Leidenschaftliche Demokratin und eigenwillige Liberale

Zum Tod unseres langjährigen Kuratoriumsmitgliedes Hildegard Hamm-Brücher

Nachricht09.12.2016Jürgen Frölich
35 Jahre lang gehörte Hildegard Hamm-Brücher dem Kuratorium der Stiftung für die Freiheit an.
35 Jahre lang gehörte Hildegard Hamm-Brücher dem Kuratorium der Stiftung für die Freiheit an.CC-BY-SA 3.0 Bundesarchiv, B 145 Bild-F049588-0007 / Gräfingholt, Detlef

Vor wenigen Monaten feierte sie noch ihren 95. Geburtstag. Nun ist Hildegard Hamm-Brücher, die „große alte Dame des deutschen Liberalismus“, in ihrer bayerischen Wahlheimat verstorben. Mit ihr verliert die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit eine wichtige Wegbegleiterin über viele Jahrzehnte: Sie wurde unmittelbar nach der Stiftungsgründung 1958 in das Kuratorium berufen und gehörte ihm 35 Jahre lang an.

Obwohl damals noch vergleichsweise jung an Jahren, war aufgrund ihrer Biographie kaum jemand so prädestiniert wie Hildegard Hamm-Brücher, politische Bildung auf liberaler Grundlage zu gestalten: 1921 in Essen geboren, hatten sie einerseits die Erfahrungen der Ausgrenzung und Unfreiheit nach 1933 geprägt, als sie plötzlich trotz ihrer protestantischen Sozialisation als „Halbjüdin“ galt und dann nur mit Glück und dank der Zivilcourage einiger Menschen in ihrer Umgebung die Zeit des Nationalsozialismus weitgehend unbeschadet überstand. Den „Zusammenbruch“ von 1945 empfand Hildegard Hamm-Brücher so ohne Einschränkung als „Befreiung“, und die Etablierung einer „freiheitlichen Praxis“ wurde seitdem zu ihrer Lebensaufgabe.

Wolfgang Gerhardt

Die Stiftung für die Freiheit, deren Kuratorin sie war, hat ihr viel zu verdanken. Wir verabschieden uns nun schweren Herzens von Hildegard Hamm-Brücher. Wir werden sie nicht vergessen. Sie hat eine unglaubliche Lebensleistung für sich selbst, für ihre Familie und für die Bundesrepublik Deutschland erbracht. Dafür schulden wir ihr großen Dank.

Wolfgang Gerhardt

Dass sie dies Ziel alsbald wirkungsvoll verfolgen konnte, lag an Theodor Heuss, den sie 1946 traf und der ihr zum politischen Engagement riet. Heuss und sein liberales Konzept einer demokratischen Bürgergesellschaft bildeten ein weiteres Leitbild für Hildegard Hamm-Brücher, welches sie in die FDP führte, für die sie 1948 erstmals erfolgreich – zum Münchner Stadtrat – kandidierte.

Bayern war - nicht nur damals – kein ausgesprochen günstiges Terrain für liberalen Gestaltungwillen, Hildegard Hamm-Brücher hat sich davon nicht beirren lassen: 1950 wurde sie als erste FDP-Abgeordnete in den bayerischen Landtag gewählt, 1962 verteidigte sie ihr Mandat in scheinbar aussichtsloser Lage durch kluge Ausnutzung einer Besonderheit im bayerischen Wahlgesetz und einige Jahre später wurde auf ihre außerparlamentarische (!) Initiative hin die Simultanschule, ein klassisches liberales Anliegen, auch dort zur Regelschule.

Leutheusser-Schnarrenberger: „Die Figur des 'ausländischen Agenten' ist absurd“

Sie war eine aufrechte und leidenschaftliche Demokratin, große Liberale, Kämpferin gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Ohne ihr Engagement für Bildung und Demokratie wäre die Bundesrepublik nicht das was, sie heute ist. 

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Ab 1967 hat sie ihre liberale Vorreiter-Rolle auch überregional ausgeübt, als erste Staatssekretärin im Land Hessen und dann als Staatssekretärin in der ersten sozial-liberalen Koalition. Sie gehörte damals zu jenem illustren Kreis von Bildungsreformern, die seit Anfang der 1960er Jahre die „Bildungskatastrophe“ abwenden und die gesamte deutsche Bildungslandschaft sowohl an die Gegebenheit einer offenen Gesellschaft anpassen als auch zukunftsfit machen wollten, nicht zuletzt dank Hildegard Hamm-Brücher durchaus mit Erfolg.

1970 kehrte sie nach Bayern zurück, um die FDP mit Hilfe ihrer inzwischen gewonnenen Popularität erfolgreich zurück in den Landtag zu führen. Doch auf Dauer blieb die Bundespolitik nunmehr ihre Bühne, sei es als stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende, sei es als Bundestagsabgeordnete oder als erste Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Dort oblag ihr die auswärtige Kulturpolitik, deren Etat sich in ihrer sechsjährigen Amtszeit überproportional vermehrte.

Hildegard Hamm-Brücher machte aus ihren Überzeugungen niemals einen Hehl, sie war im besten Sinne des Wortes eine eigenwillige Liberale. So auch beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt 1982, als sie sich nicht der Mehrheitsmeinung ihrer Fraktion anschließen wollte. In einer vielbeachteten Rede stellte sie die Legitimität des Kanzler- und Koalitionswechsels mitten in der Legislaturperiode in Frage und plädierte für Neuwahlen.

Diese Erfahrung war für sie Anlass, intensiv über die Rolle der Abgeordneten in unserem politischen System zu reflektieren, woraus sie die Forderung nach einer Stärkung der Volksvertreter gegenüber Fraktionszwängen und Regierungseinflüssen ableitete. Für eine Parlamentsreform in dieser Richtung hat sie sich bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag 1990 stark engagiert. Ihre Zugkraft galt aber auch danach noch als so groß, dass die FDP sie 1994 bei der Bundespräsidentenwahl aufstellte, wo Hildegard Hamm-Brücher in zwei Wahlgängen ein überaus achtbares Ergebnis erzielte.

Mit ihr verbindet sich nicht nur der Ruf einer unbeirrbaren liberalen Reformpolitikerin, sondern auch derjenige einer Mahnerin, die Lehren der deutschen Irrungen im frühen 20. Jahrhundert nicht zu vergessen. Ihr diesbezügliches Engagement hat sie in staunenswerter Weise seit dem politischen Neubeginn bis ins hohe Alter fortgeführt; bis zuletzt meldete sie sich zu Wort, wenn sie die demokratisch-liberale Kultur unseres Landes bedroht sah. Und die öffentliche Aufmerksamkeit war ihr dabei sicher.

Durch ihr öffentliches Wirken im Sinne eines demokratischen, undogmatischen Liberalismus hat Hildegard Hamm-Brücher zweifellos Maßstäbe gesetzt. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit gedenkt ihrer mit großer Dankbarkeit und sieht in ihrem vorbildlichen liberalen Engagement eine Verpflichtung für die zukünftige Arbeit.