Integration
Berufliche Bildung: Der Schlüssel für eine gelungene Integration

OECD-Studie zeigt, es besteht eine große Chance der beruflichen Bildung für die Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen und Migranten
Asad Shirzad (l-r) aus dem Iran, Mario Ruckdäschel, Böroleiter der Wärmeversorgungsgesellschaft mbH und Mohamad Hamdo aus Syrien, Auszubildender, stehen nach einer Pressekonferenz zur Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt in Brandenburg am Unternehmensstandort der Wärmeversorgungsgesellschaft mbH in einem Materiallager.
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Einmal in die Hände gespuckt und schon steigt das Bruttosozialprodukt? Ganz so einfach ist es mit der Integration von über 1.5 Millionen zugewanderten Menschen in den deutschen Arbeitsmarkt wohl nicht. Bereits im Dezember veröffentlichte die OECD dazu eine umfassende Studie, die am Freitag im Haus des Handwerks des Zentralverbands des Deutschen Handwerks noch einmal vorgestellt wurde. „Unlocking the Potential of Migrants in Germany“ haben die Autoren Benedicte Bergseng, Eva Degler und Samuel Lüthi ihr Werk genannt und geben damit das Bild vor: in einem Land mit alternder Bevölkerung bietet die Einwanderung junger Menschen Chancen – doch es bedarf kluger Politik, um  das Potential  zu heben. Viele der Empfehlungen der Autoren für eine bessere Politik sind dabei bereits seit langem fester Bestandteil liberaler Bildungspolitik: bessere Berufsorientierung, Modularisierung und Flexibilisierung sowie zielorientierte Begleitung über Sprachkurse und Mentoringprogramme gehören ebenso dazu, wie die Forderung nach einer besseren Abstimmung zwischen Bund und Ländern.

Ein Schlüssel ist die deutsche Berufsausbildung. Sie stattet Migranten mit den Fähigkeiten aus, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt gesucht werden. Dies ermöglicht nicht nur den Sprung von Gelegenheitsjobs in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse, sondern ist auch ein wichtiger Baustein für eine gelungene Integration. Bildung ist Bürgerrecht, und Ausbildung vermittelt nicht nur handwerkliche Kenntnisse, sondern vermittelt Sprache und Kultur, ebnet den Weg zu Kontakten mit der autochthonen Bevölkerung und baut Vorurteile ab.

Der Titel der Studie ist allerdings nicht ganz glücklich gewählt – es geht in erster Linie nicht um Einwanderung als Ganzes, sondern vor allem um besagte 1.5 Millionen Menschen, die auf der Suche nach humanitärem Schutz 2015 und 2016 nach Deutschland gekommen sind. Wie die Autoren betonen handelte es sich dabei um eine „Ausnahmesituation“, die das deutsche Ausbildungssystem sehr kurzfristig vor große Herausforderung gestellt hat. Das bietet auch Chancen: Erfahrungen aus dieser Zeit können dazu beitragen, die Konturen einer zukünftigen Einwanderungspolitik zu schärfen. Nur: eine auf Fachkräfte ausgerichtete Neuordnung können sie nicht ersetzen.

Bereits im ersten Übersichtskapitel wird das Ausmaß der Herausforderung deutlich. Die Autoren stellen es dar: Viele der jungen Asylsuchenden setzen sich hohe Ziele, was die eigene (Universitäts-)ausbildung betrifft, zwischen 21 und 30 Prozent von ihnen verfügen allerdings zum jetzigen Zeitpunkt höchstens über eine Grundschulbildung. Und: der Wille, die eigene Familie möglichst schnell finanziell zu unterstützen, überschattet recht bald den Wunsch nach Ausbildung. Auch rechtliche Beschränkungen, die Lage am Ausbildungsmarkt und Sprachprobleme verkomplizieren das Bild. Hinzu kommt, dass handwerkliche Berufe in den Herkunftsländern oft einen schlechten Ruf haben oder keinerlei formale Ausbildung erfordern, was vielen Migranten die Orientierung erschwert. Trotz alledem sehen die Autoren der Studie im deutschen Ausbildungssystem eine große Chance, um einen realistischen Weg in geregelte Arbeitsverhältnisse aufzuzeigen.

