Nachruf

Frau der Freiheit

Erinnerungen an Hergard Rohwedder

Meinung09.05.2019Karl-Heinz Paqué
Hergard Rohwedder
Hergard Rohwedderpicture-alliance / schroewig

Spät erst habe ich sie persönlich kennengelernt. Es war bei einer Veranstaltung zum Gedenken an ihren Ehemann Detlev Karsten Rohwedder, dem ersten Vorstandsvorsitzenden der 1990 geschaffenen Treuhandanstalt. Zum 20. Jahrestag von dessen heimtückischer Ermordung durch die RAF fand im Sitz des Bundesministeriums der Finanzen, dem nach ihm benannten Detlev-Rohwedder-Haus, eine Gedenkfeier statt. Das ist gerade mal acht Jahre her. In dieser Zeit hielten wir engen Kontakt, trafen uns gelegentlich, tauschten Mails aus und beschäftigten uns vor allem mit zwei großen Themen: rückblickende Analyse der Arbeit der Treuhandanstalt (THA) sowie Krise und Wiederaufstieg des Liberalismus in Deutschland.

Beide Themen waren für Hergard Rohwedder Herzensanliegen, die zugleich den vollen Einsatz des Verstandes verlangten. Was die THA betrifft, litt sie sehr darunter, dass sich deutschlandweit das Bild zunehmend verdüsterte - durch eine Öffentlichkeit, in der Verschwörungstheorien grassierten, in denen die THA diffamiert und dämonisiert wurde. Sie war deshalb erleichtert und dankbar, dass Richard Schröder und ich eine Initiative starteten, die wissenschaftliche Aufarbeitung des riesigen Bestands an THA-Akten zu ermöglichen. Sie begleitete diese Initiative mit Hoffnung und Wohlwollen. Dass als Ergebnis inzwischen tatsächlich ein großes THA-Projektpaket des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin ins Rollen gekommen ist, finanziert vom Bundesministerium der Finanzen, tat ihr gut. Endlich bestand Aussicht, die Diskussion zu versachlichen. Dabei ging es ihr keineswegs nur um das Lebenswerks ihres geliebten Mannes, der ja selbst aus Gotha in Thüringen stammte, sondern vor allem um die faire, korrekte und sachliche Interpretation der jüngsten deutschen Geschichte. Wir sprachen oft darüber, zuletzt am Sonntag, den 11. November 2018 in Berlin, am Rande des jährlich stattfindenden Freiheitskonvents der Freien Demokraten.

Das Thema Freiheit ließ sie nie los, bis zuletzt. Sie empfand den Rauswurf der FDP aus dem Bundestag im Herbst 2013 als eine Katastrophe. Es kamen die schwierigen "Schattenjahre", wie Christian Lindner sie später nannte, und genau so empfand sie diese Zeit auch ganz persönlich. Der Liberalismus, zu dem sich Hergard Rohwedder rückhaltlos bekannte, drohte unterzugehen. Es begann für sie eine Phase rastloser Aktivität und besonders großen Engagements, um die liberale Familie wieder zu beleben. Dazu wurde alles mobilisiert, was verfügbar war, insbesondere das "Liberale Netzwerk", das sie selbst Anfang des Jahrtausends gegründet hatte. Es erfüllte in der außerparlamentarischen Öde eine noch wichtigere Funktion als zuvor.

Die großen Salons jedenfalls, zu denen sie in ihre Wohnung in Düsseldorf einlud, waren legendär. Man fühlte sich an die schöngeistige liberale Salontradition des 19. Jahrhunderts erinnert, aber es ging wohl doch sehr viel politischer zu als zu Zeiten des Biedermeier. Dafür sorgte allein schon der messerscharfe Intellekt der Gastgeberin, die als promovierte Juristin instinktiv gute und schlechte Argumente zu unterscheiden verstand. Legendär war auch ihre Korrespondenz, zumeist in Gestalt von knappen und präzisen Mails, flott aufgeschrieben und abgeschickt, fast immer hochpolitisch, klar und kritisch zu einer Schwäche, die sie beobachtete. Ihrer alerten Aufmerksamkeit entging nichts. Und gerade dies trug dazu bei, die liberale Familie in Bewegung zu halten - sei es im Umgang mit dem politischen Gegner oder in der eigenen Positionierung.

All dies tat sie mit herzlicher Leidenschaft. Es war kaum möglich, sich dem zu entziehen. Warum auch? In einer Welt, die sich immer mehr spaltet in Verstand und Emotion, lieferte Hergard Rohwedder die unwiderstehliche Kombination von beidem. Das überzeugte. Es trug dazu bei, den Wiederaufstieg des organisierten Liberalismus in Deutschland möglich zu machen. Und sie genoss den Augenblick, als es dann soweit war. Am Abend der Bundestagswahl 2017 stand Hergard Rohwedder im Hans-Dietrich-Genscher-Haus in der Reinhardtstraße - mitten in einer jubelnden Menschentraube, mit leuchtenden Augen. Sie war glücklich, was sie aber natürlich nicht daran hinderte, schon am nächsten Tag kritische Kommentare und Beobachtungen zu versenden. Der Kampf für die Freiheit ging ja weiter, und sie war unverändert mittendrin. 

Eine großartige Frau, der die liberale Familie viel verdankt. Sie starb am 1. Mai im Alter von 85 Jahren. Wir trauern um Hergard Rohwedder, sie wird uns allen fehlen.