Bahnstreik

„Jedes Land hat den öffentlichen Verkehr, den es verdient"

Der Bahnstreik legt das Land still

Meinung11.12.2018Thomas Straubhaar
Zahlreiche Menschen warten am Hauptbahnhof auf eine S-Bahn, nachdem ein Streik den Zugverkehr lahmgelegt hat. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hat nach abgebrochenen Tarifgesprächen zu einem bundesweiten Warnstreik aufgerufen.
Zahlreiche Menschen warten am Hauptbahnhof auf eine S-Bahn, nachdem ein Streik den Zugverkehr lahmgelegt hat. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hat nach abgebrochenen Tarifgesprächen zu einem bundesweiten Warnstreik aufgerufen.picture alliance/Wera Engelhardt/dpa

Dieser Artikel erschien am 10. Dezember 2018 erstmals in der Welt und ist hier zu finden. 

Wieder einmal legt ein Bahnstreik das Land still. Das ist ungerecht für Pendler und Fernreisende. Es wäre einfach, die Schuld bei Gewerkschaften und der Bahn zu suchen. Doch das wahre Problem liegt mitten in der Gesellschaft.

Die Warnstreiks der Eisenbahner sind ein Fanal. Sie nehmen Millionen Menschen in ganz Deutschland in Geiselhaft. Pendler, die treusten Kunden der Bahn, kommen verspätet oder schlimmstenfalls gar nicht zum Arbeitsplatz. Fernreisende, die gerade nicht Auto oder Flugzeug benutzen wollten, um an ihr Ziel zu kommen, werden für ihre Treue zur Bahn aufs Übelste bestraft. Vielen wird das eine Lehre sein, beim nächsten Mal den öffentlichen Schienenverkehr zu meiden und sich lieber mit privaten Verkehrsmitteln zu bewegen.

Der Streik bei der Deutschen Bahn ist deshalb so unfair wie unerträglich, weil er vollständig Kosten zu Lasten Dritter verursacht. Wird in einem privaten Unternehmen gestreikt, schaden die Streikenden ihrem eigenen Arbeitgeber und dessen Eigentümer. Kunden wechseln dann zur Konkurrenz und sollte die Firma deswegen Pleite gehen, verlierenden die Streikenden ihre Jobs. Dieses bittere Ende bindet den Streikenden die Hände – zumindest teilweise. Sie können es mit ihrer Machtdemonstration nicht bis zum Äußersten treiben, ohne nicht auch selber zu bluten.

Bei der Deutschen Bahn ist das anders. Als Unternehmen, das nicht nur im Staatsbesitz ist, sondern auch dem öffentlichen Interesse dient, kann sie am Streik ihrer Beschäftigten nicht zugrunde gehen. Somit müssen die Streikenden die Folgekosten ihres Verhaltens nicht fürchten. Ihr Arbeitsplatz bleibt sicher, selbst wenn Pendler und Fernreisende leiden.

Ein Eigentor der Gewerkschaften

Allerdings zeigt sich, dass aus der als Warnung für die Deutsche Bahn und deren Management gedachten Streikaktion zu Wochenbeginn für die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) in der längeren Frist durchaus ein Eigentor werden könnte. Denn es wird von allen Seiten der Druck wachsen, sich noch einmal stärker aus der Umklammerung der Streikenden zu befreien.

Irgendwann könnte die Bahn dann Menschen durch Technik, Personal durch Automaten, Zugbegleitungen durch digitale Assistenzen und selbstfahrende Systeme ersetzen. Ebenso werden viele frustrierte Bahnfahrende zur Konkurrenz abwandern oder künftig das eigene Auto nutzen. Beides schmälert Verständnis und Unterstützung für den öffentlichen Verkehr auf allen Ebenen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Dabei wäre genau das Gegenteil angezeigt.

Mehr denn je braucht der öffentliche Verkehr in Deutschland eine breite Zustimmung und Akzeptanz. Dafür sprechen gleichermaßen überzeugende ökologische wie auch ökonomische Gründe. Klimawandel und Umweltbelastung sind das eine. Stau, verstopfte Straßen und frustrierte Pendler sind das andere. Zusammen bieten sie eine wachsende Anzahl guter Argumente für eine Verkehrswende und neue Mobilitätskonzepte. Digitalisierung und Datenökonomie tun ein Weiteres dafür, dass intelligente autonome Fahr- und Leitsysteme möglich werden. All das jedoch wird nicht privat zu finanzieren sein.

