Kein Fairplay

Die Kulturanthropologin Tatjana Eggeling über das Thema Sport und Homosexualität

Meinung27.10.2016Dr. Tatjana Eggeling
Fußball
CC0 Public Domain/ Pixabay.com/heidiroslund/ unbearbeitet

Tatjana Eggeling ist freischaffende Expertin zum Thema "Umgang mit Homosexualität und Homophobie im Sport" mit Fortbildungs- und Beratungsangeboten für Institutionen, Vereine, Verbände und Aktive. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin informierte auch schon den Sportausschuss des Bundestags. Auf freiheit.org schreibt sie über Vorurteile im Sport und warum der Mainstreamsport seine eigenen Ansprüche der Integrationsfähigkeit bisher bei Weitem nicht ausgenutzt hat. 

Der hehre Sport

Die meisten Menschen schätzen den Sport und betrachten ihn als etwas reines, gesundes und nütz­liches – mens sana in co­rpore sano. Er ist hoch aufgeladen mit Werten wie Kameradschaft, Fairness, Gerechtigkeit, ge­nießt hohe gesellschaftliche An­erkennung und hat tatsächlich eine große gesellschaftliche Bedeutung – sozi­al, politisch, ökonomisch. Er ist stets präsent in unserem Alltag: in den Medi­en, in den Kaufhäusern, im Kleiderschrank, in der Schule, am Arbeitsplatz – Casual Fri­day: Polohemd und Sneakers.

Sport verspricht Spaß, Vergnügen und Zerstreuung und bietet die unkomplizierte Gelegenheit der zwischenmenschlichen Be­gegnung, der gemeinsamen sozialen Erfahrung, des sozialen Lernens, ist eine Agentur der Verge­sellschaftung. Ihm werden nicht zu Unrecht große Potentiale der Inte­gration zugeschrieben, weil er die unterschiedlichsten Menschen auf niederschwellige Art und Weise zusammenbringt. Sie müssen weder die gleiche Sprache spre­chen noch dasselbe glauben. Es reicht, dass sie sich gemeinsam auf gleiche Weise körperlich betätigen.

Abseits

Doch leider gelten die Versprechungen und Angebote des Sports nicht für alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen. Lesben und Schwule erleben den Sportalltag  nicht als fair und offen. Im Gegenteil. Es gibt immer noch den „schwulen Paß“ und das Klischee der kickenden Lesbe, die Furcht vor dem ewiggeilen schwulen Mann unter der Dusche und das Unbehagen, das eine lesbische Frau auslöst, die sich den Heterospielen selbstbewußt verwei­gert und nicht „weiblich“ genug auftritt. Homosexualität hat den Anschein des schmutzigen, unreinen. Sie wirkt auf viele Heterosexuelle befremdlich, bisweilen sogar bedrohlich, weil sie sie mit dem Ausleben unnatürlicher Triebe assoziieren. Diese Assoziation steht der angenommenen Rein­heit des Sports diametral entgegen. Offen de­monstrierte Homosexualität sollte im Sport also besser nicht vorkommen.

Es bestehen buchstäblich Berührungsängste – als ob Homosexuelle und be­sonders schwule Männer den Zivilisationsprozeß nicht mitgemacht hätten und allen an die Trikots wollten, die nicht bei drei auf dem Baum sitzen. Trieb­gesteuert und ohne Fähigkeit zur Wahl und Unterscheidung. Dabei ist, ne­benbei bemerkt, die Gefahr, als junge Sportlerin Übergriffen durch (heterosexuelle) Trainer und Betreuer ausgesetzt zu sein, wesentlich höher als die, als Mann von ei­nem anderen angemacht zu werden.

Erfahrungsräume

Im Sport machen wir unmittelbar körperliche und seelische Erfahrungen: Lust an der Bewegung, Schweiß, Aggressivität, Freude an der eigenen Leistungs­fähigkeit, Schmerz, Hochgefühl beim Siegen, Frustration beim Verlieren, Ehr­geiz, Muskelkater, Genuß der Beweglichkeit, Attraktivität eines durchtrainier­ten Körpers, Anerkennung für Erfolg usw. Sport kann sich deshalb sehr posi­tiv auf das eigene Selbstbewußtsein und den Selbstwert auswirken, die stetig aufs neue herausgefordert und gestärkt werden. In unseren komplexen Ge­sellschaften werden sportliche Leistungsfähigkeit, der sportliche Erfolg und ein trainierter Körper hochgeschätzt.

