Geschichte

Eine historische deutsch-polnische Begegnung

Vor 100 Jahren befreite Harry Graf Kessler Józef Piłsudski aus der Festungshaft in Magdeburg

Nachricht26.10.2018Carolin Wilewski
"Der Marschall und der Mann von Welt: Harry Graf Kessler und Józef Pilsudski"
Spannende Dokumentation: „Der Marschall und der Mann von Welt: Harry Graf Kessler und Józef Piłsudski" - rechts Kessler, links PiłsudskiFriedrich-Naumann-Stiftung/Nürnberger

Der eine deutscher Dandy, der andere polnischer Sozialist – ihre Wege kreuzten sich bedeutsam: Ein Film und eine Veranstaltungsreihe erinnern an die Geschichte von Harry Graf Kessler und Józef Piłsudski.

Harry Graf Kessler (1868–1837) war eine schillernde Figur. Als „größter deutscher Dandy" wurde er bezeichnet; man bringt ihn, den Kosmopoliten, mit Paris, London und New York in Verbindung. Doch gerade im vergleichsweise eher beschaulichen Magdeburg kam es zu einer historisch bedeutsamen deutsch-polnischen Begegnung. Fast genau vor 100 Jahren, am 8. November 1918, fand in Magdeburg ein Ereignis statt, dass sogar Eingang in die polnischen Geschichtsbücher fand: Harry Graf Kessler überführte den späteren polnischen Staatschef Józef Piłsudski (1867–1935) aus der Festungshaft in Magdeburg im Auto nach Berlin. Von dort reiste Piłsudski nach Polen weiter. Er wurde dort der erste Staatspräsident der Republik Polen, und Harry Graf Kessler wurde kurz darauf der erste deutsche Gesandte in Warschau. Er blieb nur wenige Wochen, bis schließlich die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern abgebrochen wurden. Diese Ereignisse sind ausführlich in Kesslers mittlerweile wissenschaftlich aufgearbeitetem Tagebuch, das er von 1880 bis zu seinem Tod 1937 führte, dokumentiert.

An diese „kleine, aber bedeutende Episode der Geschichte“, wie Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, sie treffend bezeichnete, erinnerte eine FNF-Veranstaltung, die am Mittwochabend in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt stattfand. In Zusammenarbeit mit der Harry-Graf-Kessler-Gesellschaft e.V. und der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. feierte zunächst der Film „Der Marschall und der Mann von Welt: Harry Graf Kessler und Józef Piłsudski" Uraufführung.* Die 45-minütige Dokumentation von Sabine Carbon, Felix Oehler und Hans von Brescius zeigt ansprechend die historische Begegnung zwischen den beiden Männern, die einander das erste Mal im Oktober 1915 an der Ostfront begegneten – Piłsudski als Anführer polnischer Legionäre, Kessler als deutscher Offizier. Ersterer war aufgrund der Vorbereitung eines Attentats auf den russischen Zaren „der meistgesuchte Terrorist im Zarenreich – oder zumindest unter den Top Ten“, kommentierte Zeithistoriker Włodzimierz Borodziej im Film. Kessler hingegen verkehrte in den obersten Kreisen, seine Schwester war sogar die Patentochter von Kaiser Wilhelm I. Trotzdem war er sogleich von Piłsudski fasziniert. Er sei „der Schöpfer und die Seele der Legion“ gewesen, notierte der Graf in sein Tagebuch. Doch auch wenn laut Historiker Borodziej „der eine Sozialist, der andere Dandy“ gewesen sei – sie hatten eines gemeinsam: „Beide sind Nationalisten.“

Laird M. Easton, Peter Grupp, Sabine Carbon, Karl-Heinz Paqué und Frank Smeddinck
Laird M. Easton, Peter Grupp, Sabine Carbon, Karl-Heinz Paqué und Frank SmeddinckFriedrich-Naumann-Stiftung/Nürnberger

