Kim-Trump Gipfel
Ein Gewinner steht schon fest: Vietnam

Ein Balanceakt zwischen übermächtigen Nachbarn und einer wachsamen Supermacht
Trump Kim
Das zweite Treffen zwischen Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un und US-Präsident Donald Trump in Vietnam. © picture alliance/MAXPPP Herunterladen

Das Gipfeltreffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un in Hanoi lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Entwicklungen und die zunehmende internationale Bedeutung Vietnams. Die Symbolkraft der Entscheidung für Vietnam als Austragungsort ist stark. Einst bitter verfeindet, existieren heute weitreichende Beziehungen mit den USA. Seit den wirtschaftlichen Reformen Mitte der 80er Jahre präsentiert sich das Land als attraktive Werkbank, mit günstigen Rahmenbedingungen sowie politischer Stabilität. Es ist einer der attraktivsten Investitionsstandorte und zieht immer stärker internationales Kapital an. Gleichzeitig ist Vietnam mit fast 100 Millionen Einwohnern und wachsender Mittelschicht einer der dynamischsten Zukunftsmärkte. Die internationale Integration ist dabei zentraler Bestandteil seiner Außenpolitik. Auch um seine Unabhängigkeit zu bewahren, muss dabei ein schwieriger Balanceakt zwischen übermächtigen Nachbarn und einer wachsamen Supermacht gelingen.

Seit der Ankündigung des Gipfeltreffens zwischen Kim Jong Un und Donald Trump in Hanoi entsteht eine wiedergefundene Zuneigung zwischen den zwei sozialistischen Bruderstaaten Vietnam und Nordkorea. Dabei ist die Beziehung zum kapitalistischen Südkorea für das südostasiatische Land nicht nur wirtschaftlich viel intensiver.

Pham Ngoc Canh ist ein unauffälliger alter Mann, der seit 30 Jahren in einer 30-Quadratmeter-Wohnung in der alten Stadt Hanoi lebt. Seit zwei Wochen befindet er sich im Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit, denn sein Leben beinhaltet eine einzigartige Liebesgeschichte mit der Nordkoreanerin Ri Yong Hui, die seit 2002 seine Ehefrau ist. Mit 22 Jahren wurde Canh mitten im Vietnamkrieg 1971 zum Studium nach Nordkorea geschickt. Dort lernte er die Arbeiterin Hui kennen. Es sollte eine hoffnungslose Liebe auf den ersten Blick sein, denn sowohl Nordvietnam als auch Nordkorea verboten damals ihren Bürgern, Ausländer zu heiraten. Und so kehrte Canh nach Hanoi zurück. Auch wegen der verschlechterten Beziehungen ihrer Länder verloren die beiden den Kontakt. Trotzdem blieb diese Liebe und Nordkorea in Canhs Herzen. Er organisierte Lebensmittelhilfen für Nordkorea, insbesondere bei den Hungersnöten in den 90er Jahren. Sein unermüdliches Engagement beeindruckte die nordkoreanische Führung und die Beiden durften im Jahr 2002 schlussendlich heiraten. Heute leben die beiden glücklich in Hanoi.

Die Geschichte von Herrn Canh ist nur eine von unzähligen Geschichten der nordkoreanisch-vietnamesischen Beziehung. In diesen Tagen sind solche Geschichten sehr gefragt und laufen in Vietnam auf allen medialen Kanälen. Plötzlich erinnert man sich und ehrt die 14 koreanischen Kampfpiloten, die im Krieg gegen Amerika in Vietnam ihr Leben verloren und an den Soldatenfriedhof in der Provinz Bac Giang. Egal, ob ein von Nordkorea finanzierter Kindergarten oder die nordkoreanischen Restaurants in Hanoi, alle werden genutzt um die Beziehungen der beiden Länder abzubilden.

