"Er war das liberale Gesicht dieses Landes"

Internationales Symposium zu Ehren von Hans-Dietrich Genscher

Nachricht27.03.2017
Das Auswärtige Amt und die Stiftung für die Freiheit hatten in den Weltsaal geladen, um Hans-Dietrich Genscher zu ehren.
Das Auswärtige Amt und die Stiftung für die Freiheit hatten in den Weltsaal geladen, um Hans-Dietrich Genscher zu ehren.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Drei Tage vor seinem ersten Todestag wurde Hans-Dietrich Genscher im Rahmen eines internationalen Symposiums als Versöhner, Gestalter und Visionär geehrt. Wichtige Fragen dabei: Was haben wir von Genscher gelernt und was würde Genscher angesichts der aktuellen Weltlage tun? 

"Genscher steht wie kein anderer für eine kluge Europapolitik“, so begründete Außenminister Sigmar Gabriel die Entscheidung, das bisherige Europa-Forum im Auswärtigen Amt am Werderschen Markt in Berlin in Hans-Dietrich-Genscher-Forum umzubenennen. Und mehr als das: "Er war das liberale Gesicht dieses Landes", fasste Gabriel zusammen. Im kleinen Kreis bildete die Umbenennung des Raumes den Auftakt des Genscher-Symposiums, das das Auswärtige Amt (AA) und die Stiftung für die Freiheit gemeinsam veranstalteten. Mit dabei war auch der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel, den insgesamt 46 Jahre Zusammenarbeit und Freundschaft mit Genscher verbanden und der ihn als „Meister des Gesprächs“ lobte, der „dort wo es Gegensätze zu überwinden galt, immer erst einmal Gemeinsamkeiten herausstellte.“ Barbara Genscher freute sich über diese besondere Ehrung ihres verstorbenen Mannes und betonte, dass das Erstarken pro-europäischer Stimmen – wie die momentanen europaweiten sonntäglichen Zusammentreffen – ihn gerade vor dem Hintergrund der aufgewühlten politischen Lage besonders gefreut hätte.

Aus Deutschland und aller Welt waren Freunde, Kollegen und Wegbegleiter des ehemaligen Außenministers nach Berlin gekommen, um an Genschers Lebenswerk zu erinnern. „Wenige Menschen haben die Bundesrepublik nachhaltig so geprägt wie Genscher“, unterstrich Außenminister Gabriel auch noch einmal, als er später alle Gäste des Symposiums in seinem Haus begrüßte. Des Weiteren verwies er auf den „Liberalismus als eine große Tradition, die das Land bewahren sollte“ und „Genscher als den Inbegriff von Liberalität, wie wir ihn uns als Deutsche nur wünschen können.“

Sigmar Gabriel erinnerte an Genscher und an die liberale Tradition Deutschlands.
Sigmar Gabriel erinnerte an Genscher und an die liberale Tradition Deutschlands.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Karl-Heinz Paqué, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stiftung für die Freiheit, der den kurzfristig erkrankten Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Gerhardt vertrat, stellte in seiner Begrüßung fest: "Hans-Dietrich Genscher war ein Verantwortungs- und Versöhnungspolitiker". Er hat aber auch gezeigt, dass "Politik manchmal sehr lange Wege gehen muss, um erfolgreich zu sein". Wichtig in diesem Prozess: "Genscher hörte den Bürgern zu, er sagte ihnen aber auch, was sie wissen sollten". Paqué erinnerte zudem daran, dass Europa ein Integrationsprojekt und nicht nur ein Binnenmarkt ist – eine Ansicht, die auch Genscher immer vertreten hatte.

Genscher-Symposium

Genscher hörte den Bürgern zu, er sagte ihnen aber auch, was sie wissen sollten.

Karl-Heinz Paqué

In den darauffolgenden Impulsvorträgen machten Taavi Roivas, ehemaliger estnischer Ministerpräsident, und Dieter Kastrup, Staatssekretär a. D., noch einmal deutlich, welch wichtige Bedeutung Genschers Wirken bis heute hat.

Roivas, der bis zu seinem zehnten Lebensjahr selbst hinter dem Eisernen Vorhang gelebt hatte, lag es besonders am Herzen, dass „Freiheit und das Leben in einem freien Land niemals für selbstverständlich erachtet werden sollten“. „Ich bin Genscher persönlich dankbar, dass er einer der mutigen Menschen war, der mir diese Art Leben ermöglicht hat“. Genschers Erbe dauert für Roivas bis heute an: „Genscher inspiriert auch noch Politiker meiner Generation – Europa braucht starke, lenkende Persönlichkeiten wie Genscher eine war.“

Genscher-Symposium

Genscher inspiriert auch noch Politiker meiner Generation.

