Jüdisches Leben in Deutschland

12.03.2008

Mit der Zuwanderung von mehr als 100.000 Menschen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion hat sich das Bild der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik Deutschland seit dem Beginn der neunziger Jahre grundlegend gewandelt.

Während die Kinder der Holocaustüberlebenden und Displaced Persons in den siebziger und achtziger Jahren mit den Worten der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch oftmals noch auf „gepackten Koffern saßen“, entsteht unter jungen jüdischen Menschen ein neues Selbstbewusstsein.

Dies wurde durch den Vortrag von Michaela Fuhrmann vom Bund jüdischer Jugendlicher und Studenten im Rahmen des Seminars „Jüdisches Leben in Deutschland“ in der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach deutlich. Sie forderte mehr Normalität im Umgang der deutschen Gesellschaft mit ihren jüdischen Mitbürgern ein und analysierte die komplexe Gegenwart der jüdischen Gemeinschaft im modernen Deutschland.

Wie weit das tägliche Gemeindeleben vieler Juden immer noch von Normalität entfernt ist, davon konnten sich die Seminarteilnehmer während einer Exkursion zur Synagogengemeinde Köln selbst einen Eindruck verschaffen.

Ständig bewacht von einem Streifenwagen der Polizei, musste die Besuchergruppe auch noch eine Sicherheitsschleuse überwinden bevor sie das Gebetshaus und Gemeindezentrum der nach eigenem Selbstverständnis ältesten jüdische Gemeinschaft nördlich der Alpen besuchen konnte.

Jüdische Krabbelgruppen, ein Kindergarten und eine eigene Grundschule sind ein sichtbarer Beleg für die Verjüngung der Gemeinde, die noch vor wenigen Jahrzehnten unter Überalterung und Emigration litt. Gleichzeitig trug der Zuzug und die schwierige Integration der russischen Juden auch neue politische, religiöse und soziale Spannungen für die deutschen Gemeinden.

Schlechte Sprachkenntnisse, Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt und ein oft geringes Wissen über den eigenen Glauben sind die Kehrseite der Revitalisierung des Judentums in Deutschland und stellen Gemeinden und Staat vor große Herausforderungen. Die Präsenz der Sicherheitskräfte ist dabei, so Israel Meller von der Synagogengemeinde, Teil des alltäglichen jüdischen Lebens und kein Anlass zur Sorge.

Die vielfältige und jahrtausendealte Geschichte jüdischen Lebens stand im Mittelpunkt des Seminars. Dabei war es ein Anliegen der Theodor-Heuss-Akademie den Teilnehmern einen Überblick über Soziologie, Religion und politische Bedeutung des deutschen Judentums in Vergangenheit und Gegenwart zu geben, und dies nicht auf die Zeit der Judenverfolgung und Vernichtung im „Dritten Reich“ zu begrenzen.

Trotzdem blieb der Antisemitismus natürlich auch während des Seminars stets präsent, wobei die Eröffnung der Ausstellung „Wi(e)der die Juden“ von Franz-Josef Wiegelmann in der Theodor-Heuss-Akademie einen wichtigen Impuls gab. Sie dokumentiert die antisemitischen Traditionslinien in der deutschen und europäischen Publizistik anhand von Zeitungen aus sieben Jahrhunderten, gibt aber gleichzeitig auch einen Überblick über jüdisches Medienschaffen.

Die Ausstellung ist weiterhin in der Akademie zu sehen.

Wolf-Christian Paes, Seminarleiter