Gemeinsame Werte oder fremde Zivilisation?

Wie die russische Bevölkerung zu Deutschland und Europa steht

Analyse17.12.2015Julia Scharmann
Wie die russische Bevölkerung zu Deutschland und Europa steht
Roter Platz in MoskauAdam Baker, auf: https://www.flickr.com/photos

Gehört Russland zu Europa? Wie viel Europa steckt in Russland und wie viel Russland in Europa? Jeder hat sich ganz individuell ein eigenes Bild vom großen Nachbarn gemacht, doch wie nimmt die russische Bevölkerung eigentlich uns Europäer wahr? Das alles sind Fragen, die sich nicht erst seit dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts stellen und trotzdem sind sie aktueller denn je. Zusammen mit dem Lewada-Zentrum hat die Stiftung für die Freiheit daher nun eine Umfrage durchgeführt, die Antworten liefern soll. Durch die Vergleichbarkeit mit älteren Studien lässt sich nicht nur ein aktuelles Stimmungsbild ablesen, sondern eine Entwicklung dokumentieren, die deutlich macht, inwiefern politische Ereignisse die Wahrnehmung beeinflussen.

Mehrheit der Russen wünscht sich keinen Beitritt zur EU

Die Studie zeigt zum Beispiel, dass der Großteil der Bevölkerung nicht mehr den Wunsch verspürt, eines Tages der EU beizutreten: Als Putin im Jahr 2000 zum ersten Mal die Präsidentschaft antrat, sprachen sich noch 65 Prozent der Befragten für eine Zukunft Russlands in der EU aus. Bis 2010 waren die Befürworter in der Mehrheit. In den letzten Jahren hat der Wert jedoch stetig abgenommen. Nach dem absoluten Tief mit 16 Prozent im Jahr 2014 äußerten bei der letzten Befragung im Oktober 2015 immerhin wieder 23 Prozent der Befragten den Wunsch, perspektivisch Mitglied in der EU zu werden.

Wie die russische Bevölkerung zu Deutschland und Europa steht
Sollte Russland einen EU-Beitritt anstreben?Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Die negative Tendenz hinsichtlich der EU als Institution wird von persönlichen Wahrnehmungen untermauert: So sind fast 40 Prozent der Befragten der Meinung, dass es sich bei Europa um eine „andere Zivilisation“ handelt, um „andere Menschen“, die in einer „anderen Welt“ leben. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass 58,5 Prozent die Aussage verneinen, Russland wäre ein europäisches Land.

Russlands Isolation von Europa stärkt das alte Konkurrenzdenken, bei dem die EU, und insbesondere die NATO, als Nebenbuhler vor der eigenen Haustür verstanden werden. Nichtsdestotrotz scheint die russische Gesellschaft bei dieser Frage in zwei Lager gespalten zu sein: für 42 Prozent der Befragten repräsentiert die EU eine „Supermacht“, während 41 Prozent gegenteiliger Meinung sind.

Russlands ambivalentes Verhältnis zu Europa

Die Widersprüchlichkeit dieser Ergebnisse spiegelt die oft sehr ambivalente Wahrnehmung Russlands gegenüber Europa und der EU wider. Auf der einen Seite wird der Staatenverbund als geachteter Partner wahrgenommen. Auf der anderen Seite dient die Verleugnung der Bedeutung und Eigenständigkeit des benachbarten Konkurrenten jedoch auch dem Selbstschutz und dem Macherhalt im Einflussgebiet der ehemaligen Sowjetstaaten und darüber hinaus. Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass 80 Prozent der Befragten die Interessen der USA hinter der jüngsten Konfrontation wähnen und nur die wenigsten die EU selbst oder gar die Russische Föderation in die Verantwortung nehmen.

Wie die russische Bevölkerung zu Deutschland und Europa steht
Wer ist an Konfrontation zwischen Russland und EU interessiert?Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Studie soll bessere Verständigung fördern

Das Lewada-Zentrum und die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit haben die bereits seit dem Jahr 2000 durchgeführte Studie dieses Jahr um einen Sonderteil ergänzt, der sich explizit der russischen Wahrnehmung Deutschlands widmet. Überraschend ist, dass die Befragten der Meinung sind, die Deutschen nähmen die Russen tendenziell negativer wahr als umgekehrt.

Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen einige Vermutungen, aber halten auch viel Überraschendes bereit. Generell verzeichnet sich ein eher negativer Trend in den europäisch-russischen Beziehungen – sowohl auf politischer als auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Die Autoren möchten mit ihrer Studie jedoch nicht weiter entzweien, sondern explizit einen Beitrag zu mehr Verständigung und lösungsorientiertem Handeln leisten. Auf dem diesjährigen „Sibirischen Davos“ im Altai betonte Alexander Graf Lambsdorff nochmal die Bedeutung von soziologischen, ökonomischen und politischen Analysen. Insbesondere in Bezug auf den russischen Partner könne man „nur so […] die richtigen Handlungsoptionen für ein besseres und friedliches Zusammenleben auf unserem gemeinsamen Kontinent entwickeln“.

Julia Scharmann ist Referentin für Südost- und Osteuropa der Stiftung für die Freiheit

Die komplette Studie unserer Experten aus Moskau können Sie sich hier herunterladen:

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Russland ist Europa, will Europa und lehnt Europa ab

Gehört Russland zu Europa und wie nehmen die Russen ihren Nachbarn wahr? Das sind Fragen, die sich nicht erst seit dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts stellen, und trotzdem sind sie aktueller denn je. Die Ergebnisse einer Studie des russischen Umfrageinstituts Lewada-Zentrum mit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit vom Oktober 2015 zeigen deutlich widersprüchliche Einstellungen in der russischen Bevölkerung zu Europa, der Europäischen Union und Deutschland auf: Fast 40% der Russen halten Europa für eine andere Zivilisation mit anderen Menschen und Regeln, während 35% der Befragten europäische politische Werte von Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten als bedeutsam für Russland einschätzen. Mehr

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Julia Scharmann
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