Türkei

Längst Überfällig: Frauenbeschäftigung in der Türkei

Die Frauen in der Türkei haben auf dem Arbeitsmarkt große Zuwächse, es gibt aber auch großen Nachholbedarf

Analyse08.05.2019Laura Kunzendorf
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Eine arbeitende Mutter (Symbolbild)cture alliance/Photo Alto

Im März trat die türkische Arbeits- und Familienministerin Zehra Zümrüt Selçuk in New York auf einer Konferenz zur Rolle frauenfreundlicher Politik auf und pries die erfolgreichen Maßnahmen ihrer Regierung zur Gewährleistung der Rechte und Möglichkeiten von Frauen.

Die Türkei verfolge eine Null-Toleranz-Politik bei Gewalt gegen Frauen, führe zahlreiche Arbeitsmarktprogramme durch und habe den stärksten Anstieg in der Frauenbeschäftigungsquote innerhalb der 57 Mitgliedsstaaten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zu verzeichnen. Was zunächst beeindruckend klingt und angesichts der derzeit fast durchweg negativen Schlagzeilen zur Türkei positiv zu überraschen vermag, stellt sich bei genauer Betrachtung lediglich als Beschönigung rückständiger Zustände heraus.

Die Ministerin, die nicht müde wird zu betonen, dass eine stabile Gesellschaft und Entwicklung nicht ohne starke Frauen möglich seien, vergaß nämlich ganz Erhebliches zu erwähnen: Die Türkei erlebt in der Frauenbeschäftigung nicht nur die größten Zuwächse, sie hat auch den größten Nachholbedarf. 

Türkei unterbietet Saudi-Arabien

Gehörten 1955 noch drei Viertel aller türkischen Frauen im arbeitsfähigen Alter zur Erwerbsbevölkerung, waren also beschäftigt oder auf der Suche nach Arbeit, galt dies 2018 nur noch für ein Drittel der weiblichen Bevölkerung. Damit hat die Türkei nicht nur die mit Abstand geringste Frauenerwerbsquote innerhalb der Mitgliedsstaaten der OSZE, sie unterbietet auch wirtschaftlich schwächere oder in Gleichstellungsfragen rückschrittlichere Länder wie zum Beispiel Saudi-Arabien, Bangladesch, Liberia oder den Tschad.

Und auch ein Blick auf die Situation der arbeitenden Frauen ist ernüchternd. Sie wagen selten den Schritt in die Selbstständigkeit – nur 17 Prozent aller Selbstständigen sind Frauen – und stellen weniger als zehn Prozent der Arbeitgeber. Dafür stellt jede vierte arbeitende Frau in der Türkei ihre Arbeitskraft kostenlos in den Dienst ihrer Familie, insbesondere im Bereich der Landwirtschaft. Zum Vergleich: Weniger als fünf Prozent der Männer betätigen sich unbezahlt für das Wohl ihrer Familien.

87 Prozent aller Frauen würden gerne arbeiten

Macht man sich die Situation bewusst, scheint es zunächst naheliegend, die mangelhafte Arbeitsmarktintegration türkischer Frauen auf die vorherrschende islamische Religion und die ihr nachgesagten Einschränkungen der Frauenrechte zurückzuführen. Diese Erklärung greift jedoch schon deshalb zu kurz, weil auch in weitaus religiöser geprägten Staaten Frauen im Berufsleben bessergestellt sind. Häufig wird auch die große Bildungslücke zwischen den Geschlechtern, die zu den größten unter den OSZE-Mitgliedsstaaten gehört, als Grund angeführt. Aber weder die Vermutung, Religiosität würde Frauen vom Arbeitsmarkt fernhalten noch die Annahme, dass geringere Bildungslevels sich negativ auf den Arbeitswunsch auswirken, dient als befriedigende Erklärung.

Denn laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) würden 87 Prozent aller türkischen Frauen gerne arbeiten. Aber warum machen sie es nicht, wenn sie es doch wollen? Die Antwort ist: Weil sie bereits einer Vollzeittätigkeit nachgehen, nämlich der als Mutter und Hausfrau. Oder, wie Wirtschaftsprofessorin Ipek Ilkkaracan von der Technischen Universität Istanbul es formuliert: „Das Problem ist nicht, dass Frauen nicht in die Erwerbsbevölkerung eintreten, sondern, dass sie sie verlassen, wenn sie heiraten.“ Denn nach der Hochzeit fällt die Führung des Haushalts und die Betreuung der Kinder in der Regel der Frau zu.

Mehr als die Hälfte der arbeitslosen Türkinnen nennen als Grund dafür, nicht arbeiten gehen zu können, ihre Aufgaben im ehelichen Haushalt. Tatsächlich arbeiten türkische Frauen täglich im Schnitt viereinhalb Stunden unbezahlt zu Hause, während Männer es auf nicht einmal eine Stunde bringen. 

