Interview
Gleichstellung: Ich bin mittlerweile für die Quote

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger © TroNa GmbH

Vor 100 Jahren trat das Frauenwahlrecht in Kraft. Wie steht es um die Gleichstellung heute? In Deutschland wird anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Frauenwahlrechts in Deutschland viel über die Förderung von Frauen in Politik und Wirtschaft debattiert. Im Interview plädiert die stellvertretende Vorsitzende der FNF für die Quote. 

Politik hat ja immer eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft gehabt. Wie beurteilen Sie als Liberale die Diskussion um die Einführung einer Frauenquote im Deutschen Bundestag?

Als Liberale halte ich grundsätzlich nichts von Zwängen, also der Quote. Mittlerweile habe ich aber umgedacht. Die tatsächliche Teilhabe von Frauen ist im derzeitigen Bundestag leider mit knapp 30 Prozent so schlecht wie lange nicht. Und nüchtern betrachtet wird sich auch in den nächsten Jahren nichts Grundlegendes ändern. Da hilft dann nur das Vehikel "Quote". Liberale waren lange Vorreiter und progressiv in der Gleichstellungspolitik. Ich werbe dafür, dass wir diese Rolle wieder annehmen. 

Wie hat sich der Einfluss von Frauen in der Politik über die letzten Jahrzehnte verändert und wie haben Sie diese Veränderung persönlich erlebt?

1992 war ich die erste Ministerin in einem damals noch sogenannten klassischen Ressort. Die Wahl von Angela Merkel zur ersten deutschen Bundeskanzlerin 2005 war natürlich ein Durchbruch. Jetzt fehlt noch die erste Bundespräsidentin. Zur Gründung der Bundesrepublik war all das undenkbar. Heute stellt niemand mehr in Zweifel, dass Frauen nicht für die höchsten Ämter in unserer Demokratie geeignet seien. Natürlich kann eine Frau Verteidigungsministerin, Außenministerin - also auch jedes Fachgebiet. Und Gott sei Dank gibt es heute keine Begrenzungen mehr, auch was die Ausbildung angeht. Aber bei allem Fortschritt in der Regierung: Schauen Sie sich alle Ebenen an. Im Bundesinnenministerium gibt es keine einzige weibliche Staatssekretärin. Da ist einiges zu tun. Und genauso auf kommunale Ebenen. 

Ist eine spezielle Förderung von Frauen in Unternehmen, z.B. durch eine Quote, sinnvoll?

Wir erleben es ja, in Aufsichtsräten sitzen jetzt mehr Frauen, weil eben vorgegeben wurde, es müssen dort 30 Prozent Frauen sein. Man hat den Unternehmen Zeiträume gegeben und das Bewusstsein dafür geschärft. Das ist jetzt nicht mehr einfach nur eine aufgezwungene Verbesserung durch mehr Frauen, das kommt dem Unternehmen selbst zugute. Also ja, auch durch solch eine aktive Förderung kann ganz deutlich ein Bewusstseinswandel eintreten und diese Entwicklung unterstützen.