"Jetzt wagst Du den Schritt"

Im Gespräch mit den Neu-Liberalen Thomas Sattelberger und Bernd Schlömer

Meinung19.04.2016David Harnasch
Thomas Sattelberger und Bernd Schlömer
Thomas Sattelberger und Bernd SchlömerTina Merkau/ Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Dieser Artikel ist zuerst im liberal-Magazin 3.2016 erschienen, das seit dem 12. April 2016 im Handel ist. Das Heft können Sie auch online bestellen

Ihr Weg in die FDP könnte unterschiedlicher kaum sein. Doch Thomas Sattelberger und Bernd Schlömer waren beide der Meinung, dass die Politik von heute eine liberale Stimme braucht. Dafür engagieren sie sich. Im Interview sprechen die beiden über den Wandel der Partei zu einer Beteiligungsplattform, den Wert von Bildung und die Verlockungen der Digitalisierung.

Willkommen Herr Sattelberger! Willkommen Herr Schlömer — und zudem Gratulation! Die FDP Friedrichshain-Kreuzberg hat Sie für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus auf Listenplatz eins gewählt ...

SCHLÖMER: Danke! Ich sehe meine Rolle darin, Übergänge zu schaffen und Menschen zu ermutigen, Politik zu machen. Ich habe viele junge FDP-Mitglieder in Friedrichshain- Kreuzberg kennengelernt und möchte Mut machen: Gehen wir voran, wir haben nichts zu verlieren! Wir starten von einem niedrigen Niveau und versuchen, neue Politikangebote zu machen. Nur so können wir zeigen, dass sich die Freien Demokraten personell anders aufgestellt haben und tolle Talente haben. Das ist gerade in Friedrichshain-Kreuzberg ein wichtiges Signal. Kreuzberg ist ja seit den 1980er-Jahren ein von den Grünen dominierter Wahlkreis, Ströbele hat dort ein Abo auf sein Direktmandat ...

SATTELBERGER: Da haben Sie ja einen heißen Wahlkreis gekriegt! (lacht)

SCHLÖMER: Insofern herausfordernd. Man darf keine zu hohen Erwartungen haben, aber das Ringen um Prozentpunkte macht auch Spaß!

Apropos „nichts zu verlieren“: Herr Sattelberger, Sie legen Wert darauf, Ihren Entschluss, sich bei den Freien Demokraten zu engagieren, gefällt zu haben, bevor die Wahlen in Hamburg und Bremen eine Trendwende anzeigten. Als die FDP also noch wie ein Sanierungsfall aussah ...

SATTELBERGER: Das ist mir in der Tat wichtig. Mittlerweile ist die FDP aber voll in der Genesung, zurück zur alten Kraft. Nach meiner Pensionierung als Vorstand, also im Unruhestand, habe ich die politischen Optionen sondiert und geprüft. Ich beteiligte mich intensiv an Diskussionsprozessen in der Sozialdemokratie, setzte mich intensiv mit Christdemokraten auseinander und natürlich mit der FDP — mit den Grünen hingegen nicht.

Dabei sind Sie doch Baden-Württemberger, einem Bundesland, wo die Grünen ziemlich bürgerlich sind!

SATTELBERGER: Richtig. Daher: Mit den schwäbischen Grünen ja, mit den Bundesgrünen defnitiv nicht! So habe ich alle meine Prüfprozesse gestaltet im Leben: alle Perspektiven anhören und dann eine qualifzierte Entscheidung treffen.

Wie lief dieser Entscheidungsprozess bei Ihnen ab, Herr Schlömer?

SCHLÖMER: Nach der Bundestagswahl 2013 beschloss ich, mich aus der Politik erst mal zwei Jahre lang komplett herauszuhalten. Ich hatte ja einen Vollzeitjob und über Jahre nebenbei im Vorstand der Piraten gearbeitet, die Finanzverwaltung aufgebaut, die Strukturen mitentwickelt. Das bedeutete eine dreistellige Wochenarbeitszeit. Also habe ich mir gesagt: Nach zwei Jahren überlegst du mal, ob du dich noch mal politisch engagieren willst. Dann habe ich mich umgeschaut. Und — obwohl man das nicht auf Anhieb denken würde — die FDP liegt programmatisch nicht sehr weit von den Piraten entfernt. Gerade wenn man das Thema Bürgerrechte anschaut, wie sich FDP und Piraten engagieren gegen Überwachung, gegen Vorratsdatenspeicherung — da gibt es viele Überschneidungen. Also beschloss ich: Jetzt wagst du den Schritt, trittst einer anderen Partei bei, versuchst noch mal, eine andere Nuance liberaler Politik zu formulieren, deren Abwesenheit mich auch über Jahre an der FDP gestört hat. Immer nur meckern darf man nicht. Man muss sich engagieren.