Taavi Roivas

Kastrup, der selber 18 Jahre unter Genscher im Auswärtigen Dienst gearbeitet hatte, stellte fest: „Genscher hat den Auswärtigen Dienst geprägt wie niemand zuvor“. „Das AA war ‚sein’ Haus“. Er erinnerte sich an viele gemeinsame Reisen und vor allem an Genschers „Humor, der ihn nie verließ – auch nicht, in schwierigen Situationen.“

Während der Pause wurde die Fotoausstellung "Hans-Dietrich Genscher – Stationen eines politischen Lebens" der Stiftung für die Freiheit eröffnet. Eindrucksvolle Bilder aus mehr als fünf Jahrzehnten erlauben Besuchern hier einen Eindruck in verschiedene Lebensabschnitte des „Architekten der deutschen Einheit“. Die Ausstellung wird in den kommenden Monaten in verschiedenen deutschen Städten zu sehen sein.

Den zweiten Teil des Symposiums bildeten zwei Panels zu den Themen "Hans-Dietrich Genschers Ziel einer Gesamteuropäischen Friedensordnung" und "Hans-Dietrich Genscher als Verantwortungs- und Versöhnungspolitiker". 

Dialog statt Isolisation

Zuerst diskutierten Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Michael Georg Link, ODIHR-Direktor, Fyodor Lukyanov, Chefredakteur "Russia in Global Affairs" und Dimitrij Rupel, ehemaliger Außenminister Sloweniens, über Genschers Arbeit für den Weltfrieden. Moderiert wurde dieses erste Panel vom ehemaligen Tagesschausprecher Ulrich Wickert. 

Für Ischinger war klar, dass Vertrauen in Genschers Politik zentral war. In Bezug auf die aktuelle Situation der transatlantischen Beziehungen zu den USA ist er der Meinung, dass Genscher alles versucht hätte, um weiterhin an einem Dialog festzuhalten. Eine breite Lobby-Arbeit wäre demnach der „Genscher-Approach“, so Ischinger. Auf Europa angesprochen, meinte der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz: „ Die EU ist in einem Zustand, in dem homöopathische Globuli nicht mehr helfen. Hier braucht es einen sichtbaren, inspirierenden Schritt.“

Wolfgang Ischinger, Fyodor Lukyanov, Dimitrij Rupel und Michael Georg Link diskutierten zusammen mit Ulrich Wickert über Genschers Friedenspolitik.
Wolfgang Ischinger, Fyodor Lukyanov, Dimitrij Rupel und Michael Georg Link diskutierten zusammen mit Ulrich Wickert über Genschers Friedenspolitik.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Link stimmte ihm zu, dass Genscher, der große Europäer, es wagte groß und anspruchsvoll zu denken. Er war es, der die transatlantischen Beziehungen und die Europäische Union vorangetrieben und zur Grundlage seiner Politik gemacht hat.

Für Lukyanov waren natürlich besonders die russischen Themen von großer Bedeutung: "Genscher hat Russland ernst genommen", lobte er und kritisierte die aktuelle Isolation des Westens gegenüber der russischen Regierung und dem russischen Volk. 

Ähnlich betonte auch der ehemalige slowenische Außenminister Rupel: "Genscher hat den Osten verstanden." 

Diplomatischer Vermittler

Im zweiten Panel tauschten sich Karen Donfried, Direktorin des German Marshall Fund of the US, Claire Demesmay von der DGAP, Adam Rotfeld, ehemaliger Außenminister Polens, und Irmgard Schwaetzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zusammen mit dem ehemaligen Zeit-Herausgeber Theo Sommer über Genschers versöhnende Rolle und sein großes diplomatisches Geschick aus. Fähigkeiten, die in Anbetracht der heutigen außenpolitischen Herausforderungen, gefragter sind als je zuvor.

Für Donfried war es besonders wichtig hervorzuheben, dass Genscher beispielhaft für die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA war. Für sie „hatten die Vereinigten Staaten nie einen besseren Verbündeten, um den Kalten Krieg zu beenden“. Er war "ein Gestalter nicht Verwalter", fügte sie hinzu.

Karen Donfried, Claire Demesmay, Adam Rotfeld und Irmgard Schwaetzer sprachen mit Theo Sommer über Genschers besonderes diplomatisches Geschick.
Karen Donfried, Claire Demesmay, Adam Rotfeld und Irmgard Schwaetzer sprachen mit Theo Sommer über Genschers besonderes diplomatisches Geschick.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Auch Rotfeld betonte Genschers besondere Stärke: "Ein anderer wäre vielleicht nicht so erfolgreich gewesen. Seine Idee war es, Europa stark zu machen." 

Für Irmgard Schwaetzer war es vor allem die "Menschlichkeit, die durch seine Taten sprach", die in guter Erinnerung geblieben ist. "Für Genscher waren persönliche Beziehungen besonders wichtig. Denn vertrauensbildende politische Maßnahmen sind basieren auf persönlichem Vertrauen." 

„Genscher hat sich immer als Vermittler gesehen“, so Claire Demesmay von der DPAG, „ein Talent, dass man gerade in unserer aktuellen Zeit so dringend braucht wie nie.“

Reden, Impulse und Diskussionsrunden an diesem Vormittag machten klar: Genschers Wirken hat nicht nur das Auswärtige Amt und die Bundesrepublik geprägt, sondern auch bleibende Erinnerungen bei jedem Einzelnen hinterlassen. Sein großer Einsatz für Frieden und Freiheit wird deshalb auch in Zukunft fortbestehen.

"Er war das liberale Gesicht dieses Landes"

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit