Freiheitspreis

„Ein unermüdlicher Mahner und Kämpfer für die Freiheit und für die Freiheiten in der Demokratie"

Grußwort von Nicoal Beer MdB, anlässlich des Freiheitspreises 2018

Nachricht19.11.2018
Nicola Beer
Nicola Beer MdB, hielt das Grußwort bei der Verleihung des Freiheitspreises 2018.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit/Stephan Flad

Verehrter Preisträger, Herr Bundespräsident Gauck,

verehrte Frau Schadt,

lieber Karl-Heinz Paque,

sehr geehrter Herr Professor Heuss,

Herr Bürgermeister, lieber Uwe Becker,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

 

DER deutsche Freiheitspreis für Joachim Gauck, für unseren früheren Bundespräsidenten. Das ist so naheliegend, so selbstverständlich, so verdient, dass man sich fragt, ob er ihm nicht schon längst auch ohne Verleihung zugewachsen ist.

 

Auch deshalb bin ich heute mit besonders großer Freude gekommen, um Ihnen im Namen des Präsidiums, ja der gesamten Freien Demokratischen Partei unsere herzlichen Glückwünsche zu übermitteln.

 

Joachim Gauck gehört zu denen, die aus tiefster Leidenschaft, unermüdlich, engagiert, vehement, eindringlich, selbstbewusst und letztlich auch drängend für die Freiheit in diesem Land, für die Freiheit in unseren Herzen und Köpfen geworben haben.

 

 

Nicola Beer MdB und Joachim Gauck, Bundespräsident a.D.
Nicola Beer MdB und Joachim Gauck, Bundespräsident a.D.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit/Stephan Flad

Er war und ist weiterhin ein unermüdlicher Mahner und Kämpfer für die Freiheit und für die Freiheiten in der Demokratie, damit auch ein  Ehrenliberaler der Herzen und zugleich ein Ehrenliberaler der Köpfe. Das sind gleich zwei weitere Auszeichnungen über den Freiheitspreis hinaus. Die Sie gewiss ebenfalls mit Würde tragen werden, verehrter Herr Gauck.

 

Müsste man den Prototypen eines Liberalen, eines freien, unabhängigen und gleichzeitig verantwortlichen Menschen erfinden, er wäre es.

 

Joachim Gauck wurde Bundespräsident, und diese Bemerkung sei mir als Generalsekretärin der stolzen freidemokratischen Partei gestattet, weil auch die Freien Demokraten mitgeholfen haben, dass dies so kam.

 

Darauf sind wir stolz. Nicht unseres Beitrages wegen, sondern seinetwegen. Ein wenig vielleicht auch beider Dinge wegen.

 

Joachim Gauck war schon als Pfarrer in Rostock, als Mitglied der Oppositionsbewegung in der DDR, als Abgeordneter in der ersten und einzigen freien Volkskammer der DDR – für Bündnis 90 übrigens – ein Mann der Freiheit.

 

Ein Politiker UND Mensch, für den die Freiheit des Individuums, die Freiheit der Gesellschaft das war, was man ständig neu erringen musste – und auch das wusste er, die man ständig verteidigen musste. Gegen den Obrigkeitsstaat ebenso wie gegen vormundschaftliches Denken. 

 

Joachim Gauck hat eins nie akzeptiert, so scheint mir:

 

Mauern, die ihn eingesperrt haben Mauern, die seine Freiheit, die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger über Gebühr eingeschränkt, ja in der Substanz verhindert haben.

 

Seine tiefe Sehnsucht, seine Liebe, ja seine Leidenschaft für die Freiheit wurzelt in seinem Wunsch, Mauern zu überwinden, um selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu leben. Als freier Bürger in einer freien Republik. Das nenne ich aus tiefer eigener Überzeugung liberal zu sein, liberal zu handeln, Verantwortung zu übernehmen. Auf Französisch gesagt: Gauck est un homme de la liberté.

