Sicherheitspolitik

Global Zero – eine Atomwaffen(test)freie Welt

Die internationalen Bemühungen um global zero, eine Atomwaffenfreie Welt, fußen bis heute vor allem auf dem Atomwaffensperrvertrag von 1970, analysiert Sebastian Vagt

Analyse29.08.2019Sebastian Vagt
Atombombe
Symbolbildpicture alliance/chromorange

Vor genau dreißig Jahren, am 29. August 1991, schloss das Testgelände Semipalatinsk in Kasachstan, nachdem es in drei Jahrzehnten mehr als 400 sowjetische Atomtests erlebt hatte, fast ein Viertel aller Atomtests auf dem Planeten. Das Datum markiert heute den Tag gegen Nuklearversuche. 

Am 16. Juli 1945 wurde die Wüste von Nevada Schauplatz der ersten Kernwaffenexplosion. Auf den Test folgte wenige Tage später Ernst, nämlich der Abwurf der Atombomben Little Boy und Fat Man über den japanischen Großstädten Hiroshima und Nagasaki. Die Zerstörung war so unermesslich, dass man sich fragte, ob die neue Waffengattung den Weltfrieden oder den Weltuntergang bringen würde. Weder noch, lautet 74 Jahre später die Antwort.

Mithilfe von Nuklearwaffen garantierten sich die USA und die Sowjetunion während des Kalten Krieges die gegenseitige Vernichtung – und verhinderten so wahrscheinlich eine Eskalation. Um jedoch die Glaubwürdigkeit ihrer atomaren Möglichkeiten zu demonstrieren, testeten die Atommächte USA, Sowjetunion, China, Großbritannien und Frankreich ihre Waffen bis 1990 mehr als 2.000 Mal. Schätzungen der internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen gehen davon aus, dass mehr als 2 Millionen Menschen infolge dieser Detonationen an Krebs erkrankt sind. Die Opfer der französischen Tests im Pazifik warten bis heute auf Entschädigung.  

Die internationalen Bemühungen um global zero, eine Atomwaffenfreie Welt, fußen bis heute vor allem auf dem Atomwaffensperrvertrag von 1970. Laut diesem dürfen Nicht-Atomwaffenstaaten nicht nach dem Besitz der Bombe streben. Fast alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen gehören zu den Unterzeichnern, bis auf Indien, Pakistan und Israel, die stattdessen lieber selbst Atomwaffen entwickelt haben. Nordkorea hat den Vertrag 2003 verlassen und gilt spätestens seit 2006 ebenfalls als Atomwaffenstaat.

Es steht zu befürchten, dass weitere Staaten versuchen werden, diesem Beispiel zu folgen. Die diktatorischen Regime des Irak und Libyens wurden durch militärische Interventionen gestürzt, nachdem sie eigene Programme zur Entwicklung von Atomwaffen beendet hatten. Dem Iran, der seit längerem an einem Atomwaffenprogramm arbeitet, dürften diese Beispiele eine Warnung sein. Doch nicht nur Diktaturen sondern auch Demokratien finden in der jüngeren Geschichte mahnende Exempel. Die Ukraine verfügte nach dem Ende des Kalten Krieges über sowjetische Atomwaffen, erklärte sich aber bereit, diese abzugeben. Als sie 2014 Opfer einer russischen Aggression wurde, konnte sie diese nicht wirksam abschrecken.

Auch wenn die Anzahl nuklearer Sprengköpfe weltweit nicht mehr bei 70.000 liegt, wie noch während des Kalten Krieges, sondern bei rund 14.000, so haben Kernwaffen keineswegs an Bedeutung verloren. Das Ende des Ost-West-Konfliktes hat nicht die Ära der Atomwaffen beendet, sehr wohl aber die Ära der Atomwaffentests. 

Verzicht auf Tests hat manifeste Auswirkungen

Eine große Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten hat sich 1996 auf ein umfassendes Verbot von Atomtests geeinigt. Auch wenn der Vertrag bisher nicht in Kraft treten kann, weil Indien, Nord-Korea und Pakistan nicht unterzeichnet und die USA, Israel und China das Dokument nicht ratifiziert haben, werden die Vereinbarungen berücksichtigt. Die Ausnahme bildet Nordkorea, das zwischen 2006 und 2017 insgesamt sechs Atomtests durchgeführt hat, die bisher einzigen im 21. Jahrhundert. 

Der Verzicht auf Atomwaffentests hat sowohl auf Atommächte als auch auf Nicht-Atomwaffenstaaten manifeste Auswirkungen. Nicht-Atommächte sind auf reale Tests angewiesen, um sich und potentielle Gegner von der Funktionstüchtigkeit ihrer Waffen zu überzeugen. Atommächten wird es ohne Erprobungsmöglichkeit erschwert, ihre Atomwaffen weiterzuentwickeln ohne an Verlässlichkeit einzubüßen. Das US-amerikanische Militär ist deshalb bereits dazu übergegangen, seine Sprengköpfe in Computersimulationen zu testen.  Der Vertrag zum umfassenden Verbot von Nukleartests leistet insofern einen wertvollen Beitrag, um die Weiterverbreitung und Weiterentwicklung von Atomwaffen einzudämmen. 

Die Zerstörungskraft von Atomwaffen und die Risiken, die von ihrer Stationierung ausgehen, dürfen jedoch nicht den Blick auf die Gefahren verstellen, die von neuen Waffensystemen ausgehen. Diese zeigten sich erst kürzlich auf tragische Weise, als am 8. August ein nuklear angetriebener Marschflugkörper des Typs Burevestnik auf einem Militärgelände im russischen Njonoska explodierte, fünf Menschen tötete und mehrere weitere verstrahlte. 

Russland arbeitet derzeit ebenso wie die USA, China und Indien an der Entwicklung besonders leistungsfähiger Marschflugkörper. Diese sollen über unbegrenzte Reichweite verfügen und können aufgrund ihrer Geschwindigkeit nicht von bisher existierenden Systemen abgefangen werden. Ein Wettrüsten um neue Trägersysteme hat längst begonnen. An internationalen Initiativen zu deren Begrenzung und Kontrolle fehlt es bislang jedoch völlig. 

Die Entwicklung von gefährlichen Waffensystemen wird sich mit dem technischen Fortschritt weiter beschleunigen. Die internationale Rüstungskontrolle muss versuchen, diesem Tempo zu folgen. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama fand dazu während seiner Rede in Hiroshima 2016 passende Worte: „Technischer Fortschritt ohne entsprechenden Fortschritt bei den menschlichen Institutionen kann unser Verhängnis werden“. 

Sebastian Vagt leitet den Expert Hub für Sicherheitspolitik der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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