„Ich bin heute gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich Ihr Lebenswerk niemals vergessen werde. Danke!“

Sehr persönliche Eindrücke aus Genschers Geburtshaus in Halle in den Tagen nach seinem Tod

Nachricht05.04.2016Katja Raab
Das Geburtshaus von Hans-Dietrich Genscher in Halle.
Das Geburtshaus von Hans-Dietrich Genscher in Halle. Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Die Nachricht erreichte mich im Auto auf dem Weg von einer Beratung in Magdeburg zu einer bevorstehenden Bildungsveranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung. Eines war klar, ich musste sofort zurück zum „Genscherhaus“. Meine Kollegin war allein vor Ort, gleich würde die Hölle losbrechen.

Beim Fahren realisierte ich dann, was eigentlich passiert ist und große Bestürzung setzte ein. Und dann ging es auch schon los. Noch während der Fahrt kamen die ersten Anrufe der Presse. „Frau Raab, was sagen Sie denn dazu? Was bedeutet das für die Stadt Halle? Was verband Sie ganz persönlich mit Hans-Dietrich Genscher?“ Ich stammelte irgendetwas von großer Betroffenheit. Als ich von meinen persönlichen Begegnungen erzählen wollte, versagte mir die Stimme. Den Rest der Fahrt nutzte ich, um mich wieder zu sammeln. Nun ist er also da, der Tag X, von dem schon vor über einem Jahr bei meiner Einführung die Rede war. Eigentlich ist ja alles vorbereitet. Wir mussten nur anrufen in einem Bestattungsinstitut in der Nähe. Dort lagen Materialien zur Herrichtung des Geburtszimmers bereit, Kondolenzbücher waren schon angeschafft. Silke Hüttenrauch von der liberalen Landesstiftung war bereits in Dauerschleife mit mir und unserem freien Mitarbeiter Thomas Mergen verbunden.

Auf dem Parkplatz am Geburtshaus von Hans-Dietrich-Genscher angekommen schälte sich gerade ein Kamerateam von ntv aus dem Auto. Sie teilten mir mit, dass in einer halben Stunde der Landesvorsitzende der FDP und der Oberbürgermeister der Stadt Halle herkommen würden, um für eine Live-Übertragung zur Verfügung zu stehen. Großartig. Ich musste doch noch die Fahnen suchen, aufhängen und auf Halbmast setzen. Als ich um die Ecke bog, lagen schon die ersten Blumen am Haus und eine Kerze brannte. Schnell den aufsteigenden Kloss im Hals wieder herunterschlucken!

Meine Kollegin und ich schafften es dann irgendwie, die Technik der Fahnenmasten zu verstehen und flaggten das Haus mit Europa-, Deutscher und Fahne der Begegnungsstätte Deutsche Einheit. Noch nicht ganz fertig damit bog das nächste Kamerateam um die Ecke. Ich sollte mich dazu äußern, was wir denn als Friedrich-Naumann-Stiftung nun beabsichtigen in der nächsten Zeit mit dem Haus. Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich mit irgendjemandem abzustimmen diesbezüglich.  Also widerholte ich die Worte, die mir vom Vorsitzenden der Hübnerstiftung im Ohr klangen: „Herr Genscher wünschte kein Museum über seine Person an diesem Ort. Wir werden uns noch mehr als bisher mit seiner Rolle als Architekt der Deutschen Einheit und Wegbereiter einer Entspannungspolitik zwischen Ost und West in unseren Veranstaltungen auseinander setzten. Aber es wird kein Genschermuseum werden.“ Während der Herr vom Bestattungsunternehmen bereits den Raum herrichtete, kam der Oberbürgermeister von Halle und entschuldigte sich fast, dass er uns so überfalle. Der Sender wollte die Statements unbedingt von hier aus senden. Zwischen weiteren Presseteams steuerten die ersten Hallenser zum Haus. Glücklicherweise lag das Kondolenzbuch nun bereit.

Die Menschen kamen mit tief betroffenen Gesichtern. Viele wollten sich mit uns unterhalten, wollten ihre eigenen Erlebnisse mit Hans-Dietrich Genscher teilen, wollten vielleicht ein bisschen Trost von uns haben. Wie soll ich jemanden trösten, wenn ich selbst traurig bin? Wir waren die einzige öffentliche Stelle in Halle, die einen Ort zum Abschied nehmen anbot. Klar war, dass wir das Haus auch am Wochenende öffnen mussten. Der Einsatzplan war mit Hilfe unserer Ausstellungslotsen auch schnell erarbeitet. Und dann kamen die Menschen zu Hunderten am Wochenende, nicht nur aus Halle. Die Einträge im Kondolenzbuch zeichneten auch Absender aus Thüringen und Niedersachsen aus. Eines war allen Einträgen gemeinsam: die Menschen drückten eine tiefe Dankbarkeit gegenüber Hans-Dietrich Genscher aus. Sie waren dankbar für die Deutsche Einheit, für die Freiheit und für das, was er für die Stadt Halle getan hat.

Ein Herr aus Gotha schrieb: „Noch nie weinte ich wegen einem Politiker. Er war für mich mehr. Ein Mensch, der Menschlichkeit mit Politik verband. Ein Mensch, der immer zu seiner Heimat stand, auch dann, wenn er entfernt von ihr war. Er brach den ersten Stein aus der Mauer, Vielen Dank für alles. Ruhe in Frieden.“

Familie R. aus Alberstedt fand Worte, die so und ähnlich ganz oft im Buch erschienen: „Er hat seine Heimat nie vergessen. Hans-Dietrich Genscher war ein großer Liberaler, volksnah, bescheiden und ein menschlicher Mensch. Das machte ihn so groß“.

Inzwischen füllt sich bereits das zweite Buch. Wir werden ein drittes besorgen müssen. In der Stadt Halle machen sich die Menschen Gedanken, wie man nun nachhaltig den Namen Hans-Dietrich Genscher präsent halten kann. Die Namensgebung eines städtischen Gymnasiums steht ebenso im Raum wie die Vergabe eines Platzes mit seinem Namen. Namensgebungen von öffentlichen Gebäuden, Straßen und Plätzen sind traditionell ein großer Streitfall in Halles Stadtrat. Dieses Mal wird es darüber keinen Streit geben. Eine ganze Stadt trauert.

B.F. schreibt: „Sie haben Ruhe und Frieden verdient. ich möchte meine Betroffenheit mit diesen Zeilen ausdrücken. Sie sind für mich der zweite große Sohn Halles nach G.F. Händel. Eine Lichtgestalt in unserer heutigen Zeit, als Wegbereiter der Deutschen Einheit. Danke für alles“

Katja Raab ist Leiterin des Stiftungsbüros in Mitteldeutschland und der Begegnungsstätte Deutsche Einheit in Genschers Geburtshaus. 

Publikationen zum Thema

Genscher

Wie kaum ein anderer war Hans-Dietrich Genscher in der Lage, politische Ziele mit dem zu verbinden, was man immer als handwerkliche Fertigkeit beschreibt, um sie auch erreichen zu können. Seine Unerschütterlichkeit ist am Ende mit der Überzeugung vieler belohnt worden, dass er unser Land in Bündnisfähigkeit, europäische Integration und Weltoffenheit sicher und verlässlich steuerte. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat in Hans-Dietrich Genscher immer einen großen Unterstützer gehabt. Mehr