I was (s)hot in Joburg

Johannesburg als Reiseziel - eine Stadt der Kontraste und der Vielfalt

Meinung14.08.2017Michelle Gramlich und Ekaterini Georgousaki
Junge Joburgerinnen in der Innenstadt.
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Südafrika gehört zu den beliebtesten Reisezielen der Deutschen – malerische Strände, wilde Tiere, faszinierende Naturlandschaften und nicht zuletzt der für Europäer günstige Wechselkurs locken Millionen Touristen pro Jahr an den südlichen Zipfel Afrikas. Die Reise führt meistens nach Kapstadt und die umliegenden Weinanbaugebiete und setzt sich entlang der Garden Route fort. Ein Aufenthalt im Kruger National Park gehört ebenfalls zum Reiseplan der meisten Südafrika-Touristen. Von Johannesburg sieht die Mehrheit nur OR Tambo, den internationalen Flughafen der Wirtschaftsmetropole, der zum Umsteigen auf dem Weg zum Kap genutzt wird. Ein Aufenthalt in Südafrika, ohne Johannesburg besucht zu haben, bedeutet allerdings, Südafrika nur in Teilen erfahren zu haben. Johannesburg hat sich in den vergangenen Jahren zum pulsierenden Herz des Landes entwickelt und hat viel mehr zu bieten als viele Reisende ahnen.

Johannesburg, Joburg, Jozi oder eGoli („Ort des Goldes“) – die mit rund 4,5 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Stadt Südafrikas besitzt nicht nur viele Namen, sondern hat auch mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Die Stadt sei grau und trostlos, verschmutzt und hektisch. Das gängigste Vorurteil, dem man begegnet, ist die weit verbreitete Kriminalität. Schenkt man all den Geschichten, die zu diesem Thema kursieren, Glauben, so könnte man meinen, dass es in Johannesburg nahezu wie in einem Kriegsgebiet zugeht. Gewiss sollte man in bestimmten Gegenden Vorsicht walten lassen, doch sollte man sich davon keinesfalls von einem Besuch der Stadt abhalten lassen.   

The City of Gold

iGoli bzw. eGoli ist unter all den Namen, die für Johannesburg verwendet werden, wohl derjenige, der am besten zum Entstehungskontext der Metropole passt. Es handelt sich um einen Terminus in isiZulu, einer der elf Amtssprachen der Regenbogennation, und bedeutet „Ort des Goldes“. Die Geschichte der Stadt beginnt im Jahr 1886, als zum ersten Mal größere Goldmengen am Witwatersrand, einem rund 200 km langen Höhenzug, entdeckt wurden. Tausende Menschen strömten in den folgenden Jahren auf der Suche nach Arbeit und Reichtum in die anfangs beschauliche Goldgräber-Siedlung, die bald den Namen Johannesburg erhielt. Die genauen Hintergründe für diese Benennung sind umstritten, doch es steht fest, dass die Siedlung nach einem Mann namens Johann (ein gängiger niederländischer Name) benannt wurde. Johannesburgs Lage ist durch den Goldfund bestimmt und dies ist der Grund dafür, dass sie eine von sehr wenigen Großstädten weltweit ist, die weder am Meer noch an einem Fluss oder einer anderen Art von Gewässer liegt. An die Stelle der Goldminen, die das Stadtbild in den Jahrzehnten nach 1886 prägten, ist in der Zwischenzeit ein neues Stadtbild getreten, das auf der einen Seite noble Vororte mit Hochhäusern und Shopping Malls und auf der anderen Seite Armenviertel mit Wellblechhüttensiedlungen umfasst.

Eine Stadt der Kontraste und der Vielfalt

Die Kontraste, die die Stadt ausmachen, sind tief in der südafrikanischen Geschichte verwurzelt und es wird noch Jahrzehnte dauern, um dieses Erbe zu überwinden. Bis zum Jahr 1994 herrschte in Südafrika das rassistische Unterdrückungsregime der Apartheid („Getrenntsein“ in Afrikaans), das die Bevölkerung nach ihrer Hautfarbe in Weiße, Schwarze und „Coloureds“ einteilte. Diese Einteilung galt auch im Hinblick auf Wohnorte: Während die Innenstadt, das Central Business District (CBD), nur für Weiße reserviert war, mussten Schwarze und „Coloureds“ in Townships, weit weg vom kommerziellen Zentrum und damit von Arbeitsplätzen, leben. Die Rassentrennung wurde zwar 1994 aufgehoben, doch das Land ist noch immer tief gespalten, was sich nicht zuletzt im Stadtbild Johannesburgs widerspiegelt. Ein auffälliges Beispiel ist das Nobelviertel Sandton, das nur durch eine Autobahn vom Armutsviertel Alexandra getrennt ist. Derartige Kontraste und Ungleichheit, die für die meisten Europäer kaum vorstellbar sind, sind zwar noch immer deutlich sichtbar, allerdings befindet sich die Stadt gleichzeitig in einem Prozess des Wandels und der Veränderung. Und eben dieser dynamische Transformationsprozess ist es, der den besonderen Charme Joburgs ausmacht. Man kann fast täglich dabei zusehen, wie sich die Metropole, das Zuhause von Menschen aus Ländern aller Welt, wandelt, und wartet mit Spannung darauf, was als nächstes passiert. Dieser „wind of change“ ist besonders deutlich in der Innenstadt zu spüren und zu sehen. Als 1994 die Rassentrennung aufgehoben wurde, strömten die Weißen, die das CBD bisher bewohnt hatten, in die Vororte und die meisten Unternehmen verlegten ihren Sitz in die nördlichen Vororte Sandton und Rosebank. An ihre Stelle zogen vor allem illegale Einwanderer, Drogenhändler und andere kriminelle Gestalten in die Innenstadt, brachten deren verlassene Gebäude unter ihre Kontrolle und machten das CBD zur „No-Go-Area“.

