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Plötzlich Homeschooling?

Worauf Eltern und Lehrkräfte jetzt achten müssen
Mutter mit ihren Kindern beim Homeschooling
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Homeschooling wegen Corona birgt für Eltern und Lehrkräfte einige Herausforderungen. Drei Dinge sind aus liberaler Sicht besonders wichtig: die Erfüllung des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrags, die Unterstützung von Lehrkräften und Eltern beim Unterrichten mit digitalen Lernplattformen und die Weichenstellung für die Zukunft des Bildungssystems. Eine Analyse, worauf es jetzt ankommt. 

Unterricht zu Hause – neudeutsch Homeschooling – war hierzulande selten ein Thema. Die allgemeine Schulpflicht schob allen Versuchen, Kinder in den eigenen vier Wänden zu unterrichten, einen Riegel vor. Doch COVID-19 ändert alles – plötzlich scheint Homeschooling die neue Norm und viele Eltern stehen vor einer großen Herausforderung, auf die sie kaum vorbereitet worden sind. Auch für die Lehrkräfte, die nun auf Fernunterricht umstellen müssen, und nicht zuletzt für die Schülerinnen und Schüler selbst, ist die gegenwärtige Situation eine beispiellose Belastung. Zudem stellen sich schwierige gesamtgesellschaftliche Fragen. Wie können Eltern, Lehrer und Kinder nun am besten unterstützt werden? Was bedeutet der wochenlange Heimunterricht für die Chancengleichheit? Und wie steht es um Kinder, die auf den Schutzraum Schule eigentlich dringend angewiesen sind? Auf diese komplexen Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Drei Dinge sind aus liberaler Sicht aber besonders wichtig. Zuallererst muss sichergestellt werden, dass der schulische Bildungs- und Erziehungsauftrag auch in Krisenzeiten erfüllt werden kann. Dazu gehört auch eine besondere Sensibilisierung für die Belange besonders gefährdeter Kinder. Zweitens müssen Lehrkräfte und Eltern bestmöglich darin unterstützt werden, den Unterrichtsbetrieb auch mithilfe von digitalen Lernplattformen aufrechtzuerhalten. Drittens müssen nun die Weichen gestellt werden, damit das Bildungssystem in Zukunft besser auf Disruptionen eingestellt ist.

Warum auch Liberale ein Problem mit Homeschooling haben

Eigentlich setzen sich Liberale dafür ein, dass Bildungswege möglichst frei gewählt werden können. Doch das Homeschooling nach angelsächsischem oder auch französischem Vorbild geht für die meisten Liberalen hierzulande doch einen Schritt zu weit. Sie schließen sich hier, ebenso wie weite Teile der Gesellschaft, der Argumentation des Bundesverfassungsgerichts an. Denn wie die Richterinnen und Richter in einer Grundsatzentscheidung darlegten, dient die allgemeine Schulpflicht nicht nur der Wissensvermittlung, sondern auch der „Heranbildung verantwortlicher Staatsbürger, die gleichberechtigt und verantwortungsbewusst an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhaben.“ Die Schule, die Kinder mit ganz unterschiedlichen kulturellen und weltanschaulichen Hintergründen zusammenbringt, und die an Lehrpläne gebunden ist, die demokratische Werte vermitteln, ist also einer der wichtigsten Orte, um „Parallelgesellschaften“ zu verhindern. Dass manche Befürworter des Heimunterrichts sich vor allem am Biologie- und Sexualkundeunterricht stoßen, verstärkt noch den Eindruck, dass Homeschooling der Entwicklung von freien Staatsbürgern (und Staatsbürgerinnen) eher entgegensteht oder gar ein Einfallstor für illiberales Gedankengut ist. Das Recht der Eltern, ihre Kinder frei zu entziehen, steht nicht über dem Recht der Kinder, zur Freiheit erzogen zu werden. Ralf Dahrendorf hat dies vor 45 Jahren in seinen Ausführungen zu Bildung als Bürgerrecht klar formuliert: „Es ist die Pflicht der staatlichen Instanzen, dafür Sorge zu tragen, dass diese Rechte ausgeübt werden können.“ Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, dass der Schutz auch dieses Bürgerrechts nicht aus dem Blickfeld gerät. Was jetzt also nötig ist, ist weniger die flächendeckende Einführung des Homeschoolings durch die Hintertür, sondern eine Umsetzung des schulischen Erziehungsauftrags aus der Ferne. Gerade digitale Hilfsmittel sind hier Gold wert, wenngleich sichergestellt werden muss, dass schwächere Schüler nicht ins Hintertreffen geraten. Zudem gilt: Eltern können nicht einfach zu Lehrkräften „umgeschult“ werden. Eltern, aber auch Lehrkräfte, müssen jetzt also schnell in ihre neuen Aufgaben eingearbeitet werden, ohne überfordert zu werden. Dass sich ein Didaktik- und Pädagogikstudium nicht durch Crashkurse (oder gar hehre Appelle) nachholen lässt, versteht sich von selbst.