 

Dieser Ort, die Paulskirche, die Wiege der deutschen Demokratie, bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg aber auch die evangelische Hauptkirche dieser Stadt Frankfurt, scheint mir geeignet für das Geständnis einer Faszination, die der Preisträger auf mich ausübt. Eine Faszination, die auf seinen eigenen Worten beruht, mit denen er Motive für die Wahl seines Studienfaches und seines Berufes beschrieben hatte - ich zitiere:

 

„Anders als die elterliche oder die staatliche Autorität bot der Glaube die Möglichkeit, sich einer Wahrheit anzuvertrauen, die von niemandem befohlen und von niemandem genommen werden konnte. Er vermittelte eine geheimnisvolle Kraft, die uns befähigte, den Minderheitenstatus durchzuhalten, mutig zu bleiben, wo andere sich schon angepasst hatten, und Anständigkeit, Treue und Glauben für wichtiger zu halten als Wohlstand, Karriere oder öffentlichen Erfolg.“

 

Da schimmert sie durch, durch dieses freimütige Bekenntnis, die Freiheit des Christenmenschen, der niemandem untertan ist, der nach dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther frei in allen Dingen ist und sich dennoch, ja deswegen zu jedermanns Knecht macht.

 

Da wird eine Wurzel der großen Wirkung deutlich, die die Worte des Preisträgers schon lange vor seiner Zeit als Bundespräsident im öffentlichen Diskurs hatten: Die Unabhängigkeit, die Freiheit des Geistes, und das Wissen um die Verantwortung, die damit einhergeht. Da sprach einer, der das, was er sagte, selbst erfahren hatte. Und deswegen so überzeugend darüber reden, so überzeugend dafür werben konnte.

 

Unsere Bundespräsidenten waren insgesamt Glücksfälle der Bundesrepublik Deutschland, lieber Herr Heuss. Jeder hat auf seine Art und Weise zum Gelingen dieser wunderbaren Demokratie beigetragen. Und alle hatten sie nur die Kraft, die Autorität, die sprachliche Macht des Wortes.

 

Joachim Gauck auch – aber er verband in einzigartiger Weise die emotionale Kraft der Sprache mit der Kühnheit des Gedanken. Man hörte, dass er zu uns als Bürgern von der Kanzel sprach – aber nicht von oben herab, sondern mitten unter uns. Weil er selbst so von der Strahlkraft der Freiheit überzeugt war, weil er ihre Dimensionen wahrhaft durchdrungen hatte, deswegen konnte er uns überzeugen. Seine Reden waren kühn, sie hatten Pathos, und einen leuchtenden Kern, sie hatten Ausstrahlung. Die Aura der Republik in der agora des freien Wortes.

 

Deswegen gewann der frühere Pfarrer, der Bundespräsident unsere Herzen. Er sprach über Freiheit und begeisterte uns – für sie. Für die Freiheit.

 

Joachim Gauck war der Präsident der Freiheit – und der damit verbundenen Selbstverantwortung. Lebendige Demokratie hieß und heißt für ihn – einstehen. Einstehen für die Freiheiten freiheitlicher Bürger in einer freien Gesellschaft. Das gilt für Deutschland, das gilt für die Welt, das gilt auch für Europa.

 

Wenn ich Wünsche an den Preisträger frei hätte, dann hätte ich einen: Dass sein Schatz erlebter Erfahrung noch mehr, noch stärker unserem Europa zugute käme, als dies bislang schon der Fall war. Unserem Europa mit seinen Fliehkräften um den Kern, mit seiner Zerrissenheit, oft auch Sprach- oder mittlerweile auch Verständnislosigkeit zwischen den Völkern, zwischen Süd und Nord, zwischen Groß und Klein, zwischen West und Ost. Einer der von ihm verantworteten Kirchentage stand unter dem Motto „Brücken bauen“. Das wäre mein Wunsch an den Preisträger, diese Brücken zu bauen, uns zu helfen, diese Brücken zu bauen, wenn ich denn einen haben dürfte. Ich glaube, dieses Europa braucht sie.

 

In Anlehnung an John F. Kennedy hat Joachim Gauck festgestellt: „Frage nicht, was Europa für Dich tun kann, frage Dich, was Du für Europa tun kannst“. Das ist sein Aufruf an uns alle, uns zu engagieren. Das ist seine Leitmelodie von Freiheit und Selbst-Verantwortung. Joachim Gauck war und ist engagiert für die Freiheit.

 

Heute, da ihm zu Recht der Freiheitspreis verliehen wird, endlich verliehen wird, möchte ich schließen mit einer These, die er so wohl noch nicht geäußert hat, aber sehr wohl geäußert haben könnte:

Frage nicht, wer für Dich die Freiheit erringt, erkämpfe und bewahre sie selbst.

 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.