Gedenken an die Dresdner Bombennacht
"Die Angst ist der hinterhältigste Dämon einer freien Gesellschaft"

Gerhart Baum spricht in seiner Rede anlässlich des Dresdner Friedenspreises über die Wichtigkeit des Erinnerns zur Stärkung der Demokratie
Dresden
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Vor 75 Jahren wurde Dresden in einer Nacht zerstört. Unsere jährliche Preisverleihung steht in einem engen Bezug zu diesem Datum des 13. Februar 1945. Ich war im dreizehnten Lebensjahr und habe noch lebhafte Erinnerungen an das „alte Dresden“. Für mich als Überlebenden ist die Bombennacht eine bis heute andauernde traumatische Erfahrung. Dresden war nicht die einzige Stadt, die in diesem verbrecherischen Angriffskrieg der Nazis zerstört wurde - es waren viele, in vielen Ländern. Wir aber fühlten uns in einer besonderen Situation. Wir wussten, der Krieg würde bald zu Ende sein. Wir hofften, verschont zu werden.

Es war ein wunderbarer Vorfrühlingstag im Fasching, als wir zu Bett gingen. Am nächsten Tag war nichts mehr, wie es vorher war. Mühsam bewegten wir uns - durch Rauchvergiftung geschwächt - durch die vom Feuersturm noch erhitzten Trümmer, vorbei an den in Stapeln aufgehäuften Leichen vor dem Hauptbahnhof und anderswo. Mein Vater war im Krieg, weil er sich als Anwalt geweigert hatte, Militärrichter zu werden. Er kam nicht zurück, wie schon sein Vater nicht aus dem ersten Krieg zurückkam.

Wir alle kennen die Bilder von den Ruinen des zerstörten Dresdens.

Heute stellen wir wieder einen Krieg in den Mittelpunkt unserer Preisverleihung - einen nunmehr 8 Jahre andauernden Krieg, den Krieg in Syrien. Das zerstörte Aleppo sieht so aus wie damals das zerstörte Dresden. Wer Bilder von Aleppo sieht, der begreift gerade hier in Dresden, was die Menschen dort erlitten haben und warum sie geflohen sind und weiter fliehen. Allein dieses gemeinsame Schicksal müsste alle Dresdner von jeder Form von Feindlichkeit gegen die Geflüchteten abhalten.

Ganz bewusst zeichnen wir mit Muzoon Almellehan eine Menschenrechtsaktivistin aus, die Flüchtling aus Syrien ist und das Elend der großen Flüchtlingslager aus eigener Erfahrung kennt. Aufgrund dieser Erfahrungen bemüht sie sich heute weltweit mit Leidenschaft darum, den Kindern in den Lagern und in den Krisengebieten etwas zu geben, was allein Ihnen die Zukunft in einer besseren Welt erschließt, und das ist Bildung.  Es sind Hundertausende, die diese Hilfe brauchen - im Nahen Osten, in Afrika, in Griechenland auf den Inseln. Muzoon ist die erste, die mit einem Flüchtlingsstatus UNICEF Goodwill Botschafterin wurde und jeden möglichen Kontakt nutzt, um für diese Ziel zu werben – sei es in der UNO Vollversammlung, bei den G20 Gipfel, in Gesprächen mit Regierungen, Hilfsorganisationen usw.  

Mazoon ist einer der stärksten und einflussreichsten Stimmen im Kampf um Bildung für Kinder in Krisengebieten. Wir begrüßen herzlich unsere diesjährige Preisträgerin Muzoon.

Muzoon arbeitet eng zusammen mit Malala, die den Friedensnobelpreis für ihren lebensgefährlichen Einsatz für die Bildung von Mädchen in Pakistan erhalten hat. Es ist doch erstaunlich: wieder sind es ganz junge Menschen, die etwas in Bewegung bringen. Auch Malala ist kaum über 20. In diesen jungen Menschen verbindet sich der moralische Kompass mit dem Willen, etwas zu verändern. Also nicht nur „Friday for future“. 

„Education for future“, könnte man es nennen, was hier auf den Weg gebracht werden soll. 

