Fünf Orte der Freiheit in Prag

Nachricht09.08.2017Detmar Doering
Orte der Freiheit Prag
Die Prager lieben ihre Freiheit.istock / miodrag ignjatovic

Prag ist eine weltoffene Stadt. Und die Prager lieben ihre Freiheit. Die Geschichte hat der Stadt vielfach Opfer für diese Freiheit abverlangt. Die Spuren davon findet man überall in der Stadt.

Der den Autokraten nicht sehen möchte

Prag
Detmar Doering / Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Man nehme die unter Touristen beliebte Straßenbahnlinie 22 bis hinaus nach Bila Hora. Im Park des hübschen Renaissance-Jagdschlosses Letohrádek Hvězda steht er: Jan Roháč z Dubé. Der war einer der Anführer der Hussiten, die schon Jahrzehnte vor Luther mit der Kirche haderten. Dabei ging es nicht nur um theologische Haarspaltereien, sondern auch um handfeste Politik. Die radikalen Hussiten organisierten sich in ihren Hochburgen wie Tabor als Demokratien. Das war den Herrschenden ein Dorn im Auge. Die königlichen Armeen schlugen die Bewegung nieder. Roháč kämpfte bis zuletzt. 1437 kam in der Schlacht von  Křeč die vernichtende Niederlage. Die Legende sagt nämlich, dass er vor 1437 kurz vor seiner Hinrichtung auf dem Staré Město (Altstädter Ring) in Prag vor Kaiser Sigismund geschleppt wurde. Dort soll er ausgerufen haben, man möge ihm lieber das Augenlicht nehmen, als dass man ihm den Anblick eines unrechtmäßigen Autokraten zumute. Den knorrigen Rebellen sieht man ihm auf seinem Sockel immer noch an.

Der letzte Kampf in der Kirche

Prag
Detmar Doering / Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

In der Krypta der St. Kyrill und Method in der Resslova 9a in Prag 2 hatte sie ein orthodoxer Priester versteckt. Durch den Verrat eines Mitstreiters hatte allerdings die SS von dem Versteck erfahren. Die Attentäter, die einige Tage zuvor – am 27. Mai 1942 - den „Reichsprotektor“ der Nazis, Reinhardt Heydrich, seinem verdienten Schicksal zugeführt hatten, steckten in der Falle. Über sechs Stunden leisteten sie heldenhaft, aber vergeblich Widerstand. Die brutale Repressionswelle, die dem Attentat folgte, darunter der Massenmord in den Orten Lidice und Ležáky, weckte endgültig den Widerstandswillen der Tschechen gegen das Terrorregime. Die Kirche, wo die Attentäter ihr heldenhaftes Ende fanden, ist heute eine nationale Gedenkstätte mit einer kleinen Ausstellung (mit Erläuterungen in Tschechisch und Englisch) und der zerschossenen Krypta, die man als einen Ort der Trauer und des Gedenkens besichtigen kann. Draußen an der Wand sieht man noch die Einschusslöcher der Maschinengewehre.

Eine mutige Frau

Milada Horakova
CC BY-NC-ND 2.0 Flickr.com/ horslips5

Eine engagierte Frau mit viel Mut – das war Milada Horáková immer gewesen. In der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik gehörte sie zu den führenden Frauenrechtlerinnen des Landes. Als die Nazis das Land besetzten, verhalf sie Juden zur Flucht und schloss sich dem Widerstand an. Die Nazis sperrten sie ins Konzentrationslager, das sie nur knapp überlebte. Ihre Hoffnung, dass sich nach dem Kriege wieder die Demokratie durchsetzte, wurde 1948 durch die Machtübernahme der Kommunisten zunichte gemacht. Im Parlament protestierte sie energisch gegen die Zerstörung der Freiheit. 1950 wurde sie von der Geheimpolizei verhaftet. Es kam zu einem Schauprozess (dazu dieses erschütternde Video, das ein Interview mit ihrer Tochter Jana enthält). Als einzige Angeklagte verweigerte sie die vom Regime verlangte Selbstbezichtigung und Loyalitätserklärung. Trotz weltweiter Proteste: Die Richter kannten keine Gnade. Am 27. Juni 1950 wurde sie hingerichtet. Auf dem Friedhof auf dem Vyšehrad  hat man ihr zu Ehren 2000 ein Kenotaph errichtet, das von Prager Bürgern immer noch reich mit Blumen bedeckt wird. Hier kann man dieser großen und mutigen Frau gedenken. Ein Rundgang lohnt sich danach, denn dieser Friedhof ist einer der schönsten der Stadt und so etwas wie der Nationalfriedhof, in dem große Tschechen wie Smetana, Dvořák, Neruda oder Mucha ihre letzte Ruhestätte fanden.

Auf dem Jan Palach-Platz

Jan Palach
Detmar Doering / Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Um gegen die gewaltsame Beendigung des Prager Frühlings und die Apathie der Bevölkerung gegenüber dem kommunistischen Unrechtsregime zu protestieren, hatte sich der 20jährige Student Jan Palach am 16. Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannt. Drei Tage später starb er an den Folgen der Verbrennungen. Kaum einem Freiheitshelden gedenken die Prager so wie ihm. Das sieht man vor allem auf dem Jan-Palach-Platz (Náměstí Jana Palacha), wo es gleich zwei Gedenkorte gibt. Das eine ist eher unauffällig. An der Wand der Philosophischen Fakultät hängt ein Portrait Palachs, das nach seiner Totenmaske gestaltet wurde. Darunter steht lediglich das Datum der Selbstverbrennung. Seit 2016 stehen auf dem Platz - nur etwas näher am Moldauufer - zwei große hölzerne Kuben, aus denen symbolisch Flammen herauswachsen.  

Prag
Detmar Doering / Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Haus der Mutter, Haus des Sohnes nannte der Künstler John Hejduk, ein amerikanischer Bildhauer tschechischer Herkunft, das Werk. Das silbrige Denkmal soll Palach darstellen, das rostfarbene die leidende Mutter. Dahinter verbirgt sich - wenngleich sich die Symbolik nicht gleich erschließt - das Bild der Leidensmadonna. Neben diesem Denkmal ist eine Plakette angebracht auf der das Gedicht "Das Begräbnis des Jan Palach" steht. Verfasst wurde es 1969 von einem Freund Palachs, dem Dichter David Shapiro.

Mahnmal für die Opfer des Kommunismus

Denkmal für die Opfer des Kommunismus
Detmar Doering / Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Auch nach der „Samtenen Revolution“, die den Tschechen 1989 die Freiheit brachte, gilt: Noch immer halten viele Menschen den Kommunismus für eine großartige Idee und sind bereit, seine Opfer für vernachlässigbar zu halten. Wer so denkt, sollte vielleicht einen Besuch des beeindruckenden Denkmals für die Opfer des Kommunismus am Fuße des Petřinberges (Tramstation Újezd) als Anlass nehmen, ein wenig mehr nachzudenken. Das Denkmal – geschaffen von den Bildhauern Olbram Zoubek, Jan Kerel und Zdeněk Holzel – wurde 2002 errichtet. Es stellt sieben Menschen dar, die die Treppe hinuntergehen. Je weiter man nach hinten kommt, desto mehr lösen sich die Menschen ins Nichts auf. Auf Bronzestreifen, die im Boden eingelassen sind, stehen nüchterne Zahlen: In der Tschechoslowakei wurden durch die Kommunisten 205.486 Bürger verhaftet, 170.938 flohen ins Exil, 4500 starben im Gefängnis, 327 wurden „auf der Flucht erschossen“ und 248 hingerichtet. Was soll man noch sagen?