„Es ist unsere Aufgabe die Mauer der Angst zu durchbrechen!“

Ali Anouzla ist marokkanischer Journalist und wurde in diesem Jahr auf dem Bundesmedienball in Berlin mit dem erstmalig verliehenen Raif Badawi Award for courageous journalists ausgezeichnet.

Nachricht18.11.2015Gyde Jensen
Raif Badawi Award for courageous journalists
Tina Merkau

Ali Anouzla ist marokkanischer Journalist und wurde in diesem Jahr auf dem Bundesmedienball in Berlin mit dem erstmalig verliehenen Raif Badawi Award for courageous journalists ausgezeichnet. Anouzla war im Rahmen dieser Verleihung zu Gast bei verschiedenen Veranstaltungen in Deutschland. Am 11. und 12. November besuchte er unter anderem die Redaktion des Tagesspiegel in Berlin, führte ein Gespräch mit einer Auslandsreporterin des Spiegel in Hamburg und diskutierte mit Studenten über Pressefreiheit im arabischen Raum in der Uni Kiel. Dann war Anouzla zu Gast in Berlin zum Bundesmedienball und am Wochenende in München zu einer Matinée.

Die Geschichte des saudischen Bloggers, Raif Badawi, ging um die Welt und bewegt jeden Freitag aufs Neue die Menschen. Jeden Freitag drohen Badawi weitere der insgesamt 1000 Peitschenhiebe, zu denen der Freidenker vom Regime verurteilt wurde.

Auch Ali Anouzlas Geschichte bewegt uns alle.

Für eine Fotosession stellt sich der Chefredakteur beim Tagesspiegel, Lorenz Maroldt, zunächst neben Ali Anouzla – großes Gelächter. Der Größenunterschied zwischen dem riesigen Maroldt und Anouzla beträgt bestimmt einen halben Meter. Daraufhin nehmen die beiden Chefredakteure ihren Gast in die Mitte und quetschen sich wie alte Freunde aufs Sofa, um den Preisträger Anouzla zu interviewen.

Als der zierliche Marokkaner am 17. Oktober erfuhr, dass er der Gewinner des diesjährig erstmals verliehenen Raif Badawi Awards sei, war er sehr dankbar, sagte er beim Gespräch mit der Spiegel-Redakteurin Helene Zuber in Hamburg – beide sprechen perfektes Französisch.

Der Preis honoriert seine unabhängige und profunde Arbeit als Journalist, die sich kritisch mit dem marokkanischen Regime auseinander setzt und immer wieder Menschenrechtsverletzungen öffentlich machte. Dabei überschreitet Anouzla regelmäßig rote Linien und scheut nicht davor zurück, die Institution der „exekutiven Monarchie“ und ihre Politik zu kritisieren. Auch die Art und Weise, wie die Mächtigen Marokkos den Konflikt um die Westsahara im Süden des Landes managen, stellt Anouzla infrage. Nach Ansicht von Beobachtern hat ihm diese Unerschrockenheit im September 2013 eine politisch motivierte Anklage wegen angeblicher Apologie und materieller Unterstützung des Terrorismus eingebracht. Anouzla drohen bis zu 20 Jahren Haft. Allerdings stehen der Award und sein diesjähriger Preisträger auch stellvertretend für die vielen mutigen Journalisten auf der Welt, die durch die Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in ihren Heimatländern, jeden Tag aufs Neue ein großes Risiko eingehen und ihre Meinung äußern.

Seit 26 Jahren ist Ali Anouzla Journalist. Er hat bereits verschiedene Magazine gegründet und viel publiziert. Die Zeitungen wurden wirtschaftlich erstickt, weil durch Druck auf Anzeigenkunden keine Werbung aquiriert werden konnte oder wegfiel.

Ali Anouzla

Die marokkanische Regierung hat es erreicht, dass jegliche Modelle der Pressefreiheit zerstört wurden.

Ali Anouzla

Wenn man die Verfassung genau liest, bemerkt man, dass noch immer der König die wichtigste Figur ist. Er trifft alle wichtigen Entscheidungen und hält das wirtschaftliche, juristische, legislative und exekutive Monopol im Staat. Das große Paradoxon in seinem Land sei, dass das Volk sich als Subjekt behandeln lässt, sagt Anouzla. Viele Marokkaner würden in dem Glauben leben, dass es richtig sei, fremdbestimmt zu werden. Diese Tatsache mache es dem Regime sehr einfach, so Anouzla. Auf die Frage einer Studentin im Hörsaal der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, ob und wie für seine Sicherheit und Unversehrtheit nach dieser Deutschlandreise garantiert werden könne, lächelt Anouzla nur. Er schaut seinen Dolmetscher an und zuckt mit den Schultern.

