Ehrung

Internationale Arbeit

Meinung08.02.2019Dr. Klaus Kinkel
Klaus Kinkel, Wolfgang Gerhard und Hans-Dietrich Genscher im September 2015
Klaus Kinkel, Wolfgang Gerhardt und Hans-Dietrich Genscher im September 2015 epa-Bildfunk

Wolfgang Gerhardt, dem ich mich sehr verbunden fühle, wird 75. Zunächst, lieber Wolfgang, herzlichen Glückwunsch und alles Gute!

Dieser Geburtstag ist Anlass, ein wenig darauf zurück zu schauen, wie das Geburtstagskind für unsere Partei in seinen vielfältigen Ämtern unterwegs war und ist. Ich will mich, was für den früheren Außenminister naheliegend ist, dabei auf seine internationale Arbeit konzentrieren, die ein ganz wesentlicher Teil seines persönlichen und fachlichen Engagements ist. Wir haben beide viele Jahre eng in unserer FDP zusammen gearbeitet und sind uns dabei auch persönlich nahe gekommen. Schließlich war er auch mein Nachfolger im Amt des Parteivorsitzenden. Wenn man sich seinen beruflichen Werdegang vor Augen hält, ist man beeindruckt von der Fülle und Vielfältigkeit der Ämter, Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Wolfgang Gerhardt übernommen und ausgefüllt hat.

Zunächst in der Politik Hessens, seinem Heimatland: Landesvorsitzender der Hessen-FDP; im hessischen Landtag später Stellvertretender Ministerpräsident, dann hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst. Von 1994 - 2013 Mitglied des Deutschen Bundestags, 1995 - 2001 Bundesvorsitzender der FDP, danach bis 2006 Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion; 2002 - 2012 Vize-Präsident der Liberalen Internationale, von 2006 - 2018 Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Für Wolfgang Gerhardt, einst in die FDP eingetreten, um sich für die Ostpolitik einzusetzen, war und ist die Außenpolitik ein Herzensthema. Die FDP stand zu Beginn seiner Amtszeit als Fraktionsvorsitzender vor der großen Herausforderung, ihr außenpolitisches Profil auch nach dem Ende der langjährigen Regierungsbeteiligung zu erhalten. Sich intensiv mit Themen und Fragestellungen zu beschäftigen, zeichnet Gerhardts Arbeitsweise aus. Europa galt sein besonderes Interesse.

Deutschland brauche – so sein Credo – wie kein anderes europäisches Land ein handlungsfähiges Europa auf der weltpolitischen Bühne und enge Kooperation mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Früh begann Wolfgang Gerhardt jährliche Besuche in die USA, um den Dialog mit einer Reihe langjähriger Gesprächspartner fortzusetzen; der kürzlich verstorbene Senator John McCain zählte hierbei zu seinen regelmäßigen Gesprächspartnern.

Klaus Kinkel auf der Festveranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung zum 20. Jahrestag der Deutsch-Tschechischen Erklärung

Wenn man sich seinen beruflichen Werdegang vor Augen hält, ist man beeindruckt von der Fülle und Vielfältigkeit der Ämter, Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Wolfgang Gerhardt übernommen und ausgefüllt hat.

Dr. Klaus Kinkel, Bundesminister a. D

Für Gerhardt ist das klare Bekenntnis zum staatlichen Existenzrecht Israels unabdingbar. Eine besondere Bedeutung bekam sein moralischer Kompass, als im Zuge des Wahlkampfs 2002 Irritationen am Kurs der FDP aufkamen. Wolfgang Gerhardt war nicht nur eine der ersten und entschiedensten Stimmen, den Kurs der FDP als Freund Israels eindeutig zu klären. Er sieht die dynamische Tandemfigur Deutschland und Frankreich als entscheidenden Motor der Europapolitik; dieser kann jedoch nur dann seine Wirkung entfalten, wenn im direkten Dialog mit kleineren Staaten deren Interessen mit berücksichtigt werden. Für Wolfgang Gerhardt besteht Außenpolitik nicht nur im Kontakt zwischen Politikern und Diplomaten, sondern ebenso im regelmäßigen Austausch der zivilgesellschaftlichen Akteure und dem Dialog mit Sachverständigen. So besuchte er regelmäßig die Stiftung Wissenschaft und Politik.