Friedhof der nordkoreanischen Offiziere und Piloten in der Provinz Bac Gang
Friedhof der nordkoreanischen Offiziere und Piloten in der Provinz Bac Gang © Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Kim reiste mit Schützenpanzern an

Wochenlang wurde spekuliert, wie Kim Jong Un nach Vietnam reisen wird. Tatsächlich reiste er mit dem Zug durch China bis zur Grenzstadt Lang Son und von dort die restlichen 160 km mit dem Auto nach Hanoi. International wird die Sicherheit nordkoreanischer Flugzeuge kritisiert und tatsächlich ist die Flotte nicht die modernste. Vielleicht deshalb die lange Zugfahrt um nicht nochmal den Gesichtsverlust zu erleiden, wie beim letzten Treffen in Singapur. Da hatte China das Flugzeug gesponsert. Eine Nuklearmacht, die seinen Präsidenten nicht sicher mit eigenen Flugzeugen transportieren kann, war damals der Eindruck. Am Ende vielleicht ein pragmatischer Hintergrund für Hanoi als Austragungsort des Gipfels.

Trotz des Großspektakels wirkt das Alltagsleben in Hanoi eher gelassen. Bei Straßensperrungen werden diese sogar gut kommuniziert - nicht gerade der Normalfall. In der Innenstadt sind nun ganze Bereiche abgesperrt. 10.000 Soldaten und Polizisten sorgen für Sicherheit. Kim ist inklusive seiner mitgebrachten Schützenpanzer angereist. Menschenmassen warteten an den abgesperrten Straßen. Allerdings ohne wie üblich im sozialistischen Stil den Gast zu bejubeln und mit winkenden Fahnen zu begrüßen. Die vorbeifahrende Kolonne wurde dabei lediglich als ein Zeichen gesehen, dass die Sperrung bald aufgehoben wird.

Dekoration anlässlich des DPRK-USA Summit in Hanoi
Dekoration anlässlich des DPRK-USA Summit in Hanoi © Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Geliebtes Südkorea

Den Applaus, der dem nordkoreanischen Machthaber verwehrt bleibt, erhält das andere Korea. Südkorea ist in Vietnam so beliebt wie kein anderes Land der Welt. Vietnams Fußball-Nationaltrainer, Park Hang-seo, ist Südkoreaner. Er führte Vietnams Nationalmannschaft 2018 zur ASEAN-Meisterschaft und wird wie ein lieber Onkel verehrt. Zudem stehen südkoreanische K-Pop-Stars und koreanischen Fernsehserien hoch im Kurs. Südkoreas Samsung investiert 17 Milliarden USD in Vietnam, baut damit die größte Produktionsstätte des Konzerns für Smartphones und schafft allein 420.000 Arbeitsplätze. Der Konzern produziert in Vietnam für 65 Mrd. US-Dollar Exportgüter, dies sind 25% des vietnamesischen Gesamt-Exports. Aber nicht nur Investitionen locken die Südkoreaner in die sozialistische Republik. Von 8 Million internationalen Touristen, die im vergangenen Jahr nach Vietnam kamen, waren allein 3.16 Millionen Südkoreaner.

Vietnam ist als Produktionsstandort attraktiv und ein Investitionsmagnet. Nach der Liberalisierung seiner Wirtschaftspolitik, der sogenannten Doi-Moi-Politik ab 1986, blickt das Land auf über 30 Jahre Wachstum. Wachstumsraten von 6-7 %, kumulierte Investitionen von 330 Milliarden USD und mit nahezu 100 Millionen Einwohnern ist Vietnam zunehmend auch ein beachtlicher Absatzmarkt. Die Wirtschaftsdynamik nimmt weiter zu - vielleicht auch wegen des Handelsstreits zwischen den USA und China, bei dem sich Dritte freuen könnten.