Ali Anouzla

Wenn ich Angst hätte, dann säße ich nicht hier. Wir sind keine Aktivisten, keine Radikalen, keine Fanatiker.

Preisträger Ali Anouzla in der Diskussion mit Studierenden der CAU Kiel

Sie sind vielmehr unabhängige freiheitlich denkende und arbeitende Journalisten, die ihre Meinung nach außen geben. Sie sind keine Politiker, die eine Agenda haben, sondern nur freie Menschen, die ihre Gedanken äußern. Was die Menschen aus seinen Worten machen würden und wie sie sie verstünden, darauf könne er keinen Einfluss nehmen, so Anouzla. Eine schwarze Liste mit Themen, die beim Schreiben tabu sind, gibt es nicht. Diese nicht vorhandene Liste ändert sich täglich. An einem Tag kann man über ein Thema schreiben, das am Vortag noch verboten war. Ali Anouzla beschreibt dieses Risiko mit dem Bild eines Minenfeldes – man kann niemals sicher sein, wann und wo das nächste Thema für eine Explosion befördert. Anouzlas Website lacome.com wurde zum letzten Mal 2013 gesperrt; derzeit ist sie wieder frei. Täglich hat seine Seite über hunderttausend Besucher. Das sei das Praktische des Internets: es ist günstiger, öffentlicher und unabhängiger als eine Redaktion im traditionellen Sinne.

Wieder gehen zahlreiche Arme in die Höhe – es gibt noch viele drängende Fragen. Ali Anouzla zeigt sich begeistert und tief bewegt von der Anteilnahme an seinem, aber vor allem auch an Raif Badawis Schicksal. Was er sich von der Bundesrepublik und anderen westlichen Ländern wünschen würde, lautet die nächste Frage. Anouzla überlegt einige Momente und trifft dann eine zuerst überraschende Aussage, denn der Fragende spielte auf Militärgeschäfte zwischen den Ländern und wirtschaftliche Interessen an.

Ich würde mir wünschen, dass der Westen nicht ausschließlich die offizielle Seite hört. Beide Seiten müssen gehört werden. Dann ist es gerecht und wir überlassen den Menschen selbst, wie sie mit den Informationen umgehen.

Ali Anouzla

Es sei seine Aufgabe und Pflicht, dafür zu sorgen, dass für die Freiheit gesprochen werde. Er und seine Kollegen müssen mit gutem Beispiel voran gehen und die Mauer der Angst mit ihrer Arbeit durchbrechen. "Ich spreche nur die Wahrheit", sagt er.

Anouzla blickt in die Runde der Kieler Studenten und nickt allen freundlich zu. Er hat zum Abschluss der Diskussion noch eine große Bitte. „Zeigen Sie Ihre Unterstützung für Badawi und seine Familie. Die Öffentlichkeit hilft ihm und seiner Frau sehr und unterstützt alle Journalisten. Ich danke der Friedrich-Naumann-Stiftung für das große Engagement. Jetzt machen wir Bilder mit dem Hashtag „freeRaif“.“

Nach den vielen Interviews ging es für Ali Anouzla weiter zur Preisverleihung. Der Raif Badawi Award for courageaous journalists wurde von Badawis Ehefrau Ensaf Haidar und der international media alliance ins Leben gerufen, um Badawis Kampf weiterzuführen und herausragende Leistungen für die Meinungsfreiheit zu ehren. Mitträger des Raif Badawi Award ist die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Der Award wird darüber hinaus finanziell durch den Bundesmedienball, den Börsenverein des Deutschen Buchhandels sowie die Ullstein Buchverlage gefördert und durch Reporter ohne Grenzen unterstützt. Entsprechend wurde im feierlichen Rahmen der erste Raif Badawi Award for courageous journalists an Ali Anouzla verliehen. Eine achtköpfige Jury hatte Anouzla wegen seiner hintergründigen und unabhängigen Berichterstattung ausgewählt.