Er nutzte und belebte intensiv die Möglichkeiten der außenpolitischen Vernetzung der FDP im Rahmen der liberalen Parteienfamilien, gerade in Oppositionszeiten ein wichtiges Instrument zur Sicherung der internationalen Präsenz des deutschen Liberalismus. In der Liberalen Internationale übernahm er dabei viele Jahre die Funktion eines Vizepräsidenten im engeren Vorstand. Kein Zweifel: Wolfgang Gerhardt wäre gerne deutscher Außenminister geworden, und das hätte auch für ihn ideal gepasst.

Als Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung konnte er dann sein außenpolitisches Interesse besonders pflegen. Unter ihm rückte das Prinzip der „Freiheit in Menschenwürde“ noch stärker ins Zentrum der internationalen Arbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Das war und ist umso wichtiger, als die Freiheit immer stärker durch antiliberale Kräfte, auch bei uns in Europa, herausgefordert und bedroht wird.

Er hat diese Notwendigkeit so begründet: „Wir alle beobachten weltweit, dass autoritäre Systeme zunehmen. Dass Populisten in die Parlamente einziehen. Dass es Menschen gibt, die glauben, eine Mehrheit dürfe alles. Für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit muss klar sein, dass sie stark engagiert bleiben muss gegenüber den Angriffen der Ränder. Eine freie Gesellschaft ist immer auch ein großes soziales Experiment. Sie bringt Probleme mit sich. Aber ihre Probleme können nur in Freiheit gelöst werden.“ Unter anderem dank Wolfgang Gerhardts Auslandsarbeit ist die Stiftung heute weltweit wirksam und vernetzt.

Mit Aktivitäten in rund 70 Ländern setzt sie sich von 45 Standorten aus für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft und Menschenrechte auf der Basis liberaler Überzeugungen ein. Das Spektrum ihrer Tätigkeit umfasst neben der klassischen Zusammenarbeit mit liberalen Parteien auch die Unterstützung von Menschenrechtsgruppen, bedrohten Journalisten, Kleinstunternehmern und Start-ups, Rechtsstaatlichkeit und politischer Partizipation. Neu ist das Verständnis der Stiftung als Innovationsplattform, die Megatrends wie Digitalisierung, Mobilität, Smart Cities, künstliche Intelligenz und beste Bildung aufgreift und mit Partnern weltweit an Lösungen für die Zukunft arbeitet.

Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat ein ausdrucksvolles Netzwerk an Persönlichkeiten und Organisationen aufgebaut, die sich der Sache der Freiheit und Menschenwürde engagiert und mutig widmen. Wolfgang Gerhardt hat durch ungezählte Gespräche und Reisen an vielen Orten der Welt dieses Netzwerk persönlich nachhaltig gestärkt. Erst zu Beginn dieses Jahres öffnete er der Stiftung in Hongkong die Türen, wo sie zu Innovationstechnologien arbeitet. Nun hat Wolfgang Gerhardt den Vorsitz an Karl-Heinz Paqué abgegeben. Ihm bleibt im sicher ausgefüllten Ruhestand die Liebe zur Außenpolitik besonders erhalten.

Lieber Wolfgang, nochmals besonderen Dank für das, was du für die liberale Sache getan hast. Und das war wahrlich viel. Zu Deinem erfüllten Leben über die Außenpolitik hinaus wäre viel zu berichten. Das tun andere. Ich wünsche Dir aus freundschaftlicher Verbundenheit alles Gute. Du bist ein prima Kerl und Kamerad!