Hanoi schmückt sich bereits seit einer Woche mit Fahnen, Blumen und Plakaten zur Vorbereitung des nordkoreanischen-amerikanischen Gipfels. Die vietnamesische Führung weiß sehr gut die Vorteile eines solchen Ereignisses zu nutzen und dabei auch ihre Erfolge darzustellen. Allein die wochenlange internationale mediale Aufmerksamkeit, die auf Hanoi gerichtet ist, gleicht einer kostenlosen Werbekampagne. Die Hauptstadt hofft auf mehr Investitionen und mehr Tourismus. Sicherlich ist es auch eine hervorragende Gelegenheit, Hanoi als eine Stadt des Friedens und sich selbst als international ernstzunehmenden Partner zu präsentieren.

In Nordkorea ist das Interesse am Wirtschaftswunderland Vietnam groß. Das zeigt auch das Beiprogramm zum Gipfeltreffen: Mitglieder der nordkoreanischen Delegation besuchten in Vietnam ein beliebtes Touristengebiet und eine Autofabrik. Damit gaben sie einer vielfach geäußerten Vermutung weitere Nahrung: Kim Jong-un könne planen, die Doi-Moi-Reformpolitik für sein Land zu adaptieren. Gleichzeitig erschien in einer nordkoreanischen Zeitung ein ausführlicher Bericht zur wirtschaftlichen Entwicklung Vietnams. Kim Jong-un hat angekündigt, nach Abschluss des Gipfels noch zwei weitere Tage in Vietnam zu bleiben – zu einem „Goodwill-Besuch“, wie es hieß.

Ende der Eiszeit

2019 ist ein besonderes Jahr für Vietnams internationale Beziehungen. Zum einen steht das Jahr im Zeichen des Neustarts der deutsch-vietnamesischen Beziehungen, die zwei Jahre lang belastet gewesen waren. 2017 war ein Vietnamese, der in Deutschland Asyl beantragt hatte, im Berliner Tiergarten von vietnamesischen Agenten gefasst, verschleppt und zurück nach Vietnam gebracht worden. Die Bundesregierung protestierte und wies einen vietnamesischen Diplomaten aus Deutschland aus. Aber selbst ein empörtes politisches Berlin hatte ein Interesse daran, die Beziehungen nicht dauerhaft zu gefährden. So verliefen die Verhandlungen über ein Ende der diplomatischen Eiszeit erfolgreich, die Beziehungen normalisieren sich jetzt wieder. Zum anderen ist 2019 ist ein besonderes Jahr für Vietnams internationale Beziehungen, weil ein neues Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union die Anbindung an Europa verstärkt. Internationale Integration ist für Vietnam ein Schlüssel. Zunehmend übernehmen die Vietnamesen Verantwortung, zum Beispiel durch das diplomatische Bemühen um einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

Der sozialistische Einparteienstaat wird trotz nicht vorhandener Pressefreiheit, teilweise zunehmendem schärferen Vorgehen gegen Kritiker und trotz vielen Menschenrechtsverletzungen als Partner umgarnt. Umgekehrt lieben die Vietnamesen Deutschland, vielleicht wegen seiner Produkte oder auch wegen der 130.000 Vietnamesen, die aktuell in Deutschland leben. Ganz sicher tragen Hundertausende, die früher in Deutschland waren und mittlerweile nach Ausbildung oder Studium nach Vietnam zurückgekehrt sind, zu einem positiven Deutschlandbild bei.

Vietnam hat ein ehrliches und großes Interesse daran, die Beziehungen zu Deutschland wieder zu normalisieren. Dabei war das Land überaus kompromissbereit. So twitterte der vietnamesische Außenminister zum Ende seiner Reise nach Berlin: „Ich weiß die warme Gastfreundschaft, die mir und meiner Delegation von unseren Gastgebern entgegengebracht wurde, sehr zu schätzen.“ Er freue sich auf die Zusammenarbeit mit dem deutschen Außenminister bei der Vertiefung der Beziehungen und der Weiterentwicklung der strategischen Partnerschaft.

Ob Vietnam als Austragungsort der Gipfelgespräche zwischen den USA und Nordkorea die richtige Wahl war, muss sich noch zeigen. Während über den möglichen Ausgang des Gipfels und die Ergebnisse spekuliert wird, steht ein Gewinner bereits fest: Vietnam.

 

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