Herr Sattelberger, Sie haben ja einen weiten ideellen Weg hinter sich: vom Kommunisten zum Kapitalisten zum „Nachwuchspolitiker“. Wie empfinden Sie die Unterschiede zwischen diesen Welten?

SATTELBERGER: Ich kenne die ganz frühe antiautoritäre Welt, ich habe ja mit Joschka Fischer die unabhängige Schülergruppe Stuttgart gegründet. Da ging es um Schülermitbestimmung, gegen Pressezensur von Schülerzeitungen, gegen Lehrer, die den Rommelfeldzug in Afrika glorifzierten — basisdemokratische Themen, bei denen Schüler gesagt haben: Wir wollen es anders. Dann verirrte ich mich noch in die ultralinke Szene, bekam aber rechtzeitig den Absprung hin und habe dann 40 Jahre lang eine wunderschöne Laufbahn in der Wirtschaft absolviert. 20 Jahre Daimler, zehn Jahre Lufthansa, fünf Jahre bei Continental, fünf Jahre Telekom, ich möchte keinen Tag missen! Jetzt bin ich in vielen politischen und zivilgesellschaftlichen Projekten engagiert und ich verlerne und lerne um. Ich kann nicht mehr führen wie früher, ich kann Einfuss nehmen und hoffen, dass er wahrgenommen wird. Ich muss viel mehr überzeugen, kann nicht mehr anordnen. Man muss debattieren, sich Meinungen anhören, die einen quälen und bei denen man einen dicken Hals bekommt. All diese Dinge lerne ich jetzt gerade in Netzwerken, in denen man nur kraft seines Beitrags wichtig ist und nicht kraft seines formellen Titels. Ich bin jetzt 66 und denke, noch zehn, fünfzehn Jahre kann ich Hand anlegen für unser Land.

Ihre Wortwahl klingt, als würden Sie leiden, aber Sie sagen das alles mit einem Lächeln und motiviert funkelndem Blick.

SATTELBERGER: (lacht) Verlernprozesse sind ja nie nur schön! Das geht ja auch einer FDP so, die lernen musste zu verlernen; die Fehler nicht wiederholen darf, die tief eingegraben waren in der Geschichte der Partei — und zudem noch Neues hinzulernen muss. Lernen ist manchmal auch ein bisschen quälend. Aber ich nehme das mit Humor, denn ich entscheide ja selbst darüber, wie es mir damit geht. Wobei ich auch feststelle, dass die politischen Mechanismen in großen Unternehmen, in der staatlichen Bürokratie sowie in tradierten Parteien relativ ähnlich sind. Viel Mikropolitik, viel Befndlichkeit der Einzelnen, jeder ist stets darauf bedacht, dass seine Stimme und Position gehört und respektiert wird. Da ist schon auch viel Gepräge dabei.

Thomas Sattelberger

„Parteien wandeln sich immer mehr zu Debattenplattformen - natürlich immer innerhalb eines gewissen Wertespektrums.“

Thomas Sattelberger

Vermutlich gilt, dass Unternehmen mit zunehmender Größe in ihren bürokratischen Strukturen Behörden immer ähnlicher werden — die ihrerseits der Politik natürlich auch organisatorisch nahestehen.

SATTELBERGER: Und Parteien insbesondere, wenn sie sich historisch etabliert und unvergänglich sehen, ähneln den Institutionen, in und mit denen sie arbeiten. 

SCHLÖMER: Die SPD kommt ja aus der Arbeiterbewegung, die in den Gründungszeiten sehr strikt top-down organisiert war.

SATTELBERGER: Oder die Christdemokraten, die immer schon sehr führerorientiert waren, eben Kanzler-Wahlpartei.

Eine besondere Autoritätsgläubigkeit kann man nun weder den Piraten noch der FDP nachsagen.

SCHLÖMER: Ich halte das für einen Gewinn. Ich glaube, es ist in jedem Fall gut, Mitarbeiter zu beteiligen, ob das nun in einem Unternehmen ist oder eben in einer Partei. Auch Bürger besser an Entscheidungen zu beteiligen ist ein wichtiger Erfolgsfaktor, der zukünftig noch stärker zu beachten sein wird. Ich glaube, dass zukünftig eher Netzwerke zu organisieren sind, Hierarchien werden verschwinden. Menschen werden sich leichter von Unternehmen lösen und bereit sein, zu gehen und sich für ein anderes zu entscheiden — oder für eine andere Partei.

