Innovationen fördern, und zwar so!

Experteninterview zum Thema Gründerkultur, Finanzierungsmöglichkeiten und Talentförderung

Meinung14.03.2016Iris B. Müller
Titelfoto
v.l.n.r. Elisabeth Slapio, Prof. Dr. Nicolas Burkhardt, Lukas J. KrakowFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

„How to be Innovative – Innovationen fördern, aber wie?“ hieß die Veranstaltungsserie, die die Stiftung für die Freiheit vergangene Woche in Kooperation mit der IHK, der Kopfspringer GmbH, der AiF F-T-K GmbH und der Deutschen Bank in Nordrhein-Westfalen durchgeführt hat.

Nach einer Expertendiskussion rund um das Thema Innovationsförderung konnten Teilnehmer sich anschließend individuell austauschen und beraten lassen. Was ist also das Rezept, um Innovationen in Deutschland zu fördern? Warum gibt es hier nicht eine solche Gründerkultur wie in den USA und warum gründen Frauen eigentlich so selten? Die Stiftung für die Freiheit sprach mit einigen der Experten.

Herr Krakow, Frau Slapio, Herr Prof. Burkhardt, warum gibt es in Deutschland nicht so eine Gründerkultur wie in den USA? Sind wir weniger innovativ als die Amis?

Herr Krakow: Nein. Wir Deutschen haben schon auch Ideen. Hier herrscht nur oftmals noch nicht der Geist, Neues und Innovatives umzusetzen, also einfach mal den Mut zu haben und zu machen. Warum die Deutschen von der Angst eingenommen und eher zurückhaltend sind, weiß ich leider nicht. Ich weiß nur, dass wir das ändern müssen.

Krakow

„Warum die Deutschen von der Angst eingenommen und eher zurückhaltend sind, weiß ich leider nicht. Ich weiß nur, dass wir das ändern müssen.“

Lukas J. Krakow

Frau Slapio: Ich glaube nicht, dass es in Deutschland keine Gründerkultur gibt, sie ist nur nicht so ausgeprägt wie in anderen Ländern. Aber es wäre fatal davon auszugehen, dass wir keine Keimzellen einer Gründerkultur hätten. Wir sind eben auf eine andere Art und Weise innovativ als die Amerikaner und sind in einigen Teilen darin auch ausgeprägt gut. Kulturunterschiede dürfen nicht dazu führen, dass wir bewerten. Vielmehr müssen wir die Unterschiede in der Kultur erkennen, und letztendlich versuchen, das Beste aus den Welten zu verbinden. Wir müssen es schaffen, die Qualität unserer Gründerkultur zu fördern und dabei darauf achten, dass diese von Trends, die sich zwar „Gründerszene“ oder „Gründerkultur“ nennen, jedoch diese Substanz nicht haben, nicht überrollt beziehungsweise „zugemüllt“ wird.

Prof. Burkhardt: Ich bin mir nicht sicher, ob es grundsätzlich erstrebenswert ist, die gleiche Gründerkultur zu haben wie in Amerika. Oder ob es überhaupt sinnvoll ist, Kulturen zu kopieren. Wir sollten immer darauf achten, wie unser eigenes Ökosystem funktioniert und ob das, was wir zum Beispiel aus den USA adaptieren könnten, zu uns passt. Die USA sind ja nicht unfehlbar. Während der Dotcom-Blase in den 2000er-Jahren gab es gerade auch dort eine grotesk verdrehte Handhabe, in der zum Beispiel eine möglichst hohe Cash-Burn-Rate („Geldverbrennungsrate“ Anm. d. Red.) als Erfolgsfaktor gesehen wurde. Als Gründer wurde man also dafür gefeiert, wieviel Geld man letztlich verbrannt hat. Ich glaube nicht, dass wir solch eine Entwicklung in Deutschland möchten. Die Frage für Deutschland ist vielmehr, wie es möglich ist, eine Innovationskultur zu etablieren, die auch zur Gesellschaftskultur passt. Natürlich können wir uns vieles international abgucken. Die USA sind an einigen Stellen im Kontext „Innovation“ sehr gut aufgestellt. Trotzdem muss man dem Land nicht zwingend nacheifern.