Wie wichtig dabei eine personalisierte Beratung ist, zeigen existierende Angebote wie die KAUSA-Servicestellen, die sich gezielt an potenzielle Auszubildende mit Migrationshintergrund richten. Und so ist es eine gute und zielführende Forderung, dass diese in Zukunft weiter ausgebaut werden sollen.

Dass noch viel zu tun bleibt zeigt sich allerdings an der vergleichsweise niedrigen Zahl von Asylsuchenden, Flüchtlingen und Geduldeten in der beruflichen Ausbildung – auch wenn sich die Zahlen zwischen 2017 und 2018 fast verdoppelt haben. Dies geht einher mit einem besonderen Problem: den verhältnismäßig hohen Abbruchraten. Allgemein liegen diese bei rund 16%, doch bei den Asylsuchenden aus den häufigsten Ursprungsländern sind es rund 40%. Als Hauptursache benennen die Autoren der Studie dabei Sprachdefizite – so könnten die Auszubildenden zwar an der Werkbank durchaus gute Leistungen zeigen, doch seien sie auf der Schulbank manchmal überfordert. Es sei daher ganz besonders wichtig, dass sowohl die Auszubildenden als auch die Ausbilder gezielt unterstützt würden. Auch Programme, wie die bayerischen Berufsintegrationsklassen, die Neuankömmlinge ohne entsprechende Sprachfertigkeiten gezielt auf die berufliche Ausbildung vorbereiten, werden von den Autoren der Studie besonders gelobt. Die „assistierte Ausbildung“, die die herkömmlichen Formate um zusätzliche Unterstützungsangebote erweitert, sollte außerdem weiter ausgebaut werden.

Die Autoren weisen darauf hin, dass auch nach einer gelungenen Ausbildung Hürden bleiben, bis der Sprung in das geregelte Berufsleben klappt. So kämpfen mögliche Arbeitgeber mit rechtlicher Unsicherheit und, zumindest manchmal, den eigenen Vorurteilen. Gerade deshalb ist es wichtig, mit den entsprechenden Unternehmen zusammenzuarbeiten und auf ihre Sorgen einzugehen. Ein Erfolgsbeispiel seien Angebote wie die Initiative „NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.

Aus liberaler Sicht bietet vor allen Dingen das letzte Kapitel der Studie viele spannende Vorschläge, die zum Teil schon lange Teil des freiheitlichen Werkzeugkastens sind. Hier suchen die Autoren nach Möglichkeiten der erhöhten Flexibilisierung und Modularisierung der Berufsausbildung. Dabei geht es nicht darum, existierende Zertifikate und Ausbildungswege aufzuweichen oder im Niveau abzusenken. Vielmehr geht es darum, denjenigen, für die dieses Niveau (noch) zu hoch ist, alternative Möglichkeiten anzubieten, einen Abschluss zu erwerben, der einen Weg ins Berufsleben abseits des Gelegenheitsjobs bietet. Manche Angebote – zum Beispiel die Teilzeitausbildung – existieren bereits, werden aber zurzeit kaum genutzt. Hier gilt es, anzusetzen.

Die berufliche Bildung in Deutschland ist ein Erfolgsmodell – das zeigt nicht zuletzt der internationale Vergleich, den die OECD einige Monate vorher veröffentlicht hat. Wird die Ausbildung abgeschlossen, so ist die Bildungsrendite bei Menschen mit Migrationshintergrund sogar höher als für solche ohne. Der Weg dahin, das machen die Wissenschaftler der OECD deutlich, ist steinig – aber er lohnt sich – für die Migranten, wie für die offene, liberale Gesellschaft.

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Johann Ahlers
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