"Kein Medium der Welt kann einen Sandkasten ersetzen."

Im Gespräch mit dem Bildungsforscher Michael Kirch über die Schule der Zukunft.

Meinung06.09.2016Christiane Pitschke
Dr. Michael Kirch
Dr. Michael KirchFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Dr. Michael Kirch ist seit 2006 am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Didaktik an der Ludwig-Maximilian-Universität München tätig. Er forscht hier in den Bereichen Mediendidaktik in der Grundschule und Lehrerausbildung. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit dem digitalen Wandel in der Schule und der Optimierung von Unterricht. Er entwickelte und betreut die "Uni-Klassen" sowie das Projekt „Digitales Lernen Grundschule".

Seit über 20 Jahren beschäftigen Sie sich mit dem "Digitalen Wandel" in der Schule. Ab wann beginnen unsere Kinder eigentlich mit dem Umgang der medialen Technologien?

Umgang mit Medien haben Kinder weit vor der Schule. Sie beobachten ihre Eltern wie sie digitale Medien nutzen und beginnen früh diese selbst zu verwenden. Unser Leben wird durch digitale Entwicklungen stark beeinflusst – das gilt auch für die Kindheit heute. Dies bestätigen beispielsweise die KIM- bzw. FIM Studie. Bildungseinrichtungen müssen sich von Anbeginn an der Kindheit heute orientieren - daran was Kinder heute erleben, wie Kinder heute lernen bzw. wie sich deren Zukunft evtl. gestaltet. Schulen müssen Kinder darauf vorbereiten, müssen sie begleiten und dürfen auch die Eltern damit nicht alleine lassen. Eltern brauchen Unterstützung in Bezug auf die Nutzung digitaler Medien ihrer Kinder.

"Kein Medium der Welt kann einen Sandkasten ersetzen."

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Die reine Investition in Technik hilft nicht, mediale Kompetenzen auszubauen. Was braucht der digitale Unterricht, was brauchen Schulen, Lehrer und Schüler?

Investitionen in Hardware reichen nicht aus. Leider machen digitale Medien alleine keinen guten Unterricht. Jedoch können Medien Lehrkräfte dabei unterstützen, guten Unterricht zu gestalten. Vorrausetzung hierfür ist, dass Lehrkräfte über das notwendige Wissen bzw. die Kompetenzen verfügen digitale Technologien pädagogisch sinnvoll einzusetzen. Dies wird in dem TPACK Modell von Mishra & Köhler gut beschrieben. Lehrkräfte müssen kompetent in Bezug auf das Fachwissen, die Pädagogik bzw. Didaktik und die Medien sein und müssen es verstehen, diese drei Kompetenzbereiche situationsabhängig aufeinander abstimmen. Diese Zielsetzung macht die Bedeutung der Ausbildung deutlich.

Und wie sieht es mit der Ausbildung aus?

Im Rahmen der Lehrerausbildung sollen Medien integrativ verwendet werden. Das setzt voraus, dass Medien überall zur Verfügung stehen und Dozentinnen und Dozenten über die notwendigen Kenntnisse verfügen, diese zu verwenden. Im Rahmen der universitären Lehre ist der Einsatz digitaler Medien von der Lehrsituation dort beeinflusst. Ein handlungsorientierter Berufsfeldbezug auf die jeweilige Schulart, auf die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern kommt zu kurz. Über diesen mag in Vorlesungen und Seminaren gesprochen werden. Er wird jedoch selten erlebt. Medienpädagogische Fragestellungen als ein inhaltlicher Schwerpunkt des Fächerkanons werden selten weder flächendeckend noch verbindlich angeboten. Insgesamt sehe ich hier einen großen Nachholbedarf. Ein positives Beispiel, wie Medien berufsfeldbezogen in Lehre und Forschung einbezogen werden können, sind die „Uni-Klassen“, die mittlerweile mit Unterstützung der Telekom Stiftung an verschiedenen Hochschulen umgesetzt wurden. Hier werden Räume geschaffen, die über die notwendige Ausstattung verfügen und integrative Medienarbeit ermöglichen bzw. erfahrbar machen. Dadurch kommt man den Zielvorgaben der KMK Standards in Bezug auf die Medienbildung ein ganzes Stück näher.

Was kann durch einen reinen medialen Unterricht gerade bei den Grundschülern nicht gelernt werden? Wie sollte Unterricht gestaltet werden?

Was ist ein „reiner medialer Unterricht“? Es geht nicht um ein Entweder-Oder. Es geht um die sinnvolle Ergänzung! Wie diese aussieht ist abhängig von vielen Faktoren, die nur gut ausgebildete Lehrkräfte bestimmen können.

"Kein Medium der Welt kann einen Sandkasten ersetzen."

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"Raus aus dem reinen Konsumieren der Medien", das ist ein wichtiger Punkt in Ihrer Ausführung. Welche wichtigen Kompetenzen müssen die Schüler in unserer digitalen Welt lernen?

Schülerinnen und Schüler müssen über Kompetenzen verfügen wie man mit Medien lernen kann, sie brauchen Wissen über Medien und sie müssen lernen trotz Medien zu lernen. Die Mediennutzung außerhalb der Schule ist bei Kindern und Jugendlichen stark vom Konsum geprägt. Schule sollte jedoch neben der verantwortungsbewussten, zielgerichteten Nutzung auch den kreativen und produktiven Umgang mit Medien vermitteln - median consumption & media creation. Ich kann beobachten, dass Schüler über die eigene Gestaltung von Medien zu kritischeren Nutzern werden.

Wie können digitale Medien gerade bei der aktuellen Herausforderung der heterogenen Gruppen in Grundschulen unterstützen?

Diesbezüglich stehen Grundschullehrkräfte vor einer großen Herausforderung. In ihren Klassen sitzen Jungen und Mädchen, teilweise unterschiedliche Klassenstufen und damit Schülerinnen und Schüler mit erheblichen Altersunterschieden, Kinder mit und ohne Einschränkungen beim Lernen, Hochbegabte sowie Schüler mit sehr unterschiedlichen Deutschkenntnissen. Hier können digitalen Medien eine wichtige Unterstützung darstellen. Sie können Lehrkräfte im Rahmen der Diagnostik und bei Maßnahmen der Differenzierung und Individualisierung unterstützen. Gerade auch im Zusammenhang mit der Zielsetzung einer inklusiven Beschulung aller Schüler können Medien einen wichtigen Beitrag leisten.

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