Im letzten Jahr lag die Frauenquote unter Gründern laut Statistiken bei 13 %. Warum gründen speziell Frauen so wenig?

Herr Krakow: Das ist eine sehr gute Frage. Das könnte zum einen vielleicht daran liegen – und das ist auch meine Erfahrung als familienpolitischer Referent – dass Frauen Angst davor haben, Familie und Beruf nicht vereinbaren zu können. Da eine Unternehmensgründung und die Markteinführung einer Innovation im Allgemeinen zeitintensiv sind, fürchten Frauen mitunter, die beiden Lebenswünsche Familie und Unternehmen nicht miteinander vereinbaren zu können.

Prof. Burkhardt: Ich glaube, dass das leider noch ganz stark an der Rolle liegt, die Frauen häufig in der Wirtschaft überhaupt zugetraut wird. Es gibt einfach noch immer zu wenige weibliche Führungskräfte, die Gründerinnen als Vorbild dienen könnten. Meinem Empfinden nach stellen Frauen sich zudem seltener gerne direkt ins Rampenlicht. In der Startup-Welt ist es jedoch gerade in den aktuellen Hype-Zeiten oftmals von Vorteil, besonders laut zu schreien, um überhaupt wahrgenommen zu werden, zum Beispiel wenn man nach Investoren sucht. Das mag Frauen ein wenig abschrecken. Aber ehrlich gesagt: sinnvoll ist diese Entwicklung ja auch nicht. Es wäre besser, die besten Konzepte und nicht das beste Selbstmarketing zu finanzieren. In jedem Fall ist es wichtig, dass es in Zukunft mehr weibliche Gründer gibt.

Burkhardt

„In der Startup-Welt ist es oftmals von Vorteil, besonders laut zu schreien. Das mag Frauen ein wenig abschrecken. Aber ehrlich gesagt: sinnvoll ist diese Entwicklung ja auch nicht. Es wäre besser, die besten Konzepte und nicht das beste Selbstmarketing zu finanzieren.“

Prof. Dr. Nicolas Burkhardt

Frau Slapio: Es ist zwar statistisch bewiesen, dass es weniger Gründerinnen als Gründer gibt, aber ich glaube nicht, dass Frauen weniger innovative Ideen umsetzen. Sie haben eher von Natur aus eine Tendenz, viele Ideen erst einmal in einem privaten Umfeld auf den Weg zu bringen, sie sofort in eine Geschäftsidee umsetzen. Sind sie dann einmal doch soweit, ist häufig die Lebensplanung so, dass sie genau in der Phase nicht in der Lage sind, ihre Geschäftsideen umzusetzen. Zu einem späteren Zeitpunkt kommt es dann durchaus vor, dass sich Frauen mit männlichen Gründern oder bestehenden Strukturen der Wirtschaft zusammentun. Man muss Frauen daher das Selbstbewusstsein vermitteln, dass auch sie das Recht haben, ihre Ideen und sich selbst in einen wirtschaftlichen Fokus zu setzen. Sie sollten sich nicht zurücknehmen und sich mit Fragen wie „Kann ich das? Darf ich das? Bin ich dafür geeignet?“ plagen. Wir sollten sie ermuntern, dass sie ihre Fähigkeiten sehen. Was die Bezahlung, die Gleichbehandlung und die Förderung von Frauen angeht, haben wir noch große Schritte vor uns.

Welche Rahmenbedingungen müssen vorherrschen, damit die nächsten Amazons, Googles und Facebooks aus Deutschland kommen?