Hipster, Kunst und kulinarische Feinheiten aus aller Welt – das neue Joburg CBD    

Wer an einem Sonntag die Main Street in der Innenstadt Joburgs besucht, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: Hipster in quietschbunten Outfits, verlockende Essensgerüche, Straßenhändler, die afrikanische Mode und Schmuck verkaufen, sowie Künstler, die mitten auf der Straße singen oder ein Theaterstück aufführen – kaum vorstellbar, dass es sich hierbei bis vor wenigen Jahren um eine strikte „No-Go-Area“ handelte. Die Main Street ist das Herzstück des Viertels Maboneng („Ort des Lichtes“ auf Sotho) und verkörpert wie kaum ein anderer Ort das neue Joburg. Der Wandel begann in den 2000er Jahren, als private Investoren anfingen, Teile der verwahrlosten Innenstadt aufzukaufen und zu sanieren. An die Stelle der alten, leerstehenden Lagerhallen und Bürogebäude traten moderne, großräumige Lofts und Studio-Apartments, die Teile der einst geflüchteten Mittelschicht, insbesondere jüngere Menschen, zurück in die Innenstadt lockten. Heute wirken Orte wie Maboneng oder Braamfontein, ein vor allem von Studenten frequentiertes Viertel, wie bunte Oasen inmitten der grauen Hochhäuser. An Wochenenden finden hier Essensmärkte statt, die für jeden Joburg-Besucher ein absolutes Muss sind. Hier kann man Köstlichkeiten aus aller Welt genießen oder auch südafrikanische Spezialitäten kosten, wie z.B. „Bunny Chow“, ein ursprünglich aus Durban stammendes Gericht der indischen Community, bei dem es sich um einen mit Curry gefüllten ausgehöhlten Brotlaib handelt. Doch nicht nur in kulinarischer Hinsicht hat die neue Innenstadt viel zu bieten, auch Kunst, Kultur und Nachtleben kommen keinesfalls zu kurz. Von Galerien über Street Art bis hin zu trendigen Rooftop Bars und Jazz Clubs ist alles mit dabei.

Joburg – ein Muss für jede Südafrikareise

„I was (s)hot in Joburg“ – der Name dieser inzwischen zum Trend gewordenen Marke, hinter der ein Gemeindeprojekt steckt, das eine Vielzahl von Produkten (Photographien, T-Shirts, Kissen Bilderrahmen und vieles mehr) mit Bezug zu Joburg herstellt und verkauft, spielt mit einem der gängigsten Vorurteile gegenüber Johannesburg. Die Kriminalitätsrate der Stadt ist in der Tat hoch, doch wenn man sich als Reisender an gewisse Grundregeln hält und unsichere Gegenden meidet, so wird man einen unvergesslichen Aufenthalt haben. Neben den bereits erwähnten Vierteln in der Innenstadt sind auch das hervorragende Apartheid-Museum sowie Soweto, das größte Township, einen Besuch wert. Ein von Touristen wenig frequentierter Ort ist die Oriental Plaza, eine Shoppingmall der etwas anderen Art im vornehmlich indischen Viertel Fordsburg. Zwischen den schillernden Farben afrikanischer und orientalischer Stoffe, dem Duft indischer Gewürze und dem Gebetsaufruf des Muezzins fühlt man sich wie in einer anderen Welt.

Eine hervorragende Art, Johannesburg zu erkunden, sind die zahlreichen Stadtführungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Zusätzlich sind die meisten Sehenswürdigkeiten mit dem aus anderen Großstädten bekannten Roten Bus nach dem „hop on, hop off“-Prinzip zu erreichen. Südafrikaner sind für ihre außerordentliche Gastfreundschaft bekannt – eine Einladung zum „Braai“ (Barbecue), einer der Lieblingsbeschäftigungen der Einheimischen, sollte man keinesfalls ausschlagen. Die ideale Reisezeit ist im Oktober, im südafrikanischen Frühsommer, wenn die Jacaranda-Bäume blühen und die Stadt, die mit ihren mehr als 10 Millionen Bäumen als größter von Menschenhand geschaffener Wald gilt, in ein lila Blütenmeer verwandeln. Eine Reise nach Johannesburg ist für Reisende aller Altersklassen empfehlenswert, allerdings nur bedingt für Familien mit Kleinkindern. Wer mit Interesse an unterschiedlichen Kulturen, Offenheit und Neugier nach Johannesburg reist, wird diese Stadt als gewandelter Mensch verlassen.