Zukunft Beruf

Helfer oder Killer?

Automatisierung und Robotik verändern die Arbeitswelt. Zum Jobkiller werden sie aber nicht.

Meinung01.08.2019Gian Hessami
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AFP/Getty Images

Automatisierung und Robotik verändern die Arbeitswelt. Das ist insbesondere für junge Menschen wichtig, die heute ihre Ausbildung beginnen. Für die einen steigern Maschinen die Produktivität, für die anderen sind sie potenzielle Jobvernichter. Dabei können durch Digitalisierung neue Berufszweige und somit auch neue Jobs entstehen, meint Gian Hessami.

Ein Schweißroboter montiert die Karosserie eines Autos in Sekundenschnelle, ein Miniroboter unterstützt den Arzt bei Eingriffen in den Körper, und ein unbemanntes Flugzeug bewässert das Ackerland. Maschinen sind heutzutage in immer mehr Arbeitsbereichen zu finden. Sie sind dank Digitalisierung hocheffizient und machen viele Firmen wettbewerbsfähig. Sind Roboter also gut für die Menschen? Das sieht nicht jeder so. Manche Experten bezeichnen sie als Jobvernichter. Ihrer Meinung nach bedroht die digitale Revolution Millionen von Arbeitsplätzen.

Im Jahr 2013 sorgte die Studie zweier Wissenschaftler der Universität Oxford für Aufsehen: Carl Benedikt Frey und Michael Osborne hatten untersucht, welche von 700 Berufen in den kommenden zwei Dekaden durch den Einsatz neuer Maschinentechnologien potenziell ersetzt werden. Sie kamen zu dem Schluss, dass 47 Prozent verschwinden könnten.

Ein Jahr später beschrieben Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in ihrem Buch „The Second Machine Age“ ein düsteres Szenario, in dem die Menschen den „Wettlauf gegen die Maschinen verlieren“. Roboter würden immer leistungsfähiger, cleverer und günstiger, erwarten die beiden Forscher. Das mache viele Menschen in der Arbeitswelt überflüssig.

Im Grunde geht es um die Frage, um die es bereits vor 250 Jahren bei der Industrialisierung ging: Maschinen als Segen oder Fluch für die Menschheit? „Ich bin überzeugt davon, dass wir in Zukunft anders arbeiten werden“, sagt Marion A. Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung und Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und Technologiemanagement am Karlsruher Institut für Technologie KIT. Für sie besteht kein Zweifel daran, dass Algorithmen Tätigkeiten der Menschen übernehmen und bestimmte Berufsbilder wegfallen, aber auch neue Arbeitsplätze entstehen werden. So kann sie sich vorstellen, dass das autonome Fahren irgendwann den Lkw-Fahrer ersetzt. Oder dass medizinische Diagnosen wie die Analyse von Röntgenbildern von der künstlichen Intelligenz (KI) übernommen werden und Ärzte sich auf komplizierte Operationen konzentrierenkönnen. „Es kommt zu einem neuen Verständnis der Arbeitsteilung. Humanoide Roboter unterstützen Menschen.“ In Zukunft werde es eine Kombination aus Hightech und Menschen geben. Und wie bei anderen technischen Neuerungen fallen auch hier Arbeitsplätze weg.

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„Angst ist kein guter Berater, wenn wir über die Zukunft nachdenken.“

Marion A. Weissenberger-Eibl

Digitale Kompetenzen ausbauen

Andererseits erwartet die Innovationsforscherin, dass durch die Digitalisierung neue Produkte und Dienstleistungen und somit neue Berufszweige entstehen. „Es hat sich gezeigt, dass in Deutschland alles Zukunft hat, was nicht standardisiert abläuft.“ Als Beispiele nennt sie E-Commerce, Social Media und App-Entwicklungen. „Wir brauchen Weiterbildung – digitale Kompetenzen sind auszubauen und unsere typisch menschlichen Fähigkeiten bewusst aktiv einzusetzen, damit wir die Zukunft offen und neugierig mitgestalten und selbst in die Hände nehmen können“, appelliert die Expertin. „Künstliche Intelligenz und Roboter sind Instrumente, die uns Freiräume schaffen.“ 

Etwa Robotersysteme in menschenfeindlichen Umgebungen – wenn zum Beispiel chemisch verseuchte Areale saniert oder kerntechnische Anlagen zurückgebaut werden. Bislang sind die Arbeiter/innen allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz erheblichen Risiken ausgesetzt. Hier geht es nun darum, dass Roboter Arbeiten in den extremen Umgebungen weitgehend selbstständig durchführen, während Menschen von einem sicheren Leitstand aus die Arbeiten koordinieren, überwachen und bei schwierigen Aufgaben ferngesteuert eingreifen. Hier helfen unter anderem Augmented- und Virtual-Reality-Systeme. „Aktuell forschen wir in Deutschland nicht nur an innovativen Konzepten, sondern auch daran, die Zusammenarbeit von Mensch und Roboter in hybriden Teams zu gewährleisten. Technische Agenten werden die Arbeitskräfte also nicht komplett ersetzen, sondern entlasten“, erklärt Weissenberger-Eibl. 

Es geht aber nicht nur darum, digitale Inhalte zu stärken. Künftig wird es auch wichtiger, psychosoziale Kompetenzen zu schärfen. „Konflikte lösen, Widersprüche aufheben, Neugier, Offenheit, Innovationen, Empathie und Kreativität sind menschliche Fähigkeiten, die uns von Computern unterscheiden“, erläutert die Wissenschaftlerin. So bleiben die Mitarbeiter mit ihren Erfahrungen und sozialen Kompetenzen ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Zukunft. „Wir müssen unsere Komfortzone verlassen und auf der Welle des Fortschritts reiten“, fordert sie. Wichtig sei es, sich für den digitalen Wandel zu öffnen, um dessen Potenzial zu erkennen.

Quintessenz der Arbeitsweltexpertin: Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Aber es ist wenig hilfreich, das Gespenst des Jobvernichters an die Wand zu malen. „Angst ist kein guter Berater, wenn wir über die Zukunft nachdenken. Wenn wir den Willen haben, uns mit den Folgen der digitalen Veränderungen und der künstlichen Intelligenz auseinanderzusetzen, können wir durchaus mit Zuversicht auf die kommenden Dekaden blicken“, sagt Wissenschaftlerin Weissenberger-Eibl.

Gian Hessami arbeitet als freier Journalist. Er hörte davon, dass Roboter Daten sammeln und in Texte umwandeln können. KI-gestützter Journalismus hat jedoch Grenzen. Spätestens, wenn analytische Denke erforderlich ist, geht es nicht ohne Journalisten aus Fleisch und Blut.

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Jordi Razum