Frau Slapio: Ich glaube, dass wir gar nicht so sehr auf das Thema Amazon, Google und Facebook stürzen sollten. Wir sollten uns fragen, ob es am Thema Ideen, Innovation und Kreativität liegt, oder nicht stattdessen an der generellen Finanzsituation, die in Deutschland und Europa vorherrscht. In den USA ist die Bereitschaft höher, mit dem Blick auf eine weltweite Expansion von guten Ideen Privatkapital aufzubringen. Es herrschen dort ein anderes Wirtschaftssystem, eine andere Denke und eine andere Risikobereitschaft. Den natürlichen Vorsprung, den wir in den USA durch die Finanzstrukturen haben, kann man in Europa ausgleichen, indem man internationaler denkt. Wir haben in Deutschland zum Beispiel Startups, die in den USA reüssierten, weil sie ihre Ideen einfach ins Ausland transportierten. Damit sich das ändert, brauchen wir die Bereitschaft, vorhandenes Kapital – was in Deutschland reichlich vorhanden ist – auch in etwas risikofreudigere Strukturen einzubringen. Wir können in die Zukunft der Wirtschaft investieren, indem wir auch private Finanzierungsmöglichkeiten erleichtern, sei es durch steuerliche Rahmenbedingungen oder entsprechende begleitende Fördermaßnahmen.

Slapio

„Wir können in die Zukunft der Wirtschaft investieren, indem wir auch private Finanzierungsmöglichkeiten erleichtern, sei es durch steuerliche Rahmenbedingungen oder entsprechende begleitende Fördermaßnahmen.“

Elisabeth Slapio

Herr Krakow: Zum einen brauchen wir in Deutschland beste Bildung, denn Innovationen setzen voraus, dass kluge Köpfe sich kluge Sachen überlegen. Zum anderen muss Scheitern möglich sein. Es muss möglich sein, etwas auszuprobieren ohne dafür stigmatisiert zu werden, wenn man scheitert. In diesem Fall muss man eigentlich sagen, dass es ein Versuch war, der eben nicht geglückt ist.

Prof. Burkhardt: Viele Rahmenbedingungen in Deutschland sind gar nicht so schlecht. Wir haben tolle Hochschulen und viele Leute, die in der Lage wären, zu gründen. Das Problem ist aus meiner Sicht etwas anderes. Lassen Sie mich mit einem plakativen Beispiel verdeutlichen: Die Implementierung von Itunes hat die Musikindustrie weltweit disruptiv verändert. Die Wertschöpfung findet bei Apple in den USA statt. Aber die Schlüsselinnovation, die diese Wertschöpfung erst möglich gemacht hat, also die mp3, ist im Fraunhofer Institut in Deutschland entwickelt worden. Das Problem ist also nicht, dass wir in Deutschland zu wenig Know-how hätten, sondern dass wir eben ein Ingenieursland, ein oftmals technisch getriebenes Land sind. Uns geht es ganz häufig vielmehr um das Erfinden, also die Invention, aber nicht ums Wertschöpfen, also die Innovation. Bei den Amis ist das in diesem und vielen anderen Beispielen anders, weil sie eine andere Perspektive haben. Davon könnten wir lernen, um die Eingangsfrage noch einmal aufzugreifen. Ideen entwickeln, die wir direkt wirtschaftlich nutzen wollen, statt sie „nur“ zu erfinden.

Frau Slapio: Da stimme ich Herrn Prof. Burkhardt zu. Es gibt Bereiche, in denen wir Ideen haben, die wir aber nicht schnell genug in die Marktumsetzung bringen. Andererseits haben wir in manchen Themen, beispielsweise in Ingenieursdienstleitungen, eine gewisse Tiefe, die man uns in der Schnelligkeit der Vermarktung zwar als negativ anlastet, die aber in der Qualität durchaus Weltmarktführerschafts-Niveau hat.

Frau Slapio, Sie sagten in der Diskussionsrunde: „Innovation entsteht im Kindesalter.“ Wie kann diese Entstehung gefördert werden?