Eine moderne digitale Mobilität mit selbstfahrenden und -fliegenden Verkehrsträgern ist im Bereich der Netzwerke auf öffentliche Infrastrukturausgaben angewiesen. Ohne immens viel neues Geld der Steuerzahlenden sind weder digitale Verkehrswende noch autonome Mobilität finanzierbar. Dabei gibt es durchaus Raum für private Beteiligungen. Im Zeitalter tiefer Zinsen für Bundesanleihen wäre ein Sonderfonds „Deutsche Verkehrsinfrastruktur“ eine attraktive Alternativ für viele, die ihr Geld sicher anlegen wollen.

Die engstirnigen Tarifparteien, die sich derart verzockt haben, dass am Ende nur noch ein Streik zu Lasten Millionen Dritter als Ausweg übrig blieb, verspielen gerade allzu leichtfertig das Vertrauen in das öffentliche Verkehrssystem. Das wird zuallererst der Bahn selber schaden, weil Streiks Sympathiepunkte und Kundentreue kostet. Aber es ist auch makroökonomisch keine Bagatelle. Denn eine Politik weg vom automobilen Individualverkehr hin zu einer leistungsfähigen, verlässlichen und effektiven öffentlichen Mobilität könnte und sollte Deutschland zum digitalen Weltmarktführer für intelligente digitale Logistik machen.

Spätestens an der Stelle allerdings schlägt eine Kritik an der Deutschen Bahn auf die Öffentlichkeit zurück. Jahrzehntelang wurde am falschen Ort gespart und galt billig(er) bereits als besser. Wegen einer scheinbaren Kostenreduktion wurde an allen Ecken und Enden Personal wegrationalisiert. Dabei ist man ganz offensichtlich übers Ziel hinausgeschossen. So genügen mittlerweile bereits an sich nichtige Ursachen wie Krankheit oder Sportunfälle Einzelner, dass ganze Züge nicht fahren können, weil es an Lokführern, Zugbegleiter(innen), fahrbereiten Zügen und anderen für den Fahrbetrieb unverzichtbaren Dingen fehlt.

Gesellschaft muss Farbe bekennen

Um es in aller Deutlichkeit zu formulieren: jedes Land hat den öffentlichen Verkehr, den es verdient. Die Qualität des Nahverkehrs und der Fernbahnen ist nicht gottgegeben. Sie wird vom Willen der Bevölkerung bestimmt, für verlässliche, pünktliche, schnelle und attraktive Verkehrsleistungen auch gut zu bezahlen und die Beschäftigten anständig zu behandeln, damit Motivation und Einsatzbereitschaft gefördert und nicht zerstört werden.

Es ist Irrsinn zu glauben, dass Effizienz notwendigerweise bedeutet, Personal einzusparen oder Beschäftigte schlecht zu bezahlen. Effizienz heißt nicht möglichst billig. Sie verlangt lediglich, nichts zu tun, was andere besser können und alles zu lassen, wofür die Kunden nicht bereit sind zu bezahlen.

Und da kommt dann halt auch wieder die Öffentlichkeit ins Spiel. Sie muss Farbe bekennen, wie viel ihr pünktliche Züge, motiviertes Bahnpersonal, Schnellverbindungen und Hochtechnologie wert sind. Es spricht gar nichts dagegen, für bessere Qualität auch mehr Geld auszugeben. Was nicht geht ist lediglich, für schlechte Qualität (zu) viel Geld bezahlen zu müssen.

Die Gesellschaft muss sich entscheiden, was sie will. Ist ihr die Qualität der Mobilität wichtig, darf und soll das auch seinen Preis haben. Was ist ihr lieber, eine billige aber schlechte oder eine zwar teurere, dafür aber leistungsstarke Eisenbahn? Diese Frage ist nicht nur bei Verkehr und Mobilität zu beantworten.

Die Frage nach der Zahlungswilligkeit für gute Qualität stellt sich genauso bei der Bildung und dort der Bezahlung der Lehrkräfte oder im Gesundheitswesen und dort bei der Bezahlung von Fach- und Pflegekräften. Eine Gesellschaft wäre klug beraten, sich zu fragen, wie viel gute Qualität kosten darf, bevor es zu spät ist und eine unsinnige Eskalation alle zu Verlierenden macht.

 

 

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