Das deutsch-polnische Verhältnis war bereits seit dem 18. Jahrhundert schwierig. Piłsudski stellte schnell fest, dass die Mittelmächte trotz Kooperation sein Ziel eines unabhängigen polnischen Staates nicht glaubwürdig unterstützten. Als er, gemeinsam mit seinen Soldaten, den Eid auf den deutschen Kaiser verweigerte, wurde er in Magdeburg in Festungshaft genommen. Dies tat seiner Popularität jedoch keinen Abbruch, vielmehr entwickelte sich in dieser Zeit ein regelrechter Kult um ihn als nationalen Führer Polens – körbeweise kam die Post aus seinem Heimatland. Es war keine unmenschliche Haft, die der Marschall ertragen musste: Er spielte Schach, hatte ein eigenes Häuschen zur Verfügung und sogar einen Freund bei sich, mit dem er politische Diskussionen führen konnte. Doch Haft bleibt Haft. Den Deutschen war bewusst, dass sie ein gewogenes Polen brauchten, um ihre Interessen durchzusetzen – Piłsudski schien hierfür der richtige Mann an der Spitze des Landes zu sein. Denn auch er fürchtete, wie die Deutschen, den Bolschewismus. Außerdem hatte er Kessler versichert, dass er nicht glaube, dass die Polen seiner Generation mit Preußen einen Kampf um Posen und Westpommern austragen würden. Nach Monaten in Magdeburg wurde der Marschall schließlich von Harry Graf Kessler befreit – aus Angst vor der aufkeimenden Novemberrevolution verkleidet und mit gefälschten Ausweisen. So fuhr man in einem Auto durch Brandenburg bei schönstem Sonnenschein; politische Animositäten und die wilde Welt um sie herum waren kurzzeitig vergessen. „Wir waren wie Brüder“, resümierte Kessler später.

Das Haus neben der Festung, in dem Piłsudski inhaftiert war, gibt es so heute in Magdeburg nicht mehr – es wurde kurioserweise abgetragen und zeitweise in Polen wiederaufgebaut –, doch die Erinnerung an die historische Episode soll auch durch diesen Film bestehen bleiben, wofür sich auch die Bürger Magdeburgs einsetzen. Nach dem Film kontextualisierte der Vortrag des führenden Kessler-Biographen Laird M. Easton die polnische Episode im Gesamtwirken des Grafen. Das spannende Referat, das der amerikanische Historiker der California State University auf Deutsch hielt, brachte den Zuhörern die faszinierende, ambivalente Figur Kessler (Sabine Carbon: „Ein Opportunist im besten Sinne") noch näher. Im Anschluss gab es ein Podiumsgespräch zwischen den Professoren Easton und Paqué und der Filmemacherin Sabine Carbon, auch der Historiker und Kessler-Biograph Peter Grupp vom Auswärtigen Amt trug Interessantes zur Diskussion bei. Hierbei spürte man bei allen Diskutanten die Begeisterung für das Thema – etwas, das sie mit dem Grafen verbindet. „Harry Graf Kessler hatte eine ungeheure Begeisterungsfähigkeit für Themen", sagte Paqué. Und für besondere Menschen wie Józef Piłsudski.

Die Veranstaltungsreihe, die in Magdeburg begann, in Berlin Zwischenstation machte und – sehr ähnlich zu der Route Piłsudskis – letztlich in Polen (Krakau und Warschau) ankommen wird, soll auch einen höheren Zweck erfüllen. Prof. Paqué: „Es ist unser Wunsch, mit der Veranstaltungsreihe zur Begegnung zwischen Graf Kessler und Józef Piłsudski auch einen Beitrag zu leisten zur Vertiefung und Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen.“

*Die Organisatoren weisen mit Dankbarkeit darauf hin, dass ihr Bemühen großzügige finanzielle Unterstützung erhalten hat, insbesondere was die Herstellung des Filmes betrifft. Dank gebührt insbesondere der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, Toto Lotto Sachsen-Anhalt sowie der Kloster Bergeschen Stiftung mit Sitz in Magdeburg. Die Veranstaltung wird aus Mitteln der DKLB-Stiftung gefördert.

Carolin Wilewski ist Historikerin und Referentin in der Online-Redaktion der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

 

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