Soll vorgekommen sein. (allgemeines Gelächter)

SATTELBERGER: Früher war es eher so, dass es Parteiprogramme gab, nach denen dann die Mitglieder gewissermaßen normiert wurden. Das hat sich geändert: Parteien wandeln sich immer mehr zu Debattenplattformen, natürlich immer innerhalb eines gewissen Wertespektrums. Da ist man gut beraten, die Mitglieder voll teilhaben zu lassen und zusätzlich auch die Außenwelt mit einzubinden. Liberalität heißt eben auch Perspektivenvielfalt.

SCHLÖMER: Genau das wird ein Erfolgsgarant sein. Den Freien Demokraten muss es gelingen, gegenüber Bürgern Beteiligungsplattformen zu etablieren. Das erwarten viele junge Menschen heute von der Politik.

SATTELBERGER: Der Mittelständler als klassischer FDP-Wähler hat ja auch Mitarbeiter. Die haben auch Bedürfnisse, die nicht notwendigerweise identisch sind mit denen des Unternehmers. Wenn ich also nur ihn anspreche, vergesse ich möglicherweise seine 150 Angestellten. Gerade die Zukunft der Arbeitswelt wird aber zu einem Schlüsselthema. Solche Perspektiven in die Debatte zu integrieren und zu versöhnen, wo es versöhnbar ist, ist eine wichtige Aufgabe der FDP. Gäbe es in der Partei keine Debattenkultur, wäre ich kein FDP-Mitglied.

Was ist denn Ihr inhaltliches Steckenpferd, Herr Sattelberger?

SATTELBERGER: Ich habe große Freude, mit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit am Thema Bildung zu arbeiten. Besonders am Herzen liegt mir die berufliche Bildung, die ja viel länger dauert als die Schulbildung. Von 25 bis 70, nicht nur von sieben bis 25. Es gilt, diese gegen die Einseitigkeit des akademischen Weges zu stärken. Ich finde, wir haben zudem einen Teil unseres Bildungssystems zu sehr einer Industrialisierungslogik unterworfen. Das Aufteilen von Wissen in kleine Bauteile und Module, die dann abgeprüft werden, führt zu einer Reproduktionshaltung statt zu schöpferischer Kreation. Mit fehlen die Experimentierräume in der Bildung. Nicht erst an der Hochschule, sondern schon in der Grundschule, die ähnlich wie die Berufsschule komplett unterfinanziert ist.

SCHLÖMER: Ich arbeite seit über 15 Jahren in der Hochschulplanung und kann Ihre Kritik gut nachvollziehen: Ähnlich der etwas zu kleinteilig geratenen Modularisierung von Hochschulbildung im Bologna-Prozess droht Gleiches auch in der beruflichen Bildung, beim sogenannten Kopenhagen-Prozess.

SATTELBERGER: Eine weitere Frage, die mich umtreibt: Sollten Hochschulen nicht den Auftrag haben, neben Forschung und Lehre als dritte große Mission auch das Thema Gründung voranzutreiben? Die Frage der digitalen Kompetenz erfährt in Deutschland Rückschläge durch Debattenbeiträge wie dem von Gehirnforschern verfassten Buch „Die digitale Demenz“, die sich darin zum Richter einer unaufhaltsamen Entwicklung aufschwingen. Es gilt sicherzustellen, dass digitale Kompetenz als vierte Kulturtechnik im Bildungssystem integriert wird statt nur als x-tes Schulfach. Und vor dem Hintergrund der Flüchtlingswellen: Ich sehe im Augenblick keinen Weg, wie Hunderttausende dieser jungen Menschen in die klassische Berufsausbildung integriert werden können. Wir müssen auf diese disruptive Entwicklung disruptive neue Antworten  finden und die alten Dogmen infrage stellen. Warum kann beispielsweise ein Flüchtlingsmädchen nicht mit einer einjährigen Ausbildung Salonassistentin beim Friseur werden? Warum kann eine alleinerziehende Mutter nicht eine Teilzeitausbildung absolvieren? Warum kann ein anerkannter Flüchtling nicht einerseits arbeiten, um Geld nach Hause zu überweisen — das wird erwartet, schließlich hat die Familie seine Flucht finanziert —, und andererseits Bildung bekommen? Alles Modelle, die im Berufsbildungssystem derzeit nicht vorgesehen sind.

