Kein Zulauf

Warum Indien vom Terror des „Islamischen Staates“ verschont bleibt

Analyse13.06.2017Ronald Meinardus
 Jama Masjid
Die Jama Masjid in Delhi ist die größte Moschee IndiensCC BY 2.0/ flickr.com Shashwat Nagpal

Ende Mai feierte Indiens Regierungspartei das dreijährige Amtsjubiläum – für die Minister eine Gelegenheit für Zwischenbilanzen. Rajnath Singh, der Innenminister, verkündete eine gute Nachricht: „Mit voller Zuversicht kann ich sagen, dass es dem IS (Islamischer Staat) bislang nicht gelungen ist in Indien Zugkraft zu gewinnen.“

In den internationalen Statistiken der von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ inspirierten Terroranschläge sucht man das südasiatische Land vergebens. Dabei böte Indien wegen seiner Demographie und der sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen einen Nährboden für fremdgesteuerten islamistischen Terrorismus: Von rund 1, 3 Milliarden Indern bekennen sich 180 Millionen zum Islam, allein in Indonesien leben mehr Muslime als hier.

Hassbotschaften stoßen auf taube Ohren

Bei der überwältigenden Mehrheit der indischen Muslime stoßen die Hassbotschaften der Dschihadisten offenkundig auf taube Ohren. Zwar tauchen immer wieder Werbevideos mit Untertiteln in den Landessprachen Hindi, Urdu und Tamil im Internet  auf, in einer Rede erklärte IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi den indischen Subkontinent zum Einzugsgebeit des angestrebten Welt-Kalifats. Doch allem Anschein nach sind nur vergeichsweise sehr wenige indische Staatsbürger den IS-Rufen gefolgt.

In einer Rede vor dem Parlament bezifferte Außenministerin Sushma Swaraj die Zahl derjenigen, die „auf die andere Seite“ gewechselt sind, auf 50 Personen. Im Vergleich zu Zahlen aus anderen Ländern, wo Hunderte, teilweise Tausende den Anschluss an die arabische Terrormiliz gefunden haben, ist dies eine überschaubare Größe. Detaillierter als die Außenministerin geht eine aktuelle Studie der Brookings Institution auf das Thema ein. Die Wissenschaftler beziffern die Zahl der Inder, die vom IS angeworben wurden, mit 142. Von diesen seien 132 den Behörden namentlich bekannt, erfahren wir. Seit 2013 sei die Zahl der Rektruten stetig gewachsen, inzwischen sei dieser Trend aber zum Stillstand gekommen. „Dies weist darauf hin, dass der Islamische Staat in Indien kaum Fortschritte gemacht hat“, resümieren die Experten.

Diese Aussage deckt sich mit dem offiziellen Narrativ der Regierung, die schnell eine Erklärung zur Hand hat: „Dies liegt in hohem Maße am indischen Ethos“, sagt Außenministerin Swaraj. „Die Verfassung ist säkular und selbst die religiösen Führer predigen Mitgefühl und Toleranz. Wir sind gegen Gewalt.“        

Madrasa
Eine Madrasa in IndienCC0 Public Domain/ wikipedia.org

Diesem offiziellen Bild der interreligiösen Harmonie würden vermutlich viele Inder, vor allem Inder muslimischen Glaubens, widersprechen. Das Verhältnis zwischen der Hindu-Mehrheit und der Muslim-Minderheit ist historisch belastet. Politisch und gesellschaftlich ist die kopfstarke Muslim-Gemeinde Indiens marginalisiert; auf örtlicher Ebene kommt es immer wieder zu Übergriffen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Anti-muslimische Rhetorik aus dem Umfeld der hindu-nationlistischen Regierungspartei BJP trägt nicht dazu bei, bestehende Gräben zu überwinden; es gibt Stimmen, die das Gegenteil behaupten.

Autonomie in Glaubensfragen

Indiens demokratische Verfassung ist eine wichtige Erklärung für den Erfolg des Staates bei der Eindämung religiös inspirierter Militanz. Der Säkularismus ist Verfassungsprinzip und Garant für weitreichende Autonomie der Muslime in Glaubensfragen. Die Verfassung gibt der Minderheit auch das Recht eigene Schulen zu betreiben: Die Mehrheit der Madrasen stehen unter der Verwaltung des konservativen religiösen Establishments. Dieses wacht darüber, dass die  Koran-Schulen nicht zum Einfallstor für den aus dem Nahen Osten importierten gewaltorientierten Islam werden. 

Entsprechend hat das Terrornetzwerk seine Rekrutierungsstrategie ganz auf den digitalen Raum verlegt. Im Internet sehen Indiens Sicherheitsbehörden die wichtigste Quellle der islamistischen Bedrohung. Facebook, WhatsApp und Twitter sind ein Tummelplatz für IS-Propagandisten und gelten als Kontakthof für die Rekrutierer. „Die meisten Jugendlichen werden online radikalisiert“, erklärt ein Sicherheitsbeamter. „Die Agenten des IS suchen im Internet Kontakt zu den jungen Menschen und versuchen sie auf ihr Gebiet zu locken oder zu (terroristischen) Einzeltaten zu verleiten“.

Radikalisierte Muslime an der Ausreise in die arabische Welt zu hindern, ist ein Kernelement der indischen Anti-Terrorstrategie. Zu dieser Strategie gehört auch, die Überführten bzw. Festgenommenen mit Samthandschuhen und nicht wie Schwerverbrecher zu behandeln. „Unser Ziel ist es, sie in die Gesellschaft zurückzuführen und nicht zu Opfern zu machen“, zitiert die indische Presse einen Anti-Terror-Offizier. Beratung statt Bestrafung gilt als Maxime des Umgangs der Behörden mit den meist jugendlichen potentiellen IS-Rekruten.

Dabei greifen die Inder auf die Erfahrungen anderer Regierungen mit so genannten Deradikalisierungsprogrammen für islamistische Gefährder zurück.  Wenn Indiens Ministerpräsident Narendra Modi mit Amtskollegen zusammentrifft, steht die Terror-Abwehr immer auf der Tagesordnung. Das war kürzlich bei seinem Besuch in Berlin so und wird ganz bestimmt auch der Fall sein, wenn der indische Regierungschef Anfang Juli zu einem offiziellen Besuch nach Israel reist. Die Koordinierung und der Erfahrungsaustausch bei der Terror-Abwehr sind längst eine Priorität der indischen Außenpolitik.

Derweil versteht der 17-jährige Abdur Raheman aus Uttar Pradesh die Welt nicht mehr. Zusammen mit vier anderen Muslimen hatte ein Spezialkommando den Jugendlichen festgesetzt, dann aber nach kurzer Zeit wieder laufen lassen. Die Tageszeitung The Times of India zitiert den Koran-Schüler mit den Worten: „In Zukunft werde ich vorsichtiger sein, wen ich auf Faceboook als Freund annehme.“

Dr. Ronald Meinardus leitet das Regionalbüro Südasien der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Neu Delhi.

Für Medienanfragen kontaktieren Sie unseren Indien-Experten der Stiftung für die Freiheit:

Dr. Ronald Meinardus