Die Schwächsten im Blick – was jetzt ganz besonders wichtig ist

Die Coronakrise trifft nicht jeden gleich. Für manche geht es „lediglich“ darum, sich aufs Home-Office einzustellen, andere müssen für Gesundheit, Versorgung und Sicherheit Überstunden schieben, wieder andere müssen sich um ihre wirtschaftliche Existenz sorgen. Doch auch Kinder sind unterschiedlich stark betroffen. Wie der Verband Bildung und Erziehung richtig betont, haben über eine halbe Million Kinder einen sonderpädagogischen Förderbedarf und über 150.000 Verfahren zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdung werden jährlich durchgeführt. Gerade Kinder, die Zuhause nicht sicher sind, müssen bei der schulischen Notversorgung mitbedacht und besonders geschützt werden. Doch auch abseits unmittelbarer Gefährdungslagen tun sich große Unterschiede auf. In einer 2016 veröffentlichten Studie, die sich mit der technischen Ausstattung von Schülerinnen und Schülern in Hamburg befasste, zeigte sich, dass rund 10% aller Befragten über kein Smartphone verfügte. Und nur gut die Hälfte verfügte über Tablet oder Notebook, ein Drittel hatte Zugriff auf einen stationären Computer. Anders gesagt: wenn jetzt der Unterricht plötzlich über PC und Internet durchgeführt wird, gibt es einen nicht unwesentlichen Teil der Schülerschaft, der davon ausgeschlossen ist. Hier sollten die Mittel des Digitalpakts gezielt eingesetzt werden, um sicherzustellen, dass wirklich jedes Kind Zugriff auf die Lehrinhalte hat.

Das fliegende Klassenzimmer in der Cloud

Was bisher nur zaghaft und schrittweise umgesetzt wurde, wird plötzlich zur vordringlichsten Aufgabe: die Digitalisierung des Unterrichts. Wie der Bildungsjournalist Jan-Martin Wiarda richtig bemerkt, haben viele Kultusminister hier schlicht „verpennt“. Zum Glück sind die Schulleiter und Lehrer vor Ort hoch engagiert, findig und agil. Gefangen zwischen unfertigen staatlichen Lernplattformen und dem Datenschutzalbtraum von Facebook und WhatsApp haben viele Schulen nun selbst einen Weg vom Unterrichtsraum zur Cloud gefunden – das fliegende Klassenzimmer im 21. Jahrhundert. Eine pragmatische Lösung ist die Nutzung existierender kommerzieller und nicht-kommerzieller Lernplattformen und Cloud-Lösungen. Von der Bereitstellung von Lehr- und Unterrichtsvideos bis hin zur datenschutzkonformen Kommunikation zwischen Eltern und Lehrkräften ist bereits vieles möglich. Es zeigt sich mal wieder die Innovationskraft des privaten Sektors, die nun von Schulen auch angezapft werden muss. Hierzu ist es wichtig, dass die Mittel des Digitalpakts nicht nur für Hardware, sondern auch für Softwarelösungen eingesetzt werden dürfen. Hierbei sollten die Länder den Schulen freie Hand geben ohne Verantwortung abzuwälzen – es wird spannend zu sehen sein, welche Lösungen sich im freien Wettbewerb bewähren. Dabei muss allerdings sichergestellt werden, dass die Daten unserer Schülerinnen und Schüler nicht plötzlich in die Höhlen der kleinen und großen Datenkraken abfließen. Außerdem müssen die Kultusministerien gewährleisten, dass auch alle Schulen die finanziellen Mittel und das technische Wissen haben, um die Lehrerkräfte zu befähigen, ihren Unterricht digital durchzuführen. Berührungsängste sind fehl am Platz und auch YouTube-Filme sollten eingebaut werden dürfen – wie Daniel Jung, einer der populärsten „Onlinelehrer“, es formuliert hat: Let’s Rock Education. Doch bei aller Lust am digitalen Ausprobieren gilt auch Erich Kästners alte Mahnung: Mut ohne Klugheit ist Unfug; und Klugheit ohne Mut ist Quatsch!

