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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

Konjunktur
Coronavirus: Lieber nachhaltige Wachstumspolitik als blinden Aktionismus

Das Coronavirus nimmt über Handels-, Kommunikations- und Verkehrswege Kurs auf alle Kontinente der Welt
Paqué
© Thomas Imo/photothek.net

Man staunt: Kaum ist ein global aktiver Virus in Deutschland angekommen, setzt ein Stimmengewirr von wirtschaftspolitischen Forderungen ein. Das meiste davon ist unbrauchbar, meint der Volkswirt und Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Karl-Heinz Paqué.

Vor der Therapie kommt die Diagnose. So ist es gute Praxis nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Wirtschaftspolitik. Was ist also genau geschehen? Ein Virus ist in China entstanden – wie die Weltgesundheitsbehörde feststellt: wegen haarsträubend unhygienischer Bedingungen auf Wildtiermärkten, wie sie in Ostasien bisher üblich sind, aber hoffentlich bald in dieser Form der Vergangenheit angehören werden. Das Virus nimmt über Handels-, Kommunikations- und Verkehrswege Kurs auf alle Kontinente der Welt – in Europa bisher mit Schwerpunkt in Norditalien, aber auch Deutschland ist betroffen. Es wird dabei immer schwieriger, den Weg des Virus exakt festzustellen, was für die Epidemiologen große Probleme aufwirft: Wie soll man ein Virus eindämmen, von dem man nicht weiß, wo genau es zuletzt herkommt?

Kurzum: eine durchaus massive globale Welle der Infektion ist nicht auszuschließen. Was würde dies im Falle von Corona wirtschaftlich bedeuten? Zweifellos weitere traurige Todesfälle, vor allem bei Kranken und körperlich geschwächten Menschen. Aber bei der moderaten Gefährlichkeit des Virus gäbe es wohl eine noch viel größere Anzahl von vorübergehenden Erkrankungen, die zu Arbeitsausfall führen. Hinzu käme im Ernstfall – wie jetzt schon in Teilen Chinas – der komplette Rückzug ins Home Office zum Vermeiden weiterer Ansteckung durch Menschenkontakt. Also: praktisch ein Produktionsstopp, jedenfalls in der Industrie. Des Weiteren: Stopp von Teilen des Flugverkehrs, Stopp für Zulieferketten in der globalen Arbeitsteilung, Stopp für jedwede Ansammlung von Menschen, etc., etc.

Schwere Rezession dank Quarantäne

Im Extremfall kann dies einen gewaltigen volkswirtschaftlichen Produktionsausfall nach sich ziehen. Das lässt sich leicht quantitativ durchspielen: Zwei Wochen ohne Arbeit in Deutschland machen rein rechnerisch rund vier Prozent des BIP aus. Die üblichen 14 Tage Quarantäne pro Arbeitskraft, das wäre dann schon eine schwere Rezession! Allerdings eine Rezession, die fast schicksalhaft wirkt und kaum mit den üblichen Instrumenten des fiskal- und geldpolitischen Krisenaktionismus zu bekämpfen ist. Denn wie soll zum Beispiel ein staatliches Investitionsprogramm, wie es Marcel Fratzscher fordert, überhaupt durchgeführt werden, wenn all die Beschränkungen gelten, die der Virus nötig macht? Sollen plötzlich Baubetriebe Aufträge erhalten, die überhaupt nicht durchzuführen sind, weil es an den Zulieferungen fehlt und die Bautrupps nicht ausrücken dürfen? Ähnlich abwegig sind Forderungen, die eine Abkehr von globalisierten Lieferketten verlangen, wo doch nicht die Weltwirtschaft selbst, sondern die mangelnde Hygiene in Chinas Wildtiermärkten das Problem geschaffen hat. Sollte man nicht eher diesen Praktiken ein Ende setzen, was ja die chinesische Regierung derzeit in gewohnt brachial-totalitärer Form bereits tut?

Allenfalls eine kreditpolitische Lockerung zur Sicherung von laufenden Zahlungen ist sinnvoll, gegebenenfalls unterstützt durch Garantien der Zentralbank - als Notmaßnahme der Liquiditätssicherung. Dies gilt für außenwirtschaftliche Verpflichtungen genauso wie für Arbeitslöhne, die ja trotz Produktionsausfall von Unternehmen weiter gezahlt werden müssten. Hier ist der Staat im Katastrophenfall ohnehin in der Pflicht. 

Jenseits dessen ist aber die Gesundheitspolitik am Zuge. Sie muss alles in die Wege leiten, was hilft, die Verbreitung des Virus konsequent einzudämmen – und wenn dies eine schwere konjunkturelle Delle verursacht, dann ist dies eben so. Läuft dann -  hoffen wir möglichst bald - die Verbreitung des Virus aus, werden die Maschinen neu angeworfen, die Menschen kehren an ihre Arbeitsplätze zurück und die Lieferketten laufen wieder an. Übrigens dann mit Vollauslastung, Überstunden und fieberhafter Handelsaktivität. Was an BIP verloren ging, wird weitgehend nachgeholt, natürlich über einen längeren Zeitraum gestreckt.

Wohlgemerkt: Es bleiben unverändert jene schweren Risiken für die Weltwirtschaft, die es auch schon vor Corona gab und gibt, von Trumps Protektionismus über den Brexit bis hin zu den deutlichen Spuren einer Rezession in Deutschland und anderen führenden Industrieländern. Vorausschauende Wachstumspolitik ist deshalb in Deutschland dringlicher denn je, vor allem die steuerliche Entlastung der Unternehmen sowie der Bürokratieabbau bei Planungsverfahren. Und natürlich sollte die gesundheitspolitische Koordination auf europäischer Ebene von den Wirtschaftsministern genutzt werden, um Konzepte zu entwickeln, wie die globalen Wachstumskräfte gemeinsam zu stärken sind.

Corona könnte deshalb auch etwas Positives bewirken: einen Weckruf für Europa.

 

Dieser Artikel erschien am 28.02.2020 in der WirtschaftsWoche und ist online hier zu finden.

 

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