Ein Marktwirtschaftler und Rechtsstaats-Liberaler sui generis

Vor 90 Jahren wurde Otto Graf Lambsdorff geboren

Nachricht19.12.2016Dr. Jürgen Frölich
Otto Graf Lambsdorff beim 29.FDP-Parteitag in Mainz 1978
Otto Graf Lambsdorff beim 29. FDP-Parteitag in Mainz 1978.CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv, B 145 Bild-F054879-0030/ Wegmann, Ludwig

Die politische Vita von Otto Friedrich Wilhelm von der Wenge Graf Lambsdorff lässt sich am besten mit dem ursprünglich ironisch gemeinten, dann zur Ehrenbezeichnung gewordenen Begriff „Marktgraf“ umschreiben: Otto Graf Lambsdorff war ein Marktwirtschaftler durch und durch. Und wenn es einen Ausgangpunkt dafür gab, dann war es die Erfahrung der „Währungsreform“ 1948, die dem in Aachen geborenen, dann schwer kriegsversehrten Nachkommen eines deutschbaltischen Adelsgeschlechts die Möglichkeiten eines freiheitlichen Wirtschaftssystems deutlich machten.

NRW Landtagswahl 1980: Foto eines FDP-Plakates vor dem Innenministerium in Düsseldorf. Das Plakat zeigt Burkhard Hirsch, Gerhart R. Baum, Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Heinz, Liselo
NRW Landtagswahl 1980: Foto eines FDP-Plakates vor dem Innenministerium in Düsseldorf. Das Plakat zeigt Burkhard Hirsch, Gerhart R. Baum, Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Heinz, Liselotte FunckeFoto Darchinger: Nutzungsrecht Friedrich-Naumann-Stiftung. ADL, Audiovisuelles Sammlungsgut, FD-77

Seitdem war Graf Lambsdorff ein überzeugter Anhänger der Wirtschaftskonzeption Ludwig Erhards; anders als dieser sah er allerdings in der FDP diejenige politische Kraft, die am klarsten marktwirtschaftliche Positionen vertrat und der er deshalb 1951 beitrat. Aber Graf Lambsdorff verstand sich nie als ausschließlicher Wirtschaftspolitiker, sondern zugleich als Rechtsstaats-Liberaler, dem Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte sehr am Herzen lagen. So setzte er sich in späteren Jahren mit Nachdruck für die Freiheit der Tibeter oder von politisch Verfolgten in Putins Russland ein. Und nicht ohne Stolz blickte er auf eine Mitwirkung bei den Freiburger Thesen zurück.

Die ehemaligen FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff und Martin Bangemann und ihr Nachfolger Helmut Haussmann im Gespräch (ca. 1988).
Die ehemaligen FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff und Martin Bangemann und ihr Nachfolger Helmut Haussmann im Gespräch (ca. 1988).Foto Darchinger: Nutzungsrecht Friedrich-Naumann-Stiftung. ADL, Audiovisuelles Sammlungsgut, FD-240

Als Nachfolger von Hans Friderichs wurde er im Herbst 1977 Bundesminister für Wirtschaft. In dieser Funktion hatte er maßgeblichen Anteil an der wirtschaftlichen Erholung in den 1980er Jahren, wobei Graf Lambsdorff sich um der Sache willen auch über Koalitionserwägen und -strategien hinweg setzte. Nachdem er 1984 den Posten wegen – nachträglich - umstrittener Praktiken während seiner Zeit als Landesschatzmeister der nordrhein-westfälischen FDP hatte aufgeben müssen, kehrte er im Oktober 1988 mit Aplomb in die erste Reihe der Politik zurück: Er wurde zum FDP-Vorsitzenden gewählt. Knapp zwei Jahre später konnte er einen lang gehegten Traum der Nachkriegsliberalen verwirklichen und die Liberalen in Ost und West in einer Partei mit ihm an der Spitze zusammenführen.

9./10.2.1990 - LDPD-Parteitag in Dresden: Otto Graf Lambsdorff bei einer Ansprache an die Delegierten
9./10.2.1990 - LDPD-Parteitag in Dresden: Otto Graf Lambsdorff bei einer Ansprache an die DelegiertenFoto Darchinger: Nutzungsrecht Friedrich-Naumann-Stiftung. ADL, Audiovisuelles Sammlungsgut, FD-414a

Zwei Jahre nach dem Rückzug von der Parteiführung wurde er 1995 zum Vorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung gewählt. 11 Jahre stand Graf Lambsdorff in dieser Funktion und  wurde so zum Motor bei der  Stabilisierung  der Stiftung und ihrer Profilierung als international beachteter liberaler und ordnungspolitischer Think Tank. Zur Jahrtausendwende verhandelte er im Auftrag der rot-grünen Bundesregierung mit Erfolg über die Wiedergutmachung von ehemaligen Zwangsarbeitern des NS-Regimes in Osteuropa. Beim 60. Geburtstag der FDP im Dezember 2008 hielt er die zentrale und mit viel Beifall versehene Festrede. Fast genau ein Jahr später starb Otto Graf Lambsdorff knapp 83jährig in Bonn. Die große Anteilnahme am Tod des „Marktgrafen“ zeugte einmal mehr von dem hohen Ansehen, welches Otto Graf Lambsdorff weit über den organisierten Liberalismus hinaus genoss und bis heute genießt.