Zehra Zümrüt Selçuk
Zehra Zümrüt Selçuk ist Ministerin für Arbeit, Soziales und Familien in der Türkei.picture alliance / AA

Doch selbst wenn Männer ihren Frauen durch Unterstützung im Alltag den Rücken für eine Beschäftigung freihalten, stehen diese vor einem weiteren Problem: Wer kümmert sich um die Kinder? Während in Deutschland Kindergärten ein zentraler Bestandteil der Erziehungslandschaft sind, spielen diese in der Kinderbetreuung in der Türkei nur zu knapp drei Prozent eine Rolle. Die Kinderbetreuung ist fast ausschließlich Aufgabe der Mütter, die zum Teil von den Großeltern, anderen Verwandten oder Freunden unterstützt werden. Staatliche Kindergartenplätze sind stark reguliert und rar, private Kindergärten für normalverdienende Haushalte oft nicht finanzierbar. 

Großmütter übernehmen Kinderbetreuung

Davon kann auch Banu, Mutter zweier Söhne im Alter von sieben und 12 Jahren, ein Lied singen. Zwei Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes entschied sie sich, wieder arbeiten zu gehen. Während die Rückkehr in ihren alten Job als Website-Designerin kein Problem war, ihr Mann sie sogar zu diesem Schritt ermutigte und ihr Chef sie ausdrücklich zurückwünschte, stellte die Unterbringung ihres Kindes die eigentliche Herausforderung dar.

Staatliche Kindergärten lehnten die Aufnahme ihres Sohnes mit der Begründung ab, nur Kinder ab vier Jahren zu akzeptieren. Und auch ein privater Kindergartenplatz funktionierte nur als Übergangslösung: Die finanzielle Belastung der privaten Kinderbetreuung war zu hoch; außerdem reichte diese nicht, um ihre langen, unflexiblen Arbeitszeiten abzufangen. So scheiterte nach nur acht Monaten ihr Versuch, erneut im Arbeitsleben Fuß zu fassen. Sie kündigte und blieb zu Hause, bis sich nach der Geburt ihres zweiten Sohnes die Chance zu einem flexibleren Jobeinstieg ergab.

Die beiden Großmütter erklärten sich bereit, die Kinderbetreuung zu übernehmen, bis ein geeigneter Kindergartenplatz gefunden wurde. Banu kehrte auch nicht in ihren alten Job mit unflexiblen Arbeitszeiten zurück, sondern stieg in der relativ jungen Firma ihres Mannes ein – ein verständnisvoller Arbeitgeber bei Betreuungsnotfällen war somit garantiert. 

Erhöhung des Vaterschaftsurlaubs

Obwohl Banu den Schritt zurück ins Arbeitsleben geschafft hat, ist für sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Türkei misslungen: „Ich wüsste nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich nicht im privaten Sektor arbeiten und ein gutes Gehalt verdienen würde. Einen Betreuungsplatz für mein Kind hätte ich mir als Lehrerin zum Beispiel gar nicht leisten können. Außerdem unterstützt mich mein Mann sehr, das ist nicht selbstverständlich.“

Ginge es nach Banu, sollten betriebseigene Kindergärten ein Standard sein, um eine flexible und zuverlässige Kinderbetreuung sicherzustellen. Außerdem sollten sich der Staat, der Arbeitgeber und die Familien die Kosten für die Betreuungsplätze teilen, da alle gleichermaßen von der Arbeit der Mütter profitierten. Unerlässlich ist für Banu auch die Unterstützung der Männer bei der Kinderbetreuung. Dafür sollte der Staat die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, und den bisherigen Anspruch auf lediglich fünf Tage Vaterschaftsurlaub signifikant erhöhen. 

Mehr und bessere Jobs für Frauen

Das Problem der geringen Frauenerwerbsbeteiligung, die laut Daily Sabaheiner patriarchischen Mentalität zu verdanken sei, wurde in den letzten Jahren verstärkt von Medien und zivilgesellschaftlichen Akteuren angeprangert. So gelangte es auch in den Fokus der relevanten türkischen Behörden, die mit Familien- und Arbeitsministerin Selçuk an ihrer Spitze den Kampf für die Stärkung der Frauen mittlerweile zu einem ihrer vorrangigen Ziele erklärt haben.

So wurde 2013 von der türkischen Arbeitsagentur IŞKUR in Kooperation mit der ILO und der schwedischen Agentur für Internationale Entwicklungszusammenarbeit (SIDA) das Projekt „Mehr und bessere Jobs für Frauen: Stärkung von Frauen in der Türkei durch angemessene Arbeit“ ins Leben gerufen. In dessen Rahmen werden nun schon in der zweiten Phase Schulungen zu unternehmerischen Kompetenzen, Geschlechtergleichstellung sowie Arbeits- und Menschenrechten in sämtlichen Provinzen der Türkei angeboten.

