Kein Take-off bei Start-ups!

Deutschland schwächelt weiter bei Gründungen

Meinung05.01.2017
Start-Up-Szene Deutschland
"Unter den 30 Start-up-Zentren finden sich ganze drei deutsche, neben Berlin sind es noch München und Hamburg. Für das industrielle Herz Europas mit mehr als 80 Millionen Einwohnern ist dies viel zu wenig."CC0 Public Domain pixabay.com/ StartupStockPhotos/ bearbeitet

Dieser Artikel ist zuerst auf der Webseite des Konvent für Deutschland erschienen ud ist online auch hier zu finden. 

Unser stellv. Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Paqué fordert mit Blick auf die schwache Gründerkultur eine Zukunftsagenda für Deutschland.

Vor wenigen Tagen war auf Twitter eine neue Statistik des World Economic Forum zu finden. Thema: die 30 stärksten Start-up-Zentren Europas. Ganz oben stand Berlin. Auf den ersten Blick schien dies ein Grund für deutschen Jubel zu sein, hat sich doch unsere Hauptstadt trotz ihrer wirtschaftlichen Substanzschwäche, die sie aus der Zeit der deutschen Teilung geerbt hat, zu einem Saugnapf der Gründerkultur entwickelt - auch wenn die Berliner Landesregierung leider nichts tut, um das Wachstum zu beschleunigen, wie das endlose Drama des neuen Flughafens belegt!

Für Deutschland insgesamt liefert die Statistik allerdings nicht den geringsten Grund zum Jubel. Unter den 30 Start-up-Zentren finden sich ganze drei deutsche, neben Berlin sind es noch München und Hamburg. Für das industrielle Herz Europas mit mehr als 80 Millionen Einwohnern ist dies viel zu wenig.

Zumindest langfristig ist das ein großer Grund zur Sorge. Zwischen 2020 und 2035 wird nämlich die starke Generation der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Sie bildet - noch - das Rückgrat des technologischen Wissens in Deutschland, mit einer riesigen Zahl hoch qualifizierter Ingenieure. Die meisten Unternehmen, bei denen diese Fachkräfte arbeiten, stammen aus dem Kaiserreich, sind mithin über 100 Jahre alt. Sie sind bis heute höchst erfolgreich gewesen, aber ob sie im digitalen Zeitalter weiter blühen werden, wenn es am Nährboden der modernen digitalen Gründerkultur fehlt, das steht in den Sternen.

Karl-Heinz Paqué, stellv. Vorstandsvorsitzender der Stiftung für die Freiheit
Karl-Heinz Paqué fordert eine komplette Agenda 2030, um das vorübergehende Wunder des Arbeitsmarkts in nachhaltigen Fortschritt zu verwandeln.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Es ist wie ein letzter Gruß aus der guten alten Zeit der weltweit bewunderten deutschen Industrie. Der demographische und der technologische Wandel arbeiten gegen unser Land. Wir merken davon allerdings derzeit noch nichts: dank der akuten Krisen in anderen europäischen Ländern, dank auch der niedrigen Zinsen, die in Europa und global herrschen, dank günstiger Arbeitsmarktzahlen. Aber Deutschland lebt zunehmend von der Substanz. Und diese Erkenntnis hat noch keinerlei Eingang gefunden in die Regierungspolitik. Die Große Koalition hat in den letzten drei Jahren ausschließlich auf das Verteilen sozialer Wohltaten gesetzt und nicht auf die Stärkung der Zukunftsfähigkeit des Landes.

Wir müssen ganz grundsätzlich umsteuern. Deutschland braucht endlich ein umfassendes Programm der Zukunftsinvestitionen: in Bildung und Wissenschaft, in digitale Fertigkeiten, in Kommunikationsnetze, in Verkehrsinfrastruktur, in Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte und vor allem in unternehmerische Risikobereitschaft, die es erst möglich macht, an der globalen Spitzengruppe der Innovationskraft zu bleiben. Nur eines braucht das Land weniger: Bürokratie.

Nur so lässt sich verhindern, dass der bewunderte Wirtschaftsriese Deutschland in weniger als einer Generation zum allseits bemitleideten kranken Mann Europas wird. Das kann sehr schnell gehen. Es ist nicht lange her, da waren wir genau dies: um die Jahrtausendwende. Es ist eine große Aufgabe, diese Gefahr im Auge zu behalten - gerade auch in Zeiten der terroristischen Bedrohung, in denen die Zeitungsschlagzeilen von anderen aktuellen Themen beherrscht werden. Sorge und Weitsicht statt Angst und Selbstzufriedenheit, das muss die Motivlage für die neue politische Agenda sein - spätestens nach der Bundestagswahl 2017.