Von der Krise zu neuen Strukturen

Soziologen betonen seit langem die strukturbildende Dynamik von Krisenereignissen. Die Coronakrise und die präzedenzlose Vollbremsung des gesellschaftlichen Lebens bilden da keine Ausnahme. Auch das Bildungssystem wird sich massiv verändern – ganz ohne langjährige Planungen oder KMK-Beschlüsse. Umso wichtiger ist eine transparente Evaluation der Erfahrungen der nächsten Monate und die Bereitschaft, Fehler auch offen zu benennen und zu korrigieren. Insbesondere muss sichergestellt werden, dass der schnelle Umstieg auf digitale Lehrplattformen nicht zu „Lock-in-Effekten“ führt. Stattdessen muss der Wettbewerb um die besten Lehrplattformen auch in Zukunft offen und auf der Grundlage des europäischen Datenschutzrechts geführt werden. Mit der Setzung kluger Standards und der Förderung von neuen Bildungs-Start-Ups hat auch der Bund die Gelegenheit, Bildungspolitik abseits von föderalen Grabenkämpfen zu gestalten. Auch kritische Stimmen sollten gehört werden: wie die durchaus technikaffine Fachzeitschrift Technology Review in der jüngsten Ausgabe argumentiert, haben sich bei der Digitalisierung des Bildungssystems in den USA viele Irrwege aufgetan. Auch und gerade in der Krise sollte die deutsche Bildungspolitik also nicht kopflos agieren, sondern gezielt überlegen, wo und wie digitale Werkzeuge sinnvoll eingesetzt werden können – und mit welchem Ziel.

Disruption denken

Die gegenwärtige Krise mit flächendeckenden Schulschließungen ist ohne Beispiel. Doch gerade angesichts dieser fundamentalen Disruption ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass Bildungswege nie Rolltreppen sind, die vom Kindergarten mit gleichmäßigem Surren in den Hörsaal führen. Bildung wird viel zu oft als ein geradliniger Prozess beschrieben, für dessen reibungslosen Ablauf sich Schule und Politik mit Nachdruck einzusetzen haben. Dies rächt sich bereits in den ganz individuellen Bildungsbiographien – wer in der vierten Klasse bei der Bruchrechnung nicht gut aufgepasst hat, wird fortan alle MINT-Fächer als Bedrohung wahrnehmen, weil der Schulstoff erbarmungslos aufeinander aufbaut. Einer der wichtigsten Gründe, warum Daniel Jung und andere „Lehrer-YouTuber“ Erfolg haben, liegt gerade darin, dass sie den Schülerinnen und Schülern die Wissensbausteine zur Verfügung stellen, die sie in den vergangenen Schuljahren vielleicht noch nicht aufnehmen konnten oder bereits wieder vergessen haben. Es ist jetzt besonders wichtig, Schülerinnen und Schülern möglichst viele Werkzeuge an die Hand zu geben, um die Wissenslücken, die sich in den folgenden Wochen auftun werden, selbständig füllen zu können. Gleichzeitig sollte darüber nachgedacht werden, wie sich Kenntnisse und Wissensstände – ergänzend zum etablierten Prüfungssystem – zertifizieren lassen.

Eine große Herausforderung

Vielleicht wird die Coronakrise dazu führen, dass die – bedarfsgerechte – Digitalisierung endlich ernstgenommen wird oder dass Lehrpläne modularer gedacht werden. Doch in allererster Linie handelt es sich um eine enorme Herausforderung, die für alle Beteiligten – wenn auch in unterschiedlichem Maße – sehr belastend ist. Das vorrangige Ziel sollte also die baldmöglichste Wiederherstellung des geregelten Unterrichts sein, sobald sich dies aus Sicht der Gesundheitsexperten rechtfertigen lässt. Manche Kommentaren betonen zurzeit vor allem die Chancen des temporären Homeschoolings, und verweisen auf Lehrer, die VR-Brillen nutzen oder möchten Kindern sogar gleich den Lernprozess in die Hand geben. Doch die Gefahr ist groß, dass dabei Erwartungen geschürt werden, die nicht erfüllt werden können. Vielleicht kann die Produktion eines Autozulieferers plötzlich auf Atemschutzmasken umgestellt werden. Lehrkräfte können aber nicht einfach zu Internetstars umgebaut werden – und Eltern werden nicht plötzlich zu erfahrenen Lehrkräften. Stattdessen müssen Eltern, Lehrer und die Politik behutsam austesten, was möglich ist – und sich dabei vielleicht noch einmal den weisen Lehrsatz von Erich Kästner vor Augen führen, der Schüler (und Eltern) mahnt: „Macht euch nichts vor, und lasst euch nichts vormachen. Lernt es, dem Missgeschick fest ins Auge zu blicken. Erschreckt nicht, wenn etwas schief geht. Macht nicht schlapp, wenn ihr Pech habt. Haltet die Ohren steif!“

 

Thomas Clausen ist Referent für Bildung und Forschung im Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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Jordi Razum, Kommunikationsreferent
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