Korea
Park Won-soon: Freitod auf dem Weg an die Spitze

Der Bürgermeister von Seoul ist im Alter von 64 Jahren tot aufgefunden worden.
Südkoreaner trauern um den verstorbenen Park Won-soon.
Südkoreaner trauern um den verstorbenen Park Won-soon. © Seoul Metropolitan Government

Mit 64 Jahren denken viele so langsam ans Aufhören. Für Park-Won-soon, den Bürgermeister der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, schien dies keine Option zu sein. So kreativ, kompetent und mutig wie er die Hauptstadt in seinen zweieinhalb Amtszeiten bislang zur „Smart City Seoul“ umgestaltet hatte: Es blieb noch viel zu tun. In Südkorea definieren viele den Bürgermeister der Stadt Seoul als zweitmächtigsten Mann im Staate. Bei seinen Verdiensten und seiner Beliebtheit bot es sich an, 2022 bei der nächsten Präsidentschaftswahl anzutreten. Solchen Spekulationen widersprach er nicht ernsthaft. Doch nun wurde Park-Won-soon tot aufgefunden.


Seouls Bürgermeister hat seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Fremdeinwirkung wird angesichts der Abläufe und der Auffindungssituation ausgeschlossen. Am vergangenen Donnerstag, dem 9. Juli 2020, verließ er am späten Vormittag sein Haus. Er hatte sämtliche Termine abgesagt. Seine Tochter fand eine Nachricht, die als Abschiedsbrief interpretiert werden musste, und löste mit ihrer Vermisstenmeldung um 17:17 Uhr Ortszeit eine Großfahndung aus. Um 00:01 Uhr fand die Polizei den Bürgermeister - tot. Durch eine der vielen öffentlichen Überwachungskameras weiß man, dass er mit dem Taxi zum bewaldeten Woryong-Park zum bergigen Teil Seouls gefahren war, wo er seinem Leben ein Ende setzte. Neben seiner Leiche fanden sich neben einer Wasserflasche, Schreibutensilien und seinem Telefon auch seine Visitenkarte: Zweifel wollte er erst gar nicht aufkommen lassen.

Bei einer Pressekonferenz wurde mit Zustimmung seiner Familie auch sein Abschiedsbrief gezeigt. Darin dankt er seinen Weggefährten, sagt, dass ihm leidtue, was passiert sei. Er verfügt eine Verbrennung seines Leichnams mit anschließendem Verstreuen der Asche auf dem Elterngrab und bittet seine Familie um Entschuldigung für Trauer und Leid. Zu den Vorwürfen, die mit seinem Freitod in unmittelbare Beziehung gesetzt werden, sagt er nichts.

Ermittlungen gegen einen Feministen wegen sexueller Belästigung

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass seine ehemalige Sekretärin Anzeige wegen körperlicher und verbaler sexueller Belästigung erstattet und die Polizei entsprechende Ermittlungen aufgenommen hatte. Für eine Einordnung zum Gehalt der Anschuldigungen blieb keine Zeit mehr, da er bereits am Donnerstag Selbstmord beging und die Ermittlungen damit eingestellt wurden.

Bürgermeister Park war einer der prominentesten Unterstützer der #MeToo-Bewegung, die in der Gesellschaft Südkoreas ein noch stärkeres Beben auslöste als in den meisten anderen Ländern. #MeToo war eine Art Initialzündung für eine selbstbewusstere Generation von Frauen, die für sich beschlossen hat, sich in der stark männerdominierten Gesellschaft nicht mehr alles gefallen zu lassen. In Bürgermeister Park, der seine Karriere in den 1990er-Jahren als Menschen- und Bürgerrechtsanwalt begonnen hatte, fanden sie einen entschiedenen Unterstützer und Fürsprecher. Park hatte genau auf dem Gebiet, das ihn nun selbst in Verlegenheit gebracht hatte, Geschichte geschrieben: Er gewann als erster Rechtsanwalt einen Gerichtsprozess, der sexuelle Belästigung ahndete.

