In eigener Sache

Kontinuität und Erneuerung

Zum 75. Geburtstag von Wolfgang Gerhardt

Meinung31.12.2018Jürgen Frölich
Wolfgang Gerhardt
Wolfgang Gerhardt vor einem Porträt von Friedrich Naumann, 2007Eberhard von Goldacker, Friedrich-Naumann-Stiftung / Theodor-Heuss-Akademie

Unter den Stiftungsvorsitzenden ist er der Rekordhalter: Fast zwölfeinhalb Jahre, vom April 2006 bis zum September dieses Jahres, stand Dr. Wolfgang Gerhardt an der Spitze der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Während seines ganzen politischen Wirkens waren Wolfgang Gerhardts Markenzeichnen Kontinuität und Erneuerung. Er war immer offen für den Wandel und das Neue, aber ausgehend von gesicherten Fundamenten. Das machte Wolfgang Gerhardt von Natur aus zum geborenen Vermittler und „Troubleshooter“, eine Rolle, in die er sich nicht drängte, die er aber in seiner politischen Karriere mehrfach einnahm. So setzte er sich 1995 bei der Kampfabstimmung auf dem FDP-Bundesparteitag gegen Jürgen W. Möllemann durch und übernahm die Führung einer nach dem Rücktritt von Klaus Kinkel stark verunsicherten FDP. Ganz ähnlich war es 1998 nach der Abwahl der christlich-liberalen Koalition: Wolfgang Gerhardt wurde Vorsitzender der erstmals nach fast drei Jahrzehnten wieder oppositionellen Bundestagsfraktion. In beiden Ämtern hat er mit seiner ruhigen und ausgeglichenen Art dafür gesorgt, dass die Liberalen wieder Fuß fassten.

Wolfgang Gerhardt konnte aber auch anders, als er 1987 gemeinsam mit Walter Wallmann (CDU) die vierzigjährige Dominanz der SPD in seinem Heimatland Hessen beendete. Den neuen Kurs seines Nachfolgers im Parteivorsitz, Guido Westerwelle, trug Gerhardt zwar solidarisch mit, hielt sich aber weder vor 2009 noch zu Zeiten der Regierung Merkel-Westerwelle mit Kritik zurück, wenn ihm diese angebracht schien.

Nach der Wahlniederlage 2013 stellte er sich als Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung ganz in den Dienst der liberalen Sache, wohlwissend, dass das Schicksal des organisierten Liberalismus auch gravierende Auswirkungen auf die liberale Bildungsarbeit im In- und Ausland haben würde. Nachdem die Fortexistenz des politischen Liberalismus in Deutschland gesichert und vor einem Jahr auf ein neues Fundament gestellt worden war, übernahm Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué den Vorsitz. Als Ehrenvorsitzender des Vorstands bleibt Wolfgang Gerhardt der Stiftung jedoch weiterhin eng verbunden.

Dr. Jürgen Frölich ist Referent für historische Liberalismus-Forschung im Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Gummersbach.