Gleichstellung
Frauen in die Chefetage

Wie weiblich sind Führungspositionen in Deutschland?
Stark-Watzinger
Bettina Stark-Watzinger, Mitglied des Deutschen Bundestages, spricht im Bundestag. © picture alliance/Christoph Soeder/dpa

Vor 150 Jahren noch undenkbar, hat sich die Rolle der Frau in Deutschland in Sachen Unternehmensnachfolge entscheidend und zu ihren Gunsten gewandelt. Töchter treten die Nachfolge traditionsreicher Familienunternehmen an und sorgen so für den Fortbestand der Betriebe, die in der deutschen Wirtschaft als tragende Säue gelten und Stabilität gewährleisten. Der langsam voranschreitende Wertewandel und dabei insbesondere die Gleichberechtigung und das Selbstverständnis der Frauen tragen innerhalb der Gesellschaft immer mehr dazu bei, dass Töchter eigenständig den Wunsch nach der Übernahme des elterlichen Betriebs äußern.

Über die Rolle der Frau als potentielle Unternehmensnachfolgerin und die damit verbundenen Chancen und Perspektiven für Unternehmen diskutierten in der Evangelischen Akademie Frankfurt Dr. Daniela Jäkel-Wurzer, Beraterin für Nachfolgerinnen in Familienunternehmen,  Dr. Marie Nauheimer, Geschäftsführerin der Primus-Linie, Frankfurter Personenschiffahrt Anton Nauheimer GmbH, und die Bundestagsabgeordnete Bettina Stark-Watzinger. Moderiert wurde die Veranstaltung - eine Kooperation der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, der Karl-Hermann-Flach-Stiftung, der Liberalen Frauen Hessen und Rheinland-Pfalz und der Landesfrauenräte Hessen und Rheinland-Pfalz - von Claudia Wehrle, Redakteurin beim Hessischen Rundfunk im ARD-Rundfunk-Börsenstudio. 

Immer noch zu wenig weibliche Führungskräfte

Bettina Stark-Watzinger, die vor ihrer Zeit in der Politik in der Finanzbranche tätig war, verwies zunächst auf den Umstand, dass es immer noch zu wenig weibliche Führungskräfte gebe, obwohl viele Frauen absolut das Potential für „die Chefetage“ haben. Gleiches Bild zeichne sich zudem in den Universitäten ab, wo viele den Schritt hin zur Juniorprofessur oder Professur scheuen. Generell sei die Zahl der Nachfolgerinnen in Bereichen IT, Vertrieb, Produktion und Technik eher gering, während hingegen Marketing und Finanzen von Frauen besetzt werden.

Wie wichtig zudem der Mut, die Zuversicht in die eigene Person, das Können und auch die volle Unterstützung durch die eigene Familie sind, zeigte sich am Beispiel von Marie Nauheimer, die seit 2010 gemeinsam mit ihrem Vater das Familienunternehmen führt. So schilderte sie beispielsweise, dass sie durch die von ihren Eltern gegebene Freiheit zunächst in andere Bereiche hereinschnuppern konnte, um sich schließlich bewusst und selbstständig für ihre Rolle als Nachfolgerin im elterlichen Betrieb zu entscheiden. 

Doppelrolle als Belastung

Familienunternehmen garantieren verlässliche Strukturen, Beständigkeit und im Idealfall werden sie langsam und nach einer Tandemführung von durchschnittlich 5,4 Jahren systematisch weitergereicht. Als Expertin rund um alle Fragen der Nachfolge oder auch bei Schwierigkeiten in der Übergangszeit stand Dr. Daniela Jäkel-Wurzer, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch nach der Diskussion zur Verfügung.

Frauen in Chefetagen
Bettina Stark-Watzinger (von links), Dr. Daniela Jäkel-Wurzer, Dr. Marie Nauheimer und Moderatorin Claudia Wehrle diskutieren über Frauen in Chefetagen. © Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Sie betonte unter anderem, dass trotz des voranschreitenden Wertwandels in der Gesellschaft die traditionellen Rollenbilder innerhalb der Familien weiterhin Bestand haben. Durch den Wunsch der Nachfolgerinnen Familie, Haushalt und Beruf zu vereinbaren, werde ihnen somit häufig eine Doppelrolle zuteil, die eine erhebliche Belastung für sie darstelle. Entscheidend sei daher auch die Wahl des richtigen Partners und das „sich befreien“ von ggf. widerkehrenden Schuldgefühlen, dem einen oder dem anderen nicht gerecht zu werden. Flexible Arbeitszeitmodelle, angeglichene Strukturen im Unternehmen und starke Familienbande können weiterhin dazu beitragen, der Nachfolgerin die Übernahme und schließlich auch die alleinige Führung zu erleichtern. 

Frauen gehören in die Chefetage

Während des anschließenden Talks „im kleinen Kreis“ standen neben den Diskutantinnen  Heike Eberle, Chefin der Baufirma Eberle Bau aus Landau in der Südpfalz, Clara Lehmann vom Familienunternehmen Kurpfalz-Internat-Helge Lehmann KG und Roland Quiring, Mitglied der Expertenkreise „Nachfolge“ der IHK Frankfurt und des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft sowie die Vertreterinnen der Kooperationspartner zur Verfügung. 

Beim Fazit waren sich alle Anwesenden einig: „Frauen gehören in die Chefetagen“. Diejenigen Frauen, die bereits die Nachfolge im elterlichen Betrieb angetreten haben, können für Töchter der nachfolgenden Generationen als Vorbild dienen. Ihr Verantwortungsbewusstsein aber auch der Wille zur Veränderung wird letztlich entscheidend für den Fortbestand der jeweiligen Unternehmen sein.

Es ist an der Zeit, sich den veränderten Strukturen sowie den Werten und Ideen der neuen Generation anzupassen und den Nachfolgerinnen durch innovative und individuelle Modelle den bestmöglichen Start ins Unternehmertum zu erleichtern.