Homeoffice
Die Idee des neuen Homeoffice-Gesetzes zerstört das Vertrauen zwischen Chef und Angestellten

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© picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Mit einem Rechtsanspruch auf Homeoffice will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil Arbeitnehmern mehr Selbstbestimmung ermöglichen. Doch sein Plan ist ein Paradebeispiel dafür, wie man es nicht macht. Er müsste genau das Gegenteil tun.

Als gäbe es für Deutschlands Zukunft in Zeiten einer Corona-Pandemie keine wichtigeren Themen, will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ein Gesetz für mobiles Arbeiten auf den Weg bringen. Wo technisch und betrieblich nichts dagegenspreche, solle es für Beschäftigte einen Rechtsanspruch auf Homeoffice von mindestens 24 Tagen im Jahr geben.

Während des durch Covid-19 hervorgerufenen Lockdown hätte sich doch gezeigt, wie wunderbar mobiles Arbeiten geklappt habe. Mehr Homeoffice bedeute mehr Zeit für Familie, weniger Stress und weniger Stau. Deshalb solle nun also ein „Mobile-Arbeit-Gesetz“ Arbeitnehmern mehr Selbstbestimmung und Flexibilität ermöglichen, so Überlegung und Begründung des Bundesarbeitsministers.

So viel Chuzpe macht sprachlos. Wem es wirklich beim mobilen Arbeiten um Selbstbestimmung ginge, müsste nämlich exakt das Gegenteil tun und Beschäftigungsverhältnisse von unnötiger und überflüssiger Regulierung befreien. Mehr Flexibilität und weniger bürokratische Vorschriften lautet das beschäftigungspolitische Gebot der Stunde.

Mobiles Arbeiten verlangt mehr Freiheiten, wann, wo und wie jemand seine Aufgaben und Aufträge erledigen will. Sie schreit nach Individualisierung und nicht Verallgemeinerung. Sie ist ein Kind neuer digitaler Technologien.

Bei solchen neuen Voraussetzungen wie ein Pawlow’scher Hund reflexartig mit alten Verhaltensweisen aus dem Industriezeitalter der vergangenen Jahrhunderte zu reagieren, ist wenig durchdacht und damit ökonomisch von Schaden statt von Nutzen.

Das vorgeschlagene „Mobile-Arbeit-Gesetz“ liefert lehrbuchhaft Anschauungsunterricht, wie gewisse Teile der Politik – in diesem Falle ein Bundesarbeitsminister – einen technologischen Strukturwandel zu kontern versuchen. Anstatt altes Denken und Handeln einer neuen Lebenswirklichkeit anzupassen, streben sie danach, die neue Realität ihrem alten Regulierungssystem zu unterwerfen.

Regeln zu Zeiterfassung verteuern Homeoffice für Unternehmen

Wie ungerecht und wirkungslos das Ergebnis ist, wurde für das Homeoffice-Gesetz in der WELT bereits von Christine Haas überzeugend dargelegt. Dabei zielt die Kritik gar nicht so sehr darauf, dass ein Rechtsanspruch auf Homeoffice am Ende wohl nur für drei bis fünf Prozent der Beschäftigten praktisch relevant wäre.

Schon stärker zu bemängeln ist, dass Definition (was genau meint mobiles Arbeiten, und ab wann und wie weit ist Mobilität möglich?) und Abgrenzung (für welche Tätigkeiten und Firmen ist es zumutbar, und wie lassen sich nachvollziehbare betriebliche oder organisatorische Gründe in der Praxis feststellen?) einen immensen bürokratischen Aufwand verursachen werden.

Regeln zur Zeiterfassung im Homeoffice, deren Kontrolle und juristische Durchsetzung wird den Firmen und insbesondere dem Mittelstand neue Kosten aufbürden, was deshalb paradox ist, weil sich eigentlich alle einig sind, dass Unternehmen, soweit irgendwie möglich, von unnötigen Kosten zu entlasten wären.

