Hühner statt Wechselgeld

Wie die Bargeld-Knappheit in Simbabwe den Alltag und die Arbeit der Stiftung beeinflusst

Analyse14.07.2017Ekaterini Georgousaki
Menschenschlange
Menschenschlange vor einer Bankfiliale in HarareFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Bargeld-Knappheit, Einfuhrverbote und Menschenrechtsverletzungen beherrschen den Alltag der Menschen und die Arbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Simbabwe. Umso wichtiger ist es, dass sich die Stiftung in dem Land weiterhin für Demokratie, Menschenrechte und soziale Marktwirtschaft einsetzt.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Harare beginnt jeder Tag auf dieselbe Art und Weise ­– mit dem Gang zum Geldautomaten und dem Warten in meterlangen Schlangen vor der Bank in der Hoffnung, wenigstens ein paar Dollar vom eigenen Konto abheben zu können. Wie viel Geld man abheben kann oder ob man überhaupt Bargeld erhält, ist jeden Tag aufs Neue ungewiss. Einige Banken haben einen maximalen Betrag von 50 oder sogar 20 US-Dollar pro Person fürs Geldabheben festgelegt, doch auch dieser Betrag ist nicht garantiert. Selbst wenn man zu den wenigen Simbabwern gehört, die Arbeit haben – die Arbeitslosenquote liegt schätzungsweise bei rund 90 Prozent – kann man auf den Großteil des eigenen Lohnes nicht zugreifen. Ebenfalls betroffen sind die Tausende Simbabwer, die auf die Überweisungen von Familienmitgliedern, die im Ausland (meist in Südafrika) arbeiten, angewiesen sind. Im Jahr 2015 sind insgesamt 1,8 Milliarden US-Dollar von der Diaspora nach Simbabwe geflossen, was 15 % des Bruttosozialproduktes des Landes ausmacht.

Zurück zum Tauschhandel?

Angesichts der massiven Bargeld-Knappheit ist es kaum verwunderlich, dass auf andere Formen des Handels zurückgegriffen wird. Anfang April präsentierte der Finanzminister dem Parlament ein Gesetz, wonach Ziegen, Rinder, Schafe und Hühner von Banken als Sicherheit bei der Vergabe von Krediten akzeptiert werden sollten. Wenige Tage später schlug der Bildungsminister vor, Eltern sollten die Möglichkeit haben, ausstehende Schulgebühren in Form von Vieh zu bezahlen.

Neben Tauschhandel, der insbesondere in den ländlichen Gebieten praktiziert wird, herrschen in Simbabwe derzeit drei Bezahlformen vor: US-Dollar, die kaum noch vorhanden sind, Schuldscheine („bond notes“) sowie Kreditkarten. Zusätzlich wird insbesondere in den Städten manchmal auch der südafrikanische Rand als Zahlungsmittel akzeptiert. Im Jahr 2009 hatten der US-Dollar und der südafrikanische Rand den Simbabwe-Dollar als offizielle Währung abgelöst, nachdem die Inflation im Land bis zu 231 Millionen Prozent erreicht hatte. Die aktuelle Situation im Land erinnert an die Krise in den Jahren vor 2009. Angesichts des akuten Mangels an US-Dollar-Noten hat die Regierung unter dem 93-jährigen Robert Mugabe, der seit fast 40 Jahren im Amt ist, Ende vergangenen Jahres sogenannte „bond notes“ als Parallelwährung eingeführt. Viele betrachten die Einführung der „bond notes“ als Wiedereinführung des Simbabwe-Dollars durch die Hintertür. Die erhoffte Wirkung, die Wirtschaftslage des Landes zu stabilisieren, blieb aus. Auch die „bond notes“, die außerhalb Simbabwes keinerlei Wert besitzen, sind inzwischen rar und werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Einer Mitarbeiterin der Stiftung wurden nach stundenlangem Warten in ihrer Bankfiliale von ihrem Gesamtlohn lediglich 40 Dollar ausgezahlt – und dies in Form von 25 Cent „bond notes“ Münzen. Zudem sind die „bond note“-Münzen von schlechter Qualität und fallen oft auseinander.

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Zerfallende 1-Dollar-„bond note“-MünzeFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Angesichts der Bargeld-Knappheit ist das Benutzen von Kreditkarten oft der einzige Ausweg – doch auch in diesem Fall gibt es massive Schwierigkeiten. Große Supermarktketten, in denen die Packungsgrößen alltäglicher Gebrauchsgüter und Nahrungsmittel kontinuierlich schrumpfen, da sich die Menschen immer weniger leisten können, sind gesetzlich dazu verpflichtet, Kartenzahlungen anzunehmen. In ländlichen Gebieten jedoch sind Kartenlesegeräte meist nicht vorhanden und auch in einer Großstadt wie Harare liest man in zahlreichen Ladenfenstern ein Schild mit der Aufschrift: „cards not accepted, cash only“.

