G20
Handelsstreit um Soja: Bohne mit Sprengkraft

Soja
Umschlag einer Ladung von Soja-Futtermitteln im Hafen von Nantong (Jiangsu-Provinz, China). © Getty Images Herunterladen

Sie ist klein, gelb und unscheinbar. Vielleicht gerade deshalb könnte die Sojabohne für Donald Trump zum Menetekel bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr werden. Von der breiten Öffentlichkeit bislang unbemerkt, ist die Hülsenfrucht mit voller Wucht zwischen die Fronten im Handelsstreit der USA mit China geraten.

Mitte vergangenen Jahres hatte die Volksrepublik Zölle auf US-Waren im Gegenwert von 34 Milliarden US-Dollar in Kraft gesetzt, darunter für Baumwolle, Weizen, Milchprodukte, Wein, Nüsse, Schweinefleisch – und eben Sojabohnen, die vor allem zur Ölsaaten- und Futtermittelproduktion verwendet werden. Die Maßnahme war die Reaktion auf zuvor von Trump eingeführte Zolltarife für bestimmte Importwaren aus China. 

Die Antwort Pekings traf die amerikanische Agrarindustrie ins Mark – und tut es immer noch. China ist für sie nach Kanada der zweitgrößte Exportmarkt. Die USA sind der weltgrößte Produzent von Soja. Die nährstoffreiche Hülsenfrucht ist für die meisten der US-Farmer das wichtigstes Exportgut und gleichzeitig Einnahmequelle Nummer eins.

China wiederum ist über die vergangenen Jahre hinweg zum größten Sojaimporteur auf dem Globus und damit zum Hauptkunden der US-Sojaproduzenten geworden. Bis 2018 waren rund 60 Prozent der gesamten US-Agrarausfuhren nach China Sojabohnen. Doch mit Einführung der Zölle ist der florierende Handel praktisch zum Erliegen gekommen. Dabei zeigt sich: Während die US-amerikanischen Landwirte bei ihrem Absatz bislang stark abhängig von ihren chinesischen Abnehmern waren, können die chinesischen Sojakäufer ohne Schwierigkeiten auf die US-Importe verzichten. Sie decken sich seither bei anderen Produzenten auf dem freien Weltmarkt ein – vor allem in Brasilien, der Nummer zwei unter den Produzenten. Zusätzlich haben russische Behörden verlauten lassen, dass China bei seinem Nachbarn angeklopft habe, um in die Aufbereitung von Flächen zu investieren. Dort könnte dann Soja angebaut und auf kurzen Transportwegen ins Nachbarland transportiert werden.

Die US-Bauern dagegen stehen vor den Trümmern ihrer einseitig auf China ausgerichteten Absatzstrategie. Ihre Regierung hatte für 2018 sogar doppelt so viele Anbauflächen für den Sojaanbau freigegeben wie noch im Jahr zuvor, um von der starken Nachfrage aus Asien zusätzlich zu profitieren. Nun fault ein Großteil der Ware in Speichern vor sich hin. Viele amerikanische Sojaproduzenten stehen vor dem Aus.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatte bei seinem Treffen mit Trump in Washington Mitte vergangenen Jahres zwar das Zugeständnis gemacht, dass Europa seine Sojaeinfuhren aus den USA erhöhen werde. Doch die im Vergleich zu China recht bescheidenen Mengen, die diesseits des Atlantiks verbraucht werden, können die prekäre Lage der US-Landwirte bestenfalls lindern, nicht aber entschärfen.

Die US-Farmer zahlen die Zeche

Für die Farmer mag es daher wie Hohn geklungen haben, als Trumps Chefwirtschaftsberater Larry Kudlow Anfang Mai nach einer neuerlichen Eskalationsrunde im Handelskonflikt mit China vorsorglich hat wissen lassen: „Beide Seiten zahlen bei solchen Sachen dafür.“ Die Frage ist jedoch: wer genau? Während Handelshemmnisse und Zölle an den Gewinnen und Umsätzen großer Konzerne wie Apple, Google & Co. bislang abperlen, beklagt die gesamte US-Agrarindustrie infolge des von der Trump-Regierung vorangetriebenen Protektionismus herbe Einkommensverluste. Nicht nur bei Soja, zum Beispiel auch bei Wein, Schweinefleisch, Tierhäuten und anderen Agrarprodukten ist das Reich der Mitte bislang einer der wichtigsten Abnehmer – mit abnehmender Tendenz.

Dabei waren es vor allem die Wähler im Mittleren Westen, in der „Kornkammer“ der USA – den US-Bundesstaaten Nord- und Süd-Dakota, Nebraska, Kansas, Oklahoma und Texas –, die Trump 2016 die entscheidenden Stimmen bescherten, um ins Amt zu kommen. „Make America great again“ – das war für die Farmer dort, in den „fly-over areas“, die Hoffnung, in der amerikanischen Politik und Kultur wieder den prominenten Platz zu bekommen, den sie über Jahrzehnte hinweg innegehabt hatten. Es war aber vor allem die Hoffnung, Anschluss zu finden und etwas abzubekommen vom Aufschwung der heimischen Wirtschaft seit dem Ende der Finanzkrise. Davon haben bislang vorwiegend die Großbanken und Technologiekonzerne profitiert.

Mit einem eigens aufgelegten Hilfsprogramm über ursprünglich zwölf Milliarden US-Dollar wollte die Trump-Regierung die Bauern milde stimmen, die von den Folgen des Handelsstreits direkt betroffen waren. Doch von dem Geld wurden 2018 gerade mal knapp vier Milliarden Dollar verteilt – wobei die ausgelobten Subventionen unter Berücksichtigung der Marktlage im Schnitt nur die Hälfte der Verluste der Sojabauern abgedeckt haben. Seitdem liegt das Programm auf Eis.

Die amerikanischen Farmer haben daraus ihre Konsequenzen gezogen. In der laufenden Erntesaison wird aller Voraussicht nach deutlich weniger Soja auf den Feldern ausgebracht als im Vorjahr. Gut möglich, dass sich die Bauern im kommenden Jahr auch an der Wahlurne anders entscheiden werden.

 

Thomas Luther arbeitet als freier Journalist. Soja kannte er bislang nur als Zutat aus der eigenen Küche bei asiatischen Gerichten. Erstaunt hat er bei der Recherche erfahren, dass die Anbauflächen für nicht genverändertes Soja weltweit sinken.