Im Sport ist wie in gelebter Sexualität der Körper das zentrale Medium der Er­fahrung und Kommunikation. Solange Homosexualität vor allem als sexuelle Betätigung und nicht als eine mögliche sexuelle Orientierung mit eigener Lebensweise gesehen wird, ist nachvollziehbar, warum gerade im Sport die Furcht vor der direkten Begegnung mit Lesben oder Schwulen größer ist als in anderen gesellschaftlichen Bereichen, in denen Körper und Körperlichkeit eine geringere Rolle spielen. Die Berührungsängste sind also ganz wörtlich zu nehmen.

Doch sie sind auch weitgehend unbegründet, weil sportlich aktive Lesben und Schwule eben nicht übergriffiger als Heteros sind und zudem früh gelernt ha­ben, ihre sexuelle Orientierung zu verstecken. Sie tun dies, weil ihnen vermittelt wird, daß ihr Begehren im Sport nicht er­wünscht ist, gegen alle Regeln verstößt. Schließlich scheinen alle anderen heterosexuell zu sein, das ist die geltende Norm. Zwar gibt es viele Projekte und Initiativen gegen verschiedenerlei Diskriminierung im Sport (Rassismus, Fremdenfeindlichkeit usw.), doch der Diskriminierungsgrund Homosexualität wird zumeist nicht berücksichtigt. Mit der Frauenfeindlichkeit  verhält es sich übrigens ähnlich. Begünstigt wird das dadurch, dass Homosexualität ein nicht-sichtbares Merkmal einer Person ist, anders als etwa die Hautfarbe, und auch ein Merkmal, über das eben weniger gesprochen und nachgedacht wird. Wir haben gelernt, Rücksicht gegenüber kulturellen Unterschieden zu üben, verschiedene Herkünfte zu achten und mitzudenken. Dieselbe Rück­sicht und Vorsicht im Umgang mit Homosexuellen ist noch keine selbstver­ständliche gesellschaftliche Übereinkunft. Homophobie ist noch kein ernstzu­nehmender Grund für nachhaltige Antidiskriminierungsarbeit.

Für lesbische und schwule Sportler/innen bedeutet dies: Sie können nicht damit rechnen, mit ihrer sexuellen Orientierung als gleichwertige Teammitglieder akzeptiert zu werden, gegen Schmähungen und Diskriminierung geschützt zu werden, ebenso gefördert und unterstützt zu werden wie ihre heterosexuellen Kol­leg/innen. Ein Coming out im Hochleistungssport birgt jede Menge Un­wäg­barkeiten und Risiken: Verlust von Sponsoren, der Rausschmiß aus dem Team oder der Trainingsgruppe, Mobbing, Sinken des Marktwertes und vieles mehr sind mögliche Folgen. Also geben sie sich so heterosexuell wie mög­lich. V.a. im Hochleistungssport ist die Frage homo oder hetero gewisserma­ßen eine Frage des Überlebens.

Trainingsplan

Der Mainstreamsport hat seine eigenen Ansprüche der Integrationsfähigkeit bei Weitem nicht ausgenutzt. Es gibt noch den blinden Fleck der Homophobie und den halbblinden der Frauenfeindlichkeit. Dabei kann er nur gewinnen: Homophobie im Sport zeigt nicht nur einen Mangel an Respekt vor einer Gruppe der Bevölkerung sondern hat auch ganz handfeste negative Folgen: Viele junge Talente gehen ihm verloren, weil sie den doppelten Druck aus sportlicher Herausforderung und Versteckspiel nicht mehr aushalten und eine vielleicht vielversprechende Karriere vorzeitig beenden. Eine letztlich auch ökonomische Fehlinvestition.

Es ist nicht nur an den homosexuellen Aktiven, den Sport zu verändern, son­dern vor allem am Mainstreamsport, seine eigenen Grundsätze ernst zu neh­men und in die Tat umzusetzen.