Das Besondere des Projekts ist, dass es nicht nur die Vorbereitung von Frauen auf den  Arbeitsmarkt anstrebt, sondern auch Männer und Mitarbeiter der türkischen Arbeitsagentur gezielt für Geschlechtergleichstellung sensibilisiert. Wie nötig solche Trainings sind, wird deutlich, wenn man sich mit dem Blick der Gesellschaft auf Frauenarbeit auseinandersetzt.

Laut dem türkischen Statistikinstitut ist jeder fünfte türkische Mann der Meinung, es sei für eine Frau nicht angemessen zu arbeiten. Eine weitere Studie kam zu dem Schluss, dass unter türkischen Frauen und Männern zusammengenommen jeder zweite die Auffassung vertritt, Frauen sollten vor dem Eintritt ins Berufsleben die Erlaubnis ihres Mannes einholen. Auch aufgrund solcher Ansichten bleibt das strukturelle Problem, das Frauen – insbesondere Müttern – den Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert, bestehen. Denn der gesellschaftliche Druck, zuallererst der Rolle als Mutter und Ehefrau gerecht zu werden, bevor an die berufliche Selbstverwirklichung gedacht werden darf, ist groß und wird durch die Rhetorik einiger, hauptsächlich männlicher Entscheidungsträger noch verschärft. Man denke nur an Präsident Erdoğan und seine Aussage, Frauen, die Mutterschaft und Hausarbeit verweigerten, seien „unvollständig und mangelhaft“, gar nur „halbe Menschen“. 

Die Einstellung muss sich wandeln

Daher ist es folgerichtig, dass Projekte Frauen nicht nur durch aktive Arbeitsmarktmaßnahmen unterstützen, sondern auch auf einen Einstellungswandel abzielen. Seit Oktober 2018 werden in diesem Sinne auch Trainings und Beratungen in kleinen und mittleren Unternehmen durchgeführt, die aufzeigen, wie Geschlechtergleichstellung praktisch in Betriebsstrukturen eingebettet werden kann. Auch die beschriebenen Nachteile, denen sich insbesondere Mütter gegenübersehen, werden angegangen.

Mithilfe eines von der EU-finanzierten Programms wird versucht, Müttern, die Schwierigkeiten haben, erneut ins Berufsleben zu finden, Babysitter zur Verfügung zu stellen. Großmütter, die auf ihre Enkel aufpassen, werden monatlich mit 400 türkischen Lira (cetwa 60 Euro) entlohnt. Und das im September 2018 ins Leben gerufene Programm „Mütter auf Arbeit“ stellt Frauen in Ausbildungsmaßnahmen eine kostenlose Gesundheitsversorgung, ein Tagesgeld von 80 Lira (etwa zwölf Euro) sowie einen monatlichen Zuschuss von 400 Lira für die Kinderbetreuung zur Verfügung. 

Lohndifferenz zu Müttern groß

Obwohl die beschriebenen Maßnahmen ein erster Schritt in die richtige Richtung sind, liegt noch ein langer Weg vor der türkischen Gesellschaft. Bisher ist der Fokus hauptsächlich auf die verstärkte Arbeitsmarktintegration von Frauen gerichtet. Das erste Etappenziel, das dafür durch die Arbeitsagentur und das Ministerium für Familie, Arbeit und Soziales gesetzt wurde, liegt bei einer Erhöhung der Erwerbsbeteiligung auf 41 Prozent.

Ist dies erst einmal geschafft, müssen die Lohnunterschiede in den Blick genommen werden. Während die Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern in der Türkei bei zwölf Prozent liegt und damit zumindest unter dem weltweiten Schnitt, klafft die Entlohnung von Müttern und kinderlosen Arbeiterinnen mit 30 Prozent so stark auseinander wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Wenn Ministerin Selçuk also bei ihren künftigen Auftritten erneut die bisherigen Errungenschaften für Frauen auf dem türkischen Arbeitsmarkt preist, sollte sie nicht vergessen, auch den Zeigefinger zu heben und Arbeitgeber, Politiker und die Gesellschaft daran zu erinnern, was noch alles getan werden muss. Denn das Ziel sollte nicht der größte Anstieg der Frauenerwerbsquote oder der stärkste Rückgang der Lohndifferenzen sein. Das Ziel sollte eine Gesellschaft sein, in der beides nicht mehr notwendig ist, weil Männer und Frauen, Mütter und Väter, Nicht-Mütter und Nicht-Väter bereits angeglichene Beschäftigungsquoten und Löhne haben.  

Laura Kunzendorf ist derzeit Praktikantin im Projektüro Istanbul der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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