„Buy local“

Bei der Ankunft am Harare International Airport begegnet einem Einiges, worüber man sich auch als Vielreisender wundert. Zunächst einmal wird man von einem übergroßen Porträt des Präsidenten Robert Mugabe in der Ankunftshalle begrüßt – zugegebenermaßen bietet sich auch in anderen autoritären Ländern ein ähnliches Bild. Während man für den Großteil der afrikanischen Länder als europäischer Passinhaber bei der Botschaft des entsprechenden Landes im Voraus ein Visum beantragen muss, gestaltet sich die Situation in Simbabwe anders. Ein Visum erhält man bei der Einreise nur gegen Bezahlung von US-Dollar, Wechselgeld gibt es keines. Sobald man einen Stempel im Pass hat, geht es weiter zum Zoll, wo man auf eine Gruppe von rund (großenteils unbeschäftigten) fünf bis zehn Beamten trifft, die jedes einzelne Gepäckstück scannen in der Hoffnung etwas zu finden, das auf der Liste verbotener Importgüter steht, um in Form von Strafgeldern einige US-Dollar zu ergattern.

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Präsident Robert Mugabe (2015)CC BY 4.0 kremlin.ru

Im vergangenen Jahr hat die simbabwische Regierung eine mehrere Seiten umfassende Liste von Gütern veröffentlicht, die nicht in das Land eingeführt werden durften. Die Liste reicht von Milchprodukten und Dosenobst bis hin zu Fenster- und Türrahmen. Nach Protesten wurden die Bestimmungen zwar gelockert, doch noch immer sind die Einfuhrmengen für bestimmte Güter streng reguliert. Um nur einige Beispiele zu nennen: Monatlich können pro Person maximal 1 kg Kaffeesahne, 2 kg Müsli, 1 kg Joghurt, 12 Packungen Chips à 125 g, 4 kg Waschmittel, 24 Seifenpackungen und 180 ml Cremes eingeführt werden. Die Regierung erklärt die strengen Importregulierungen damit, dass man die einheimische Wirtschaft schützen wolle. Die Krux bei diesem Narrativ: Simbabwe produziert selbst so gut wie nichts mehr. Infolgedessen ist das Land gezwungen, selbst Grundnahrungsmittel und alltägliche Gebrauchsgegenstände aus den Nachbarländern, vor allem aus Südafrika, zu importieren. Diese werden dann im Land (meist in kleineren Mengen) neu verpackt und für einen höheren Preis verkauft. Die finanzielle Belastung, insbesondere für Familien, nimmt stetig zu. Während im September 2016 eine fünfköpfige Familie in Harare rund 161 US-Dollar monatlich für Nahrungsmittel aufbringen musste, um eine minimale Versorgung jedes Familienmitglieds zu gewährleisten, waren es wenige Monate später (April 2017) bereits rund 178 US-Dollar. In Bezug auf die gesamten Lebenshaltungskosten ist der erforderliche Betrag, den eine fünfköpfige Familie in Harare zum Überleben benötigt, von 478 US-Dollar (September 2016) auf rund 519 US-Dollar (April 2017) angestiegen.

Die Arbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Steigende Kosten und massive Bargeld-Knappheit beeinträchtigen auch die Arbeit der Stiftung in Simbabwe. Die zuständige Projektmitarbeiterin berichtet, dass Veranstaltungen oftmals aus Mangel an Bargeld so lange verschoben werden müssten, bis man genügend Bargeld aufbringen könne, um für den Transport von Veranstaltungsteilnehmern und andere Kosten aufkommen zu können.

Die nächsten Wahlen sind für Juli/August 2018 geplant, allerdings gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass die Wahlen zu einem früheren Zeitpunkt stattfinden werden. Der Gesundheitszustand des 93-jährigen Robert Mugabe, des Präsidentschaftskandidaten von ZANU-PF, hat sich sichtlich verschlechtert. Ende der vergangenen Woche reiste Mugabe zum wiederholten Male nach Singapur für eine „Routineuntersuchung“, so die offizielle Erklärung. Der Wahlkampf hat bereits begonnen: Es ist bereits zu Verhaftungen von Aktivisten bekommen, am vergangenen Mittwoch wurden während eines Protestes von Oppositionsparteien Teile der Innenstadt Harares von der Polizei abgeriegelt.

Die Arbeit der Stiftung muss sich an die geänderten Rahmenbedingungen im Land anpassen. Da die Opposition in Simbabwe stark zersplittert ist, wird das Thema Koalitionen eine wichtige Rolle spielen. Ferner sind Veranstaltungen mit den zivilgesellschaftlichen Partnern geplant, in denen Strategien zum Umgang mit Menschenrechtsverletzungen in Zusammenhang mit den Wahlen, die in den kommenden Monaten mit großer Wahrscheinlichkeit bedauerlicherweise stark zunehmen werden, entwickelt werden sollen.

Ekaterini Georgousaki ist Programmmitarbeiterin im Regionalbüro Subsahara-Afrika der Stiftung für die Freiheit in Johannesburg.

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