Frau Slapio: Wenn wir sehen, wie schnell Kinder Dinge in den ersten Lebensphasen lernen, sich Sachen anschauen, erproben und angstfrei riskieren, können wir daraus schließen, dass es eine grundsätzliche Bereitschaft des Menschen gibt, sich mit neuen Dingen zu beschäftigen.

Herr Krakow: Ich glaube, die beste Förderung erreichen wir dann, wenn wir verhindern, dass Kinder beim Erwachsenwerden nicht eine gewisse spielerische Neugier verlieren. Wenn Sie weiterhin Dinge hinterfragen und Neues ausprobieren, ohne dass die Eltern, sofort sagen: „Das kannst du nicht“. Wir müssen Kindern Spielraum geben, sich selbst ausprobieren. Dann können die Kinder zu den Menschen werden, die sie werden wollen.

Frau Slapio: Dazu müssen wir in unserem Bildungssystem Freiräume für "schulisches Ausprobieren" schaffen. Wir haben in Deutschland ein sehr starkes, aber auch zugleich sehr starres Bildungssystem und eine Weiterentwicklung, die sehr früh Spezialistentum fördert, gerade auch im Holschulbereich. Wenn wir die Entwicklung der Menschen in jungen Jahren auf eine sehr geradlinige Entwicklung im Berufsbereich abzielen lassen, engen wir die natürlichen Freiräume für Innovation ein. Das heißt nicht, dass wir keine Grundrechenarten oder Sprachkompetenz vermitteln, aber dass wir Freiräume schaffen, um unterschiedliche Talente in den Schulen weiterzuentwickeln. Wir haben mit der Bologna-Reform ein Idealbild von jungem Spezialistentum in frühen Jahren mit viel Auslandserfahrung kreiert. Gleichzeitig wundern wir uns aber, dass diesen jungen Leuten der Freiraum fehlt, innovative Themen zu entwickeln. Wir dürfen uns in der Bildung nicht nur auf Information und Wissen konzentrieren, sondern müssen wieder einen ganzheitlichen Bildungsansatz zulassen und auch Persönlichkeitsbildung als Teil von Kompetenzentwicklung verstehen. Wenn wir in der Wirtschaft investieren, um uns in der Entwicklung im vorschulischen Bereich, über Schule bis hin zur Förderung von Rahmenbedingungen für alleinerziehende Mütter und Vater zu engagieren, ist das die beste Investition, um Innovationen freien Raum zu lassen.

Slapio

„Wir dürfen uns in der Bildung nicht nur auf Information und Wissen konzentrieren, sondern müssen wieder einen ganzheitlichen Bildungsansatz zulassen und auch Persönlichkeitsbildung als Teil von Kompetenzentwicklung verstehen.“

Elisabeth Slapio

Prof. Burkhardt: Da stimme ich absolut zu. Die Innovation bei Kindern müssen wir gar nicht fördern. Mein Sohn, der dreieinhalb Jahre alt ist, kommt auf Ideen, auf die ich niemals kommen würde. Die sind zwar nicht immer erfreulich, weil sie gegen jede Konvention verstoßen, aber natürlich sind sie bahnbrechend anders. Das ist es was wir in der Wirtschaftswelt aktuell suchen. Die Erwachsenen, die sich diese kindliche Ideenfreude und Problemlösungskompetenz länger beibehalten, haben bei aktuellen Herausforderungen große Vorteile. Das Ausprobieren und Scheitern ist im Übrigen genau das, was in der Methode „Lean Startup“ wieder in den Vordergrund gerückt wird: „ideate, prototype, test and measure“.

Herr Krakow, Frau Slapio, Herr Prof. Burkhardt, vielen Dank für das Gespräch.

Henning

„Ich freue mich sehr, dass ich heute bei der Veranstaltung mit den Gästen diskutieren durfte. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, dass so vielfältige Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Meinungen da waren. Davon lebt eine solche Veranstaltung.“

Heinz Henning, Deutsche Bank (Köln)

Ihr Ansprechpartner:

Jan-Frederik Kremer
Tel.: +49 2261 3002-100