Park bezeichnete sich selbst als Feministen, was er auch als unüberhörbarer Fürsprecher für die Interessen der „Trostfrauen“ unter Beweis stellte. Sie hatten unter der Kolonialherrschaft der Japaner und im Zweiten Weltkrieg durch Zwangsprostitution, sexuelle und körperliche Ausbeutung in einer Weise gelitten, die die Vorstellungskraft zivilisierter Menschen an ihre Grenzen bringt. Menschenrechtsanwalt Park war stets ein engagierter, wortstarker Vertreter Ihrer Interessen.

Lebenslänglich konsequent, bis in den Tod?

Parks Lebensleistung als Menschen- und Bürgerrechtsanwalt sowie als Bürgermeister der Hauptstadt Süd-Koreas wird allgemein anerkannt. Umso größer waren Erstaunen und Bestürzung in ganz Korea, als vor zwei Tagen die Anschuldigungen der sexuellen Belästigung publik wurden. Er war in weiten Teilen der Bevölkerung stets für seinen Mut, seine Konsequenz und Visionen geschätzt worden.

Der 1956 als sechstes Kind einer armen Bauernfamilie geborene Park war in seiner Kindheit ein Träumer und Bücherwurm mit zahlreichen Interessen und einem unstillbaren Bildungshunger. Als er als Student der renommierten Seoul National University angenommen wurde, schien für ihn ein Traum in Erfüllung zu gehen. Nach Teilnahme an einer Gedenkveranstaltung für einen Aktivisten der Demokratiebewegung wurde er zwangsexmatrikuliert und vier Monate lang inhaftiert. Nach seinem Examen an der Dankook Universität wurde Park 1980 zunächst Staatsanwalt, wechselte aber nach knapp einem Jahr die Seiten und wurde Rechtsanwalt. Für politische Aktivisten war er ebenso ein engagierter Rechtsbeistand wie für Frauen, die unter sexueller Belästigung litten. In dieser Zeit begann seine Selbstbezeichnung als „Feminist“.

Als Bürgerrechtsaktivist machte er sich ab 1994 als Gründungsmitglied einer Solidaritätsbewegung für mehr soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit und einer progressiven Anwaltsvereinigung einen Namen. Ebenso unterstützte Park zahlreiche Organisationen zur Stärkung der Zivilgesellschaft.

Zum Bürgermeister Seouls wurde er als parteiloser Kandidat gewählt und blieb in seiner Amtsführung vielen seiner Themen treu. Später trat er in die Demokratische Partei ein, die seit Langem eine stabile Parlamentsmehrheit hat und den Präsidenten stellt. In den Jahren 2016/2017 beteiligte Park-Won-soon sich an den Protesten zur Absetzung der damals unter Korruptionsverdacht stehenden Präsidentin Koreas. Dafür nahm er sogar seine zeitweilige Amtsenthebung in Kauf.

Ein mutiger Mann also, mit Standfestigkeit und Konsequenz? Vor allem viele Frauen sehen das differenzierter und wollen sich der Trauer um seinen Tod nicht anschließen. Sie nehmen ihm übel, dass er durch seinen Selbstmord eine amtliche Aufklärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe unmöglich macht, da die Ermittlungen nun eingestellt werden müssen. Damit entziehe er sich der Verantwortung.

Vor diesem Hintergrund hat sich schon am Tage des Bekanntwerdens seines Todes eine Bewegung formiert, die per Petition verhindern möchte, dass Park im Rahmen fünftägiger Trauerfeierlichkeiten Ehrenrituale zuteilwerden, wie sie Bürgermeister protokollarisch zustehen. Im Präsidentenpalast wird man sich mit dieser Frage wohl befassen müssen, da die notwendige Mindestzahl an Unterstützerunterschriften mit einiger Sicherheit erreicht werden wird.


Dr. Christian Taaks ist Leiter des Korea-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Seoul.

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Jordi Razum, Kommunikationsreferent
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