 

In seiner Danksagung unterstrich Anouzla die Bedeutung des Preises für seinen persönlichen Weg und gedachte besonders Raif Badawi: „Ich bin ergriffen und sehr bewegt seitdem ich erfahren habe, dass ich mit diesem renommierten Preis ausgezeichnet werde. Mein erster Gedanke gilt dem Namensgeber Raif Badawi in seiner weit von uns entfernten Zelle und seiner Familie, ganz besonders seiner mutigen Frau. Gleichzeitig bin ich stolz auf diese Auszeichnung, die der Freiheit gewidmet ist. Freiheit ist niemals eine sichere Angelegenheit für die Ewigkeit, selbst in den demokratischsten und liberalsten Ländern unserer heutigen Welt. Sie ist, wie alle kostbaren Werte, zerbrechlich und muss stets durch Bildung erhalten, durch Wissen geschützt und durch unseren Mut, sie jeden Tag voll und ganz auszuleben, gewahrt werden. Gleichsam ein Manifest unserer Vernunft. Dieser Preis ist auch für meinen persönlichen Weg sehr wertvoll. Er würdigt die Pressefreiheit, Garant der Demokratie. Denn sie ermöglicht uns, andere Freiheiten zu schützen und zu verteidigen, wenn diese verletzt oder angegriffen werden“, so Anouzla.

Ali Anouzla

Es gibt wenige unabhängige Journalisten. Ich bin einer davon.

Ali Anouzla
Raif Badawi Award for courageous journalists
Die Preisverleihung wurde von RTL-Moderatorin Annett Möller und Constantin Schreiber, Herausgeber des Buches „1.000 Peitschenhiebe“ mit Texten von Raif Badawi, moderiert. Tina Merkau
Constantin Schreiber von der ima

Wir sind stolz darauf, dass Ensaf Haidar und Ali Anouzla heute Abend bei uns sind.

Constantin Schreiber

Ensaf Haidar, die Ehefrau von Raif Badawi, überreichte den Preis und betonte, wie wichtig die Auszeichnung für sie und ihren Mann sei. „Wir möchten mit dem Preis denjenigen helfen, die sich wie Raif für ihren Einsatz für Freiheit in Gefahr gebracht haben. Der Fall von Ali Anouzla hat mich sehr beeindruckt.“

Vorstandsmitglied und Bundesministerin a.D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagte im Namen der Stiftung: „Die unabhängige Jury hat mit Ali Anouzla einen – wie ich finde – ganz besonders würdigen Preisträger ausgewählt. Sein Mut und seine Unbeugsamkeit sind uns ein Ansporn und eine Verpflichtung zugleich – für unsere weltweite Arbeit, aber auch für unser Leben hier in Deutschland.“

Raif Badawi Award for courageous journalists
Ali Anouzla, Ensaf Haidar und Sabine Leutheusser-SchnarrenbergerTina Merkau

Zum Abschluss seines Deutschlandbesuchs kam Ali Anouzla, zusammen mit Raif Badawis Ehefrau Ensaf Haidar, in die bayerische Landeshauptstadt München, um auch hier vor zahlreichen Gästen auf einer Matinée ihm zu Ehren die Situation der Presse- und Meinungsfreiheit in seinem Heimatland Marokko zu schildern. Vor knapp einhundert Zuhörern gelang es ihm anschaulich darzulegen wie wichtig der Raif Badawi Award für ihn und seine tägliche Arbeit ist: „Es erfüllt mich mit großem Stolz und ist eine moralische Unterstützung für mich und meine Kollegen, die tagtäglich für die Pressefreiheit in politischen Systemen kämpfen."

Ali Anouzla in München bei der Friedrich-Naumann-Stiftung

Durch die große internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung fühle ich mich sehr in meiner Arbeit bestärkt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ali Anouzla

In mehreren Pressegesprächen am Rande seines München-Besuchs waren die Journalisten auch stark daran interessiert wie es denn dem Namensgeber des Raif Badawi Awards aktuell geht. Werden die Auspeitschungen fortgesetzt? Darf er Kontakt zu seiner Familie aufnehmen? Wie ist seine psychische Verfassung? Raifs Ehefrau Ensaf Haidar, die seit Jahren couragiert und unermüdlich dafür kämpft, dass das Schicksal ihres Mannes im Fokus der Öffentlichkeit bleibt, beschreibt wie es ihr und ihrem Mann aktuell geht:

„Wir dürfen einmal pro Woche für nur wenige Minuten telefonieren. Unser beider Leben ist von Angst und Hoffnung bestimmt. Die Angst vor erneuten Auspeitschungen bleibt dabei immer. Daher ist es so wichtig, dass mein Mann in der Öffentlichkeit präsent bleibt und nicht in Vergessenheit gerät."

Ensaf Haidar

Wir sind sehr dankbar, dass uns so viele Menschen und Organisationen weltweit dabei helfen und sich für mich und meinen Mann einsetzen.

Ensaf Haidar