"Fast alles, was ich heute kann und weiß, habe ich bei Hans-Dietrich Genscher gelernt."

Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, über Hans-Dietrich Genscher

Meinung11.04.2016
Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Ischinger
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Sie waren viele Jahre enger Mitarbeiter Hans-Dietrich Genschers im Auswärtigen Amt, was haben Sie beruflich, aber auch persönlich von ihm gelernt?

Fast alles, was ich heute kann und weiß, habe ich in meinen Lehrjahren im Ministerbüro des Auswärtigen Amts, bei Hans-Dietrich Genscher, gelernt. Zum Beispiel: Verhandlungen sollte man möglichst erst dann anfangen, wenn man sämtliche Fakten genau kennt, und möglichst auch die Wünsche und Zwänge der anderen Seite. Vor allem aber habe ich bei ihm eins gelernt: Vertrauen ist das wichtigste Kapital der Diplomatie, es ist mühsam aufzubauen, und ganz leicht zu zerstören!

Wolfgang Ischinger, Hans-Dietrich Genscher
Viele Jahre arbeitete Wolfgang Ischinger mit Hans-Dietrich Genscher im Auswärtigen Amt, heute ist er Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz.MSC/ Kuhlmann

Welches gemeinsames Erlebnis ist Ihnen von Ihren gemeinsamen Reisen besonders in Erinnerung geblieben? 

Das war in Prag im Herbst 1989, nachdem von Genscher die Ausreise der DDR-Flüchtlinge verkündet wurde. Ich habe damals ‎einen Eisenbahnzug mit Flüchtlingen auf dem Weg von Prag nach Hof in Bayern begleitet und habe das Glück der Freiheit emotional tief mitempfinden dürfen. Diese bewegende Episode hat mich mehr berührt als viele diplomatische Verhandlungserfolge in späteren Jahren.

Sie sind Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, die Sicherheitslage in und um Europa ist aktuell so gefährlich wie lange nicht mehr, Auch die Differenzen mit Russland haben sich wieder verstärkt. Hierzu forderte Genscher 2014 eine "verbale Abrüstung" des Westens gegenüber Russland. Wie schätzen Sie die Situation heute ein?

Genscher hatte Recht: Wir müssen, auch wenn es schwierig und langwierig werden wird, mit Russland wieder ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Gegenseitige Verunglimpfungen‎ sind dabei nicht hilfreich. Unser Ziel muss das bleiben, was wir schon vor 25 Jahren als gemeinsame Vision beschrieben haben: Nämlich eine Friedensordnung für Europa, die eine teilende Grenze nicht etwa einfach nach Osten verschiebt, sondern diese Grenze endgültig überwindet. Oder in den Worten von Gorbatschow : Ein gemeinsames Haus Europa mit Räumen für alle, auch für Russland. ‎An der Verwirklichung  dieser Vision hat Genscher unermüdlich und kraftvoll gearbeitet, jetzt sind wir in der Pflicht, sie zu vollenden - auch wenn uns das in der aktuellen Lage  vor außerordentliche Herausforderungen stellt.

Publikationen zum Thema

Genscher

Wie kaum ein anderer war Hans-Dietrich Genscher in der Lage, politische Ziele mit dem zu verbinden, was man immer als handwerkliche Fertigkeit beschreibt, um sie auch erreichen zu können. Seine Unerschütterlichkeit ist am Ende mit der Überzeugung vieler belohnt worden, dass er unser Land in Bündnisfähigkeit, europäische Integration und Weltoffenheit sicher und verlässlich steuerte. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat in Hans-Dietrich Genscher immer einen großen Unterstützer gehabt. Mehr