Ein Leben im Käfig

Die türkische LGBTI-Community auf der Suche nach ein bisschen Freiheit

Nachricht18.05.2017Aret Demirci
IDAHOT
Am 17. Mai wird der Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie gefeiert.iStock/ Sami Sert

Seit 2005 wird jedes Jahr am 17. Mai der Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie (kurz IDAHOT) gefeiert. Ziel ist es, internationale Aktivitäten besser zu koordinieren und Respekt für lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Menschen einzufordern. Der 17. Mai wurde nicht zufällig ausgewählt: An jenem Tag im Jahre 1990 strich die Weltgesundheitsorganisationen (WHO) Homosexualität von ihrer Liste der psychischen Krankheiten. Auch in der Türkei wird dieser Tag gefeiert. Parallel zur Gesamtlage des Landes in den letzten Jahren hat sich jedoch auch die Situation der Homo-, Trans- und Bisexuellen – neudeutsch gerne ‘Queers‘ genannt – wesentlich verschlechtert.

Bulut – Die Geschichte  eines türkischen Homosexuellen

Ich treffe mich mit Bulut (Name geändert) im Gezi-Park im Zentrum Istanbuls. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint. Es sind vorsommerliche Bedingungen. Bulut ist Mitte 20 und studiert Geschichte an einer renommierten Universität in Istanbul. Sein Traum war es eigentlich, irgendwann mal in die Politik zu gehen, wenn er mit seinem Studium fertig ist. „Doch daraus wird nichts, in der Türkei kannst du als Schwuler nicht Politiker werden. Wahrscheinlich kannst du nicht einmal einfacher Beamter werden.“ Während er das sagt, starrt er in den Himmel und man merkt ihm an, dass er eigentlich immer noch diesen schier unerreichbaren Traum hat. Sein ernster Blick verrät aber auch, dass er sich mit der Situation abgefunden hat.

Dabei gehört die Türkei zu den wenigen muslimisch geprägten Ländern der Welt, in der Homosexualität nicht gesetzlich verboten ist. Selbst im Vergleich mit einigen westeuropäischen Demokratien, wie z.B. Deutschland, wo bis zum Jahr 1994 „homosexuelle Handlungen“ durch den Unrechtsparagraphen 175 strafbar waren, steht die Türkei wie ein scheinbar demokratischer Fels in der Brandung. Gesetze helfen aber nur wenig, wenn diese von Politikern nicht respektiert, von Richtern nicht verteidigt und von der Bevölkerung nicht akzeptiert werden.

Laut einer Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit wollen etwa 60 Prozent der türkischen Bevölkerung keinen Homosexuellen als Nachbarn und knapp die Hälfte der Gesellschaft betrachtet Homosexualität als Perversion. Zusätzlich zur offenen Abneigung seitens der Mehrheit sind Homosexuelle mit der Angst um das eigene Leben konfrontiert: 2016 gab es insgesamt 43 Morde an Transsexuellen; die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Damit hält die Türkei die traurige Bestmarke in ganz Europa.

Bulut kommt aus einer konservativen Familie aus der zentralanatolischen Stadt Kayseri. Die Stadt, die bis vor hundert Jahren eine der weltoffenen und multikulturellen Zentren des späten Osmanischen Reiches war, ist heute vielleicht die Hochburg der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP. „Bis vor wenigen Jahren war ich noch streng gläubig. Ich kann immer noch bestimmte Passagen des Korans auswendig.“ Er merkte schon früh, dass etwas mit ihm „nicht stimmte“, dass er anders als andere  Jungs war. Seine gesamte Schullaufbahn durchlief er in Kayseri, immer im Abseits, stets auf der Hut. Wirkliche Freunde hatte er unter den Jungs kaum, diese nannten ihn meistens ‘Tunte‘ oder ‘Schwuchtel‘.  „Der Schuldirektor bestrafte einmal mehrere solcher Schüler rigoros, doch das tat er nicht, weil er ein Verständnis für Homosexuelle hatte. Er war der Meinung, dass man niemanden als ‘schwul‘ bezeichnen könne, weil das für ihn die unterste Schublade von Beleidigung war“, sagt Bulut während er für einen kurzen Moment lachen muss – so als ob er immer noch nicht glauben kann, was für ein archaisches Weltbild der Schuldirektor hatte.

Die Genese der türkischen LGBTI-Bewegung: Der Weg vom Untergrund in die Öffentlichkeit