Ein Sonderpreis wird dem sozialen Projekt „MUSAIK-Grenzenloses Musizieren“ verliehen. Auch diese Preisträger begrüßen wir herzlich. Wir werden etwas über sie und von ihnen hören.

Die Welt ist klein geworden. Was heute irgendwo auf der Welt passiert, hat schnell Bedeutung für uns alle. Ein Virus in Wuhan wird plötzlich in einem Vorort von München zum Problem. Verringertes Wirtschaftswachstum in China gefährdet unseren Export und Arbeitsplätze. Die Welt ist den Launen der Finanzmärkte ausgesetzt. Ein Twitter von Trump kann erhebliche Folgen auslösen. Globalisierung und Digitalisierung bewirken eine Zeitenwende. Datenverarbeitung verändert die Welt. Das Internet verändert die Welt. Es gibt kein Zurück in die Idylle. Es hilft nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Sie ist der hinterhältigste Dämon einer freien Gesellschaft. 

Autoritäre Regierungsstrukturen breiten sich weltweit aus und sie sind ihrer Natur nach nicht an den Menschenrechten orientiert. Die Menschen werden zur Verfügungsmasse rücksichtloser Machtspiele: in Syrien, im Jemen, in Mali, Nigeria,Libyen und anderswo - und die Menschen werden zu Flüchtlingen. Diejenigen, die sie vertreiben, kümmern sich nicht um sie, wie jetzt in Syrien. Hunderttausende fliehen erneut in die Nachbarländer.  Abschreckung, wie jetzt in den verrotteten Lagern auf Lesbos praktiziert, hält die Menschen nicht von der Flucht ab. Das ist ein durch Tatsachen widerlegter Irrglaube. 

2017 haben wir Süditaliener geehrt, die Mitmenschlichkeit gezeigt haben. Das Gräberfeld hier vor der Oper hat an das Leid der Schiffbrüchigen erinnert. Unserer Gesellschaft fällt es bis heute oft schwer, auch nur einen Funken an Menschlichkeit aufzubringen, um wenigstens die Gefährdesten zu retten.

Auch in unserem Lande gibt es Flüchtlingskinder - etwa 250 000 seit 2015 - auch sie brauchen Bildung. Sie wird ihnen gewährt - auch wenn es viele Hindernisse gibt.

Unser Zusammenleben beruht auf einer Kultur des Erinnerns. Dieser Prozess hat unsere Demokratie gestärkt. Wer ihn in Frage stellt, schwächt die Demokratie. Erinnerung bedeutet, dass wir das sittliche Prinzip unseres Grundgesetzes leben: es ist die Menschenwürde. Die Würde aller Menschen. Verkriechen wir uns nicht ängstlich vor den Herausforderungen unserer Zeit. Die Angst ist der hinterhältigste Dämon einer freien Gesellschaft. Sie ist Nährboden von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

„Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ - diese Transparente habe ich hier auf der Oper flattern gesehen, bevor sie in Flammen aufging. Von dieser Art des Völkischen sollten wir geheilt sein. Sehen wir den Tatsachen ins Auge. Die Krisen dieser Welt haben uns längst erreicht. 

Der Bundespräsident hat in Jerusalem vor wenigen Tagen eine historische Rede gehalten. Er zögerte mit der Feststellung, dass die Deutschen für immer aus der Geschichte gelernt haben. Er sagt: „Unsere Zeit ist nicht dieselbe Zeit. Es sind nicht dieselben Worte. Es sind nicht dieselben Täter. Aber es ist dasselbe Böse“.

Steinmeier wird nach Dresden kommen, wenn sich die Stadt in vier Tagen an ihre Zerstörung erinnert und der Toten gedenkt. Er kommt mit der Botschaft: „Nie wieder, niemals wieder.“ Unser Grundgesetz gibt uns den Auftrag, „in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“. 

Unsere Demokratie hat starke Kräfte. Wir haben das Potential, mit den Herausforderungen fertig zu werden und wir werden bestärkt durch Menschen wie unsere heutigen Preisträger. Sie machen uns Hoffnung. Und wir sind heute hier zusammengekommen, um ihnen danken und sie zu ermutigen.

 

Dies ist ein Auszug aus der Begrüßungsrede Gerhart Baums zum Dresdner Friedenspreis 2020, gehalten am 9.02.2020