Weit schlimmer als zusätzliche neue Bürokratiekosten wiegt jedoch, dass ein Rechtsanspruch auf mobiles Arbeiten genau das zerstört, was das Wesen des mobilen Arbeitens ausmacht. Homeoffice lebt von gegenseitigem Vertrauen, dass Beschäftigte auch dann aktiv und produktiv sind und bleiben, wenn sie eben gerade nicht unter direkter Aufsicht und ständiger Kontrolle ihrer Chefs stehen.

Es setzt auf Mündigkeit und Selbstverantwortung und nicht Gängelung und Misstrauen, dem per Gesetz zu begegnen wäre. Nichts entlarvt die Unkenntnis über die neue Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts drastischer als der rückwärtsgewandte Versuch, digitale, dezentrale, komplexe und sich dynamisch ändernde Aktivitäten und Tätigkeiten mit fixen, standardisierten „Rechtsansprüchen für alle“ regulieren zu wollen, die dann eben unnötiger- und damit fälschlicherweise auch Ungleiches gleich behandeln.

Mobiles Arbeiten funktioniert dann für alle Beteiligten am besten und erfolgreichsten, wenn beide – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – überzeugt sind, dass es gleichermaßen von Vorteil ist. Homeoffice braucht eben gerade keine neue Regulierung oder spezifische Gesetze.

Es wird dort von alleine gut funktionieren, wo es für beide Parteien – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – selbstredend und auch ohne neue Vorschriften Sinn macht, die Produktivität verbessert und das Erledigen der Aufgaben erleichtert. So viel Regulierung wie nötig, so wenig wie möglich liefert auch für mobiles Arbeiten eine vernünftige Faustregel.

Mobiles Arbeiten lebt von Vertrauen und intrinsischer Motivation – also innerer Überzeugung und eigenem Selbstverständnis. Was da formale Gesetze und Rechtsansprüche an gutem Willen und gut funktionierenden, gemeinsam getragenen „ungeschriebenen“ Regeln und Verhaltensweisen zerstören, könnte der Bundesarbeitsminister in jedem Lehrbuch der Arbeitspsychologie nachlesen.

Hier beginnt man sich Sorgen zu machen

Und spätestens da beginnt man sich grundsätzliche Sorgen zu machen. Wie und wieweit wird wohl veraltetes Denken auch bei anderen neuen Herausforderungen kommender Technologien zu ähnlicher Placebo-Politik führen, die aktivistisch vorgaukelt, etwas Vernünftiges und Hilfreiches zu tun, letztlich aber gerade das Gegenteil bewirkt.

In vielen Bereichen der Digitalisierung und der Datenwirtschaft kommt Deutschland im internationalen Vergleich langsamer voran als die ausländische Konkurrenz. Jahr für Jahr fällt man in den Ranglisten für Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit Platz für Platz zurück.

Ganz besonders gilt das beim nächsten Megatrend, der Künstlichen Intelligenz, die noch weit stärker als das Homeoffice das Wesen von Arbeit und Beschäftigung revolutionieren wird. Richtigerweise verweist der Kabinettskollege von Hubertus Heil, Wirtschaftsminister Peter Altmaier, auf die „unbegrenzten Möglichkeiten“ der Künstlichen Intelligenz.

Zu Recht fordert er, dass „das Land weniger regulieren und mehr experimentieren solle“. Deshalb müsste der Bundesarbeitsminister seine gesamte Klugheit nutzen, um alles dafür zu tun, dass Algorithmen, maschinelles Lernen und smarte Technologien rascher und flächendeckender in Deutschland genutzt werden und zur Anwendung kommen.

Weil eines ist sicher: Gesellschaften, die auf Künstliche Intelligenz mit menschlicher Dummheit reagieren, werden keine Zukunft haben. Denn andernorts wird man neue Technologien offensiv nutzen, um besser zu werden.

 

Dieser Beitrag erschien am 07.10.2020 online auf welt.de und ist online auch hier zu finden.