Die türkische Queer-Bewegung durchlief viele Höhen und Tiefen. Zu Beginn der 1900er Jahre war das osmanische Konstantinopel eine Stadt „sexueller Freiheiten“, die auch viele Homo- und Trans-Personen aus Europa anzog, da dort homosexuelle Beziehungen unter Strafe standen: Der berühmt-berüchtigte Paragraf 175 hat seinen Ursprung im ‘Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches‘ vom 15. Mai 1871. Erst durch die Gründung der modernen Türkei 1923 begann die Ächtung von Homo- und Transsexualität, auch wenn auf eine gesetzliche Bestrafung verzichtet wurde. Die neue Republik wollte die rückständige türkische Gesellschaft in wenigen Jahren in den Westen katapultieren; Säkularisierung und Modernisierung wurden von oben forciert. Abweichungen von dem heteronormativen Geschlechtersystem wurden über Jahrzehnte einfach ignoriert. Es herrschte ein laissez faire, solange die Homo- und Transsexuellen im Untergrund blieben. Mit dem brutalen Militärputsch von 1980 nahmen die Repressalien zu; elementare Menschenrechte wie die Demonstrations-, Versammlungs-, Presse- und Meinungsfreiheit wurden stark beschnitten. Auch die Queer-Bewegung bekam ihr Stück ab: Homo- und Transsexuelle, die bis dahin z.B. in Theatern, Musik- und Nachtclubs offen auftreten konnten, wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Als Folge der Repressionen solidarisierten sich die Queers mit anderen ‘Randgruppen‘, wie z.B. den Feministen oder den Linken. In den 90ern folgte dann eine Institutionalisierung der Bewegung. Heute gibt es mindestens 13 LGBTI-NGOs und zahlreiche weitere Initiativen in der Türkei.

Wendepunkt Ausland? Wie die Hoffnung zurückkehrt

Zurück im Gezi-Park: Einen persönlichen Wendepunkt erlebte Bulut während seines Aufenthalts in Deutschland. Als Partner der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit nahm er an einem zweiwöchigen Kurs an der Internationalen Akademie für Führungskräfte (IAF) in Gummersbach teil, und erlebte wie andere Homosexuelle ganz offen mit ihrer Sexualität umgingen. „Ich hatte dort die glücklichsten 15 Tage meines Lebens!“, sagt er und erzählt weitere Details über seinen Aufenthalt in Gummersbach, als wenn dieser erst wenige Tage zurückliegen würde. Gestärkt durch dieses Erlebnis, schaffte er sein Coming-out, das für ihn wie eine Erlösung gewesen sein muss. Die Ängste, Depressionen und Sorgen all der Jahre waren auf einmal verschwunden. Er fühlte sich wie neugeboren.

Der EU-Beitrittsprozess zu Beginn der 2000er Jahre war für viele der lang ersehnte Durchbruch: Die neu gewählte AKP erklärte die Kopenhagener Kriterien zu ihrem Programm, wodurch Reformen zur Verbesserung der Rechtsstaatlichkeit, der Lage der Minderheiten und der Zivilgesellschaft einhergehen sollten. Mit dem neuen Vereinsgesetz bekamen LGBTI-Initiativen endlich den Status einer juristischen Person und konnten als offizielle Vereine gegründet werden. Einen vorerst letzten Höhepunkt erreichte die Bewegung während und nach den Gezi-Protesten im Jahre 2013, eine der größten Protestaktionen in der Geschichte der Türkei. Die Queers waren besonders aktiv daran beteiligt. Die Bewegung verstärkte nun ihre Zusammenarbeit mit anderen Gruppen; politische Parteien wurden intensiver angesprochen. Hauptziel der politischen Arbeit ist es, Gleichheit vor dem Gesetz zu erlangen. Auch wenn es auf Landesebene schwierig aussieht, so sind auf kommunaler Ebene einige positive Entwicklungen zu verzeichnen. Auf der anderen Seite ist eine zunehmend konservative und autoritäre Politik der AKP in den letzten Jahren zu erkennen, die auch die LGBTI-Bewegung betrifft. Während in den Jahren zuvor tausende Schwule und Lesben schrill und laut ungestört durch die Innenstadt von Istanbul ziehen konnten, wurde die sogenannte Istanbul Pride in den letzten zwei Jahren seitens türkischer Behörden untersagt. Nationalistische und islamistische Gruppen drohten offen gegen mögliche Teilnehmer, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen.

Coming-out: Befreiung und Bruch gleichzeitig

Mit seinem Coming-Out fing für Bulut ein neues Leben an: „Einerseits fühlte ich mich befreit. Andererseits hatte ich aber auch Angst, weil ich einen Schritt gewagt hatte, der sich nicht mehr rückgängig machen ließ.“ Er war nun offiziell in der Welt der Schwulen und Lesben angelangt. Er bereut den Schritt nicht: „Ich hätte mich ja nicht ewig verstellen können!“ Doch dieser Schritt hatte auch seinen Preis: Er musste mit seiner alten Umgebung, mit seinen alten Freunden und mit seinem alten Leben brechen.

Ob er sich in der Türkei sicher fühle, frage ich ihn. Er sei sich bewusst, dass die LGBTI-Bewegung trotz aller Schwierigkeiten viel erreicht habe. Allein die Tatsache, dass darüber gesprochen und nicht – wie früher – geschwiegen werde, sei eine enorme Entwicklung.  „Ich weiß aber auch, dass ich in einem modernen Käfig lebe, umgeben von gleichgesinnten Menschen, in einem sicheren Umfeld. Draußen in der Provinz, in meiner Heimatstadt Kayseri zum Beispiel, sieht die Welt ganz anders aus.“

Aret Demirci ist Projektkoordinator im Stiftungsbüro in Istanbul.