Liberale Stichtage
06.06.2011 - Liberale Stichtage: Gründung der Deutschen Fortschrittspartei vor 150 Jahren

Vertreter der Deutschen Fortschrittspartei 1862, u.a. Rudolf Virchow (2. Reihe, 2. vl.), Franz Duncker (2. Reihe 1.v.l.), Karl Twesten (2. Reihe, 6. vl.) sowie Leopold Freiherr von Hoverbeck (3. Reihe, 5. vl.) (Quelle: ADL, Leopold Freiherr von Hoverbeck)
Vertreter der Deutschen Fortschrittspartei 1862, u.a. Rudolf Virchow (2. Reihe, 2. vl.), Franz Duncker (2. Reihe 1.v.l.), Karl Twesten (2. Reihe, 6. vl.) sowie Leopold Freiherr von Hoverbeck (3. Reihe, 5. vl.) © ADL, Leopold Freiherr von Hoverbeck

Der 6. Juni 1861 sollte die politische Landschaft in Preußen und in Deutschland sowohl kurz- wie mittelfristig grundlegend verändern. An diesem Tag verständigten sich einige Abgeordnete des Preußischen Landtags, die der Fraktion „Junglithauen“ angehörten (vgl. Liberaler Stichtag 02.03.2011) mit Berliner Linksliberalen, die sich im „Nationalverein“ engagierten (vgl. Liberaler Stichtag 15./16.09.2009) auf ein Programm, mit dem man gemeinsam zu den anstehenden Abgeordnetenhaus-Wahlen antreten wollte.

Damit sollte eine sowohl gemäßigte „Liberal-Konstitutionelle“ als liberal-demokratische Kräfte umfassende Organisation ins Leben gerufen werden. Das wurde dann, nach kurzlebigen Ansätzen 1848/49, zur eigentlichen Geburtsstunde des deutschen Parteiensystems, an dessen Wiege der Liberalismus stand. Denn die neue „Deutsche Fortschrittspartei“ vertrat eindeutig innen- wie außen- bzw. nationalpolitisch liberale Ziele, so forderte sie u. a. den Ausbau des Rechtsstaates und der Selbstverwaltung, konsequente Durchführung der Gewerbefreiheit und die Einberufung eines deutschen Nationalparlamentes.

Anders als 1848 sollte dies aber nicht auf revolutionärem, sondern evolutionärem Wege durchgesetzt werden: Zunächst galt es Preußen zu liberalisieren und dann Deutschland unter seiner Führung zu vereinen. Dieses Programm fand großen Anklang, auch weil die Fortschrittspartei im Verbund mit dem „Nationalverein“ eine recht wirksame Organisationsform ausbildete: Im Dezember 1861 wurde sie im preußischen Abgeordnetenhaus auf Anhieb stärkste Fraktion, gemeinsam mit anderen liberalen Gruppierungen verfügte sie sogar über die Mehrheit dort.

Doch dann wurde sie eher gegen ihren Willen in einen langwierigen „Verfassungs“-Konflikt mit der monarchischen Exekutive gezwungen, der 1866 mit einem je nach Sichtweise Teilsieg oder einer Teilniederlage endete: Nationalpolitisch war mit der Gründung des Norddeutschen Bundes ein wichtiger Schritt in Richtung des Nationalstaates getan, innenpolitisch war aber die Liberalisierung Preußens ins Stocken geraten. Zudem spaltete sich die Fortschrittspartei wie der preußische und deutsche Liberalismus in eine bismarck-freundliche nationalliberale und eine bismarck-feindliche fortschrittsliberale Richtung.

Organisatorisch ging die Fortschrittspartei 1884 in der Deutsch-Freisinnigen Partei auf (vgl. Liberaler Stichtag 05.03.2009), aber es bestanden Verbindungslinien bis in den Weimarer Liberalismus und indirekt bis zum deutschen Nachkriegsliberalismus. Dieser weist somit die längste organisatorische Traditionslinie aller politischen Richtungen in diesem Land auf.

Liberale Stichtage - mit dieser Serie erinnert das Archiv des Liberalismus in unregelmäßigen Abständen an Ereignisse und Personen aus der Geschichte des deutschen Liberalismus. 

  • Beitrag von Dr. Hermann Pachnicke (MdR) zur Geschichte des Deutschen Liberalismus (Quelle: Fortschrittliches Taschenbuch 1912/13. Berlin 1914; C1-851)