"Er hat weltweit großes Vertrauen für Deutschland geschaffen."

Hans-Dietrich Genscher erhält 2006 den Freiheitspreis der Stiftung

Nachricht15.04.2016
Hans-Dietrich Genscher mit Jürgen Morlok (links) und Wolfgang Gerhardt (rechts).
Hans-Dietrich Genscher mit Jürgen Morlok (links) und Wolfgang Gerhardt (rechts).Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Viele Jahrzehnte habe Genscher den liberalen Kurs in der Außenpolitik geprägt, den Kurs in einem Politikfeld, „in dem jeder mitredet, weil jeder meint dort Fachmann zu sein“. Manchmal jedoch habe Genschers Kurs auch die eigenen Parteifreunde überfordert, erinnert von Weizsäcker an die „Bonner Wende“ von 1982, dem Koalitionswechsel der FDP von den Sozial- zu den Christdemokraten, der auch zu einem guten Stück außenpolitisch bedingt war und in dessen Spätfolge der damals amtierende Außenminister wenige Jahre später als Parteivorsitzender nicht mehr antrat. In den folgenden Jahren erlebte Genscher jedoch mit dem Fall der Mauer und damit letztlich der Freiheit für alle Deutschen die „Früchte seiner Politik reifen“ (von Weizsäcker). Die deutsche Einheit habe er mit dem Abschluss der „2+4-Verhandlungen“ außenpolitisch vorbereitet. Dabei sei in Moskau manche etwas grobschlächtige Äußerung aus dem deutschen Kanzleramt zu glätten gewesen. So ehre die Stiftung mit ihrem Freiheitspreis nun einen Politiker, der bis heute weltweit großes Vertrauen für Deutschland geschaffen habe und dieses auch heute noch genieße.

In seiner Dankesrede beschrieb Genscher, dass für ihn der Begriff der Freiheit immer die Basis seiner Arbeit gewesen sei. So habe ihn vor seinem Parteieintritt ein liberaler Redner beeindruckt, der den Liberalismus als die umfassende Alternative zu Diktaturen ausgerufen hatte. Genscher erinnerte an liberale Studenten aus dem Osten, die Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts gegen Unfreiheit und die sowjetischen Besatzungsmächte gekämpft hatten und unter diesen leiden mussten – so wurde Arno Esch erschossen und musste Wolfgang Natonek über viele Jahre „einsitzen“. 30 Jahre später sei die Mauer vom Osten Deutschlands aus zum Einsturz gebracht worden. Es sei ein langer Weg vom ersten Deutschen Parlament in der Frankfurter Paulskirche zur Nikolaikirche in Leipzig mit ihrer erfolgreichen Revolution gewesen. „Was wäre passiert, wenn sich 1848 das Paulskirchen-Parlament mit seinen Idealen hätte durchsetzten können?“, fragte Genscher.

Hans-Deitrich Genscher bekommt 2006 von der Stiftung den Freiheitspreis verliehen.

„Es kann Ihnen nichts passieren, Frau Weizsäcker, wenn ich bei Ihnen bin. Ein Meister ist noch nie vom Himmel gefallen. Auf den strengen Blick von Weizsäckers habe ich dann gesagt: Ich weiß natürlich nicht, was passiert, wenn zwei Meister im Flugzeug sitzen." 

Hans-Dietrich Genscher in seiner Dankesrede über eine gemeine Flugreise mit dem Präsidentenehepaar nach Moskau

Der ehemalige Außenminister hielt sich aber nicht lange mit Vergangenem auf und skizzierte stattdessen Grundpfeiler einer „multipluralen Weltordnung“, basierend auf „Menschenwürde, Freiheit und Demokratie“. Die Staatskunst sei es, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass diese Weltordnung friedliche entstehe. „Krieg ist nur das letzte Mittel, die Ultima Ratio“, so der Liberale. Genscher mahnte mit Blick auf Menschenrechtsverletzungen im Ausland und Einschränkungen der Grundfreiheiten, bei der Bekämpfung der Intoleranz dürfe „rechtsstaatliches Denken nicht zu kurz kommen“. Die Verletzung von Grundrechten beschädige die Brandmauer gegenüber der Intoleranz.

Zwei ehemalige Außenministerkollegen Jiří Dienstbier (Tschechoslowakei) und Krzysztof Skubiszewski (Polen), ein weiterer ehemaliger Außenminister (Klaus Kinkel) und viele andere Weggefährten aus Genschers aktiver Zeit konnten sich davon überzeugen, dass mit der Auszeichnung Genschers, eine Persönlichkeit den Preis erhält, die nicht nur den Anspruch der Juryvorsitzenden und Wirtschaftsjournalistin Karen Horn erfüllt, „Impulse für die Entwicklung einer liberalen Bürgergesellschaft gegeben“ und so „zur Fortentwicklung freiheitlicher Ziele und Werte in Deutschland und in Europa“ beitragen zu haben, sondern die dies immer noch tut. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Vorstandsvorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung Dr. Wolfgang Gerhardt mit der Preisverleihung an Genscher dem selbst gesteckten Ziel einen Schritt näher gekommen ist, mit dem Freiheitspreis „zur Renaissance der Verantwortung in Freiheit“ beizutragen.

Hans-Deitrich Genscher bekommt 2006 von der Stiftung den Freiheitspreis verliehen.

„Herr von Weizsäcker, Sie haben eben gesagt, dass ich mal mahnend den Zeigefinger gehoben habe. Das beruht auf Gegenseitigkeit.“

Hans-Dietrich Genscher in seiner Dankesrede

Aus der Begründung der Jury für die Preisverleihung an Genscher

„Sein mutiges Eintreten für eine neue Deutschlandpolitik, seine Überzeugung von und sein Mitwirken in der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der so genannten Helsinki-Konferenz, hat entscheidende Impulse für die Überwindung der Spaltung Europas und damit auch für die Überwindung der Teilung Deutschlands gegeben. Seine Beharrlichkeit gegenüber Widerständen und sein Wille auch über Tabus hinwegzuhelfen und Vertrauen zu bilden haben dabei Charakter und Haltung eines großen Politikers sichtbar gemacht“

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Genscher

Wie kaum ein anderer war Hans-Dietrich Genscher in der Lage, politische Ziele mit dem zu verbinden, was man immer als handwerkliche Fertigkeit beschreibt, um sie auch erreichen zu können. Seine Unerschütterlichkeit ist am Ende mit der Überzeugung vieler belohnt worden, dass er unser Land in Bündnisfähigkeit, europäische Integration und Weltoffenheit sicher und verlässlich steuerte. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat in Hans-Dietrich Genscher immer einen großen Unterstützer gehabt. Mehr