"Einstellungsveränderungen kommen nicht über Nacht"

Im Gespräch mit Jörg Litwinschuh, geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Meinung27.10.2016
Bundesstiftung Magnus Hirschfeld / Sabine Hauf
Bundesstiftung Magnus Hirschfeld / Sabine Hauf

Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld spricht der geschäftsführende Vorstand, Jörg Litwinschuh, auf freiheit.org über Toleranz in der Gesellschaft und seine schönsten Erfahrungen in der Stiftung.

Als geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) kämpfen Sie beruflich gegen Homophobie und Diskriminierung. Wie offen und tolerant sehen Sie unsere Gesellschaft heute?

Wir engagieren uns in der BMH gegen jedwede Form der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität von Menschen. Bei der Akzeptanz von sexueller Vielfalt gibt es große Fortschritte in Deutschland, aber auch Entwicklungen, die mir Sorgen bereiten.

Sind das langfristige Entwicklungen?

Einstellungsveränderungen kommen nicht über Nacht: Antidiskriminierungsarbeit ist eine langfristige Arbeit, die durch den Staat befördert, aber auch verlangsamt werden kann. Es ist wichtig, dass Menschen die gleichen Rechte haben. Ich nenne Ihnen zwei Beispiele: Bundesjustizminister Heiko Maas legt einen Gesetzentwurf vor, der nach § 175 StGB verurteilte Männer rehabilitieren wird: Dass ist ein sehr wichtiges Signal in die Gesellschaft hinein, dass der Staat Unrecht begangen und eine Schutzfunktion für seine Minderheiten hat. In den Schulen und im Internet ist das Wort „schwul“ als Schimpfwort in aller Munde, obwohl viele Schülerinnen und Schüler gar nicht wissen, wie Lesben und Schwule leben, wie ähnlich ihre Leben den ihren sind. Hier ist Aufklärung wichtig, aber in viel zu wenig Bundesländern ist Vielfaltspädagogik Pflicht. Es verwundert nicht, dass dann Menschen heranwachsen, die Vielfalt als Bedrohung empfinden und ihre Ängste in Hass und Gewalt ausdrücken.

Sie leben und arbeiten in Berlin, deutschland- und weltweit bekannt für seine Offenheit. Ist Berlin eine Insel oder Vorreiter für die offene Gesellschaft in Deutschland?

Berlin zieht Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie queere Menschen (abgekürzt LSBTTIQ) aus aller Welt an. Darauf kann Berlin stolz sein. Ich würde jedoch nicht von einer Vorreiterfunktion Berlins sprechen, da man in allen Teilen Deutschland auf liberale Menschen trifft. Und eines darf man nicht vergessen. Auch in Berlin gibt es Menschen und Institutionen, die Homo- und Transsexuelle ablehnen und sogar bekämpfen – das zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft. Deswegen muss jeder engagierte Bürger und jede engagierte Bürgerin weiter für die Vielfalt in unserer Gesellschaft kämpfen. Die offene Gesellschaft ist kein Selbstläufer.

Noch immer gibt es keinen aktiven schwulen Fußballspieler in der Bundesliga, der sich outet. Woran liegt das?

Thomas Hitzlsperger ist Botschafter unseres Bildungsprojekts "Fußball für Vielfalt", Fußball gegen Homosexuellenfeindlichkeit und gegen Sexismus. Ich habe mir erhofft, dass sein Engagement Profis zum Coming-out ermutigt. Solange die Sponsoren und die Verbände nicht laut und klar „Outet Euch!“ sagen, wird sich niemand bekennen. Dafür habe ich ein gewisses Verständnis. Wer sägt den Ast ab, der ihn trägt? Daher ist es Ziel unserer Stiftung, den DFB, die DFL, die Sportsponsoren, die Sportpolitik für eine echte, nachhaltige Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu gewinnen. Dann kann der Weg geebnet werden, dass auch die versteckt lebenden Profispielerinnen und -spieler endlich ihre schrecklichen „Versteckspiele“ beenden können.

Wie man am Beispiel der Rehabilitierung der Opfer des Paragrafen §175 StGB, aber auch beim vollen Adoptionsrecht für Lesben und Schwule sieht, tut sich die deutsche Politik nach wie vor mit Gleichstellung schwer. Wie ist Ihre Bilanz der politischen Zusammenarbeit als Bundesstiftung der letzten 5 Jahre?

Ich bin der FDP sehr dankbar, die die treibende Kraft für die Gründung unserer Stiftung war. Bei der Einschätzung der deutschen Politik sehe ich Ihre Bewertung aber differenzierter: Wir stehen kurz vor einer Verabschiedung eines Aufhebungsgesetzes, dessen Entwurf  Bundesjustizminister Heiko Maas  vorgelegt hat. Diesem Gesetz wird sich auch die Union nicht mehr widersetzen. Die Gleichstellung zum Beispiel bei der Ehe wird in der Tat noch von vielen in der Union abgelehnt – aber nicht nur dort: In allen Fraktionen gibt es Abgeordnete, die bremsen. Trotzdem bin ich optimistisch: Die rechtliche Gleichstellung ist nur noch eine Frage der Zeit. Eine gesellschaftliche Gleichstellung ist damit noch lange nicht erreicht. Rechtspopulisten und viele Politiker in der AfD kämpfen gegen die Gleichstellung oder wiegeln gegen Muslime auf. Hier sehe ich aktuell die größte Gefahr für unsere Demokratie.

Was waren Ihre tollsten und Ihre traurigsten Erfahrungen mit der Bundesstiftung seit der Gründung?

Es gab so viele wundervolle Momente: Glücklich war ich, als Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) am 23. Juni 2013 erstmals in der Bundesrepublik mit Rudolf Brazda einen schwulen Mann stellvertretend für alle Opfer der Nazidiktatur im Deutschen Nationaltheater in Weimar mit einem Staatsakt würdigte. Die Idee dazu entstand während meines Antrittsbesuchs in einem Gespräch mit Frau Lieberknecht in der Thüringer Staatskanzlei in Erfurt. Dankbar war ich auch, als ich erfuhr, dass Bundesminister Maas die Union gewinnen konnte, einer Rehabilitierung der § 175 StGB-Opfer zuzustimmen. Eine meiner traurigsten Erfahrungen war, dass sich Lesben und Schwule in der AfD und in weiteren rechtspopulistischen Vereinigungen engagieren und nicht merken, dass sie gegen sich selbst arbeiten. Traurig bin ich auch darüber, dass viele schwule Männer ihre Rehabilitierung nicht mehr erleben werden. Gut finde ich die Gesetzesplanung, dass auf Antrag Angehörige die Urteile des Verstorbenen posthum aufheben lassen können.

Im "Archiv der anderen Erinnerungen" der BMH berichten Zeitzeugen von ihrer Diskriminierung und ihrem Leid. Was können wir von diesen Menschen und ihren Erfahrungen lernen?

Laut einer aktuellen Studie identifizieren sich fast 11 Prozent aller Deutschen nicht als heterosexuell  - das ist der höchste Wert der befragten Staaten in Europa. Es werden wahrscheinlich nicht mehr LSBTTIQ-Menschen geboren, aber immer mehr von ihnen verleugnen sich nicht mehr, da sie in dieser Gesellschaft mehr Unterstützung und Akzeptanz als früher erfahren. Für mich gibt es nichts Beeindruckenderes, als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zuzusehen bzw. -zuhören. Wir können lernen, dass sich Repression und Verfolgung jederzeit wiederholen können. Wir sehen aber auch die wundervolle Vielfalt und das große Glück von LSBTTIQ-Lebensweisen.