SCHLÖMER: Deutschland tut sich auch schwer, erworbene Kompetenzen leichter anzuerkennen. Wenn jemand ein erfahrener Maurer in Tunesien war, wieso soll er das in Deutschland nicht sein können? Das Handwerk beherrscht er ja.

SATTELBERGER: Er hat halt den Meisterbrief nicht. Am Meisterbrief wird die Welt aber nicht immer genesen. Mein drittes großes Thema ist die Arbeitswelt der Zukunft: Ich glaube, wir müssen Abschied nehmen vom normalen Arbeitsverhältnis mit fünf Achtstundentagen in der Woche. Die Digitalisierung bietet ganz andere Formen der Souveränität und Freiheit — aber auch der Verführung.

Bernd Schlömer

„Wenn jemand ein erfahrener Maurer in Tunesien war, wieso soll er das in Deutschland nicht sein können?“

Bernd Schlömer

Sagen Sie lächelnd als kleinen Seitenhieb zu jemandem, der auch seine Hundertstundenwochen hatte.

SCHLÖMER: Das war ja freiwillig.

Eben, die Verführung war offenbar da.

SCHLÖMER: Das stimmt. Man muss hier aber auch soziale Kriterien mitdenken. Wie kann man dafür Sorge tragen, dass Menschen nicht prekär arbeiten und dann plötzlich rausgeschmissen werden? Es gibt durchaus Fälle von engagierten Menschen, die immer präsent sind, sich über die Maßen engagieren, auf Urlaub verzichten — und dennoch nach einem halben Jahr gekündigt werden.

SATTELBERGER: Diese Präsenzkultur ...

SCHLÖMER: ... die brauchen wir nicht!

SATTELBERGER: Genau! Das bedeutet auch, Abschied zu nehmen von lieb gewonnener Führungskultur, in der man seine Leute physisch anwesend haben muss, um sie zu überwachen. Zu diskutieren wäre auch ein Flexicurity-Modell wie in Dänemark, das lange Jahre sehr erfolgreich war. Bei niedrigen Hürden für Jobwechsel wird viel investiert in Bildung und Employability, sodass der elastische Arbeitsmarkt die Leute auch wieder aufnimmt. Das starre deutsche Modell ist nicht das einzig mögliche. Ich habe Ende der 80er-Jahre den Satz geprägt: Menschen müssen Unternehmer ihrer eigenen Talente werden. Ich bin zutiefst überzeugt, dass viele Potenziale in den Menschen schlummern, die vernichtet werden durch vieles, was hierzulande durch Curricula in der Bildung und durch Arbeitsmarktstarre vorgegeben ist. Wir müssen eine Philosophie der Freiheit entwickeln, um Begabungen zu entfalten, statt nur vom Schutzgedanken auszugehen. Der Schutz muss greifen, wenn zu viele durch den Rost fallen. Aber von vornherein zu normieren, bremst die Menschen nur aus.

Sie haben sich die Entscheidung, sich in der FDP zu engagieren, nicht leicht gemacht. Gab es den einen Moment, bei dem Sie dachten: Oh je, jetzt fehlt aber wirklich die FDP!

SCHLÖMER: Die aktuelle Entscheidung der Bundesregierung zur Vorratsdatenspeicherung ist ein entscheidender Punkt, an dem eine bürgerrechtsliberale Stimme fehlte. Es ist erschreckend, wie schnell Positionen in der aktuellen Politik aufgegeben wurden. Ich bin ein großer Anhänger von wertegebundener Politik. Grundrechte und Bürgerrechte zu wahren ist für mich ein hohes Gut. Ein anderer Punkt ist der Umgang der Bundesregierung mit ihren Geheimdiensten und der Kontrollverlust der Politik. Da ist liberaler Sachverstand sehr dringend gefordert. Da geht es nicht nur um persönliche Freiheiten, sondern auch um Unternehmensfreiheiten. Was tut dieses Land, um das Schnüffeln der Geheimdienste in Wirtschaft und Privatleben zu verhindern?

SATTELBERGER: Bei mir gab es auch zwei Punkte: Die Rente mit 63 halte ich für eine, wie der Schwabe sagt, „saudumme Entscheidung“ und vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung für eine Sünde. Und den Fall Schlecker zu missbrauchen, um Leih- und Zeitarbeit derart zu regulieren, dass die Atmungspotenziale des Mittelstands signifkant beschnitten werden, mag in guten Zeiten gerade noch verdaubar sein, wird sich in schlechten Zeiten aber bitter rächen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch — wir freuen uns auf viele weitere interessante Diskussionen!