolitik, in die Irmgard Schwaetzer sich intensiv eingebracht habe und dies ohne Rücksicht darauf, ob dadurch schnelle Sympathien und Anerkennung zu ernten waren. Aber genau von diesen leidenschaftlichen Debatten, von der niemals abgeschlossenen Suche nach besseren Lösungen  lebe die offene Gesellschaft. Wichtig sei daher eine „Revitalisierung der Debattenkultur“. Den Vertretern des sogenannten postfaktischen Zeitalters, die sogar glaubten, auf das regulative Prinzip der Wahrheit verzichten zu können, sei entschieden zu widersprechen und zwar mit Leidenschaft und Engagement. 

Im anschließenden – so interessanten wie kurzweiligen - Gespräch mit der Redakteurin Svenja Flasspöhler vom Deutschlandradio Kultur wurden einzelne Positionen und Schwerpunkte des politischen und gesellschaftlich-kirchlichen Engagements von Irmgard Schwaetzer dann noch genauer herausgearbeitet. Einige zentrale Aussagen zusammengefasst:

Liberales politisches und kirchliches Engagement bilden keinen Widerspruch, da der zentrale Begriff der Freiheit immer mit Verantwortung gekoppelt ist.Der Begriff der „Leitkultur“ ist nicht hilfreich. Gesellschaft ist nichts statisches und Kultur befindet sich im ständigen Wandel: „Freiheit bedeutet doch nichts anderes, als dass die Menschen jeweils ihre Kultur leben können, soweit sie dabei das Grundgesetz nicht verletzen.“ Die Liberalen haben ihre jüngsten Erfolge verdient, da sie sich nach intensiven Debatten auch programmatisch erweitert und erneuert haben. Bestimmte Politikfelder (Stichwort: Globalisierung) werden zwar kontrovers diskutiert, aber sie müssen noch breiter, in all ihren Dimensionen und Aspekten, behandelt werden.

Angesprochen auf ihr jahrzehntelanges frauenpolitisches Engagement kam sie allerdings zu einem recht ernüchternden Ergebnis: Seit 1982, als sie zur Generalsekretärin der FDP gewählt worden sei habe sich am Anteil der Frauen in den Führungsgremien nicht wirklich etwas verändert. Der freie Aushandlungsprozess habe nicht funktioniert. Die Festlegung einer Quote für die Partei sei daher ein notwendiges Instrument.

Svenja Flasspöhler bezog sich im Verlauf des Gesprächs auf eine Rede von Präses Irmgard Schwaetzer vom August 2016, gehalten auf dem Sommerfest der Evangelischen Akademie zu Berlin. Darin wird in aller Klarheit deutlich, worauf es gegenwärtig ankommt und wofür politisch-gesellschaftliches Engagement nach wie vor unabdingbar ist:

„Die Zukunft der Demokratie kann uns nicht egal sein. Sie setzt den Rahmen für das friedliche Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft. Ein funktionierender Rechtsstaat schafft die Grundlage gegen willkürliche Ausgrenzung und Diskriminierung von Andersdenkenden und Fremden. Jetzt geht es darum, die offene Gesellschaft und die Demokratie insgesamt zu verteidigen.“