Ein Land der Gründer und Denker?

Jennifer Miksch über den Gründungsstandort Deutschland und was die Politik anpacken muss

Meinung14.02.2017
Jennifer Miksch
Jennifer MikschFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Jennifer Miksch ist Freelancerin und hat für verschiedene Startups wie Marley Spoon und Homejoy gearbeitet. Für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat sie eine Studie mit dem Titel „Startup Deutschland“ durchgeführt. Darin spricht sie mit internationalen Experten und fühlt dem Gründungsstandort Deutschland auf den Zahn: Was müssen wir ändern, um für Startups attraktiver zu werden? Auf freiheit.org verrät sie, was dabei herausgekommen ist.

Du hast gerade eine Studie zum Thema Startups in Deutschland durchgeführt und dafür mit Innovationsexperten, Fachanwälten, Venture-Capital-Investoren gesprochen. Was wolltest Du herausfinden?

Ich wollte herausfinden, was man tatsächlich ändern muss, um Startups hier in Deutschland zu fördern. Und zwar abgesehen von den klassischen „Rahmenbedingungen“ die so häufig genannt werden.

Daher wollte ich mich mit Ansprechpartnern aus den Ländern unterhalten, die schon Best-Practice-Erfahrung haben, um herausfinden, was dort funktioniert hat und was nicht. Die Studie hat eine sehr praxisbezogene Herangehensweise und bietet daher in der Folge sehr viele praktische Handlungsempfehlungen.

Du hast mit vielen internationalen Experten gesprochen. Wie steht es Deiner Einschätzung nach um Deutschlands Ruf als Gründer-Nation?

Überraschend negativ, ehrlich gesagt. Für viele ist Deutschland leider immer noch die große, alte Industrienation, die aber nicht mit der Digitalisierung und der modernen Arbeitswelt mithalten kann. Was bisher bei vielen internationalen Investoren ankommt, ist: „Outside of Berlin there is nothing“. Wenn ich zum Beispiel erwähnt habe, dass Unternehmensbeteiligungen in Deutschland gar nicht viel komplizierter sind als in Amerika, war ein großer Teil der Investoren aus dem Ausland sehr positiv überrascht.

Auch ausländischer Nachwuchs, sofern  er nicht proaktiv von Unternehmen angesprochen wird, kennt häufig nur Berlin als Start-Up-Standort weil er als hip und international gehyped wird: Was darüber hinaus geht, geht leider unter.

Welche Faktoren sind entscheidend, um eine Gründungskultur in ganz Deutschland zu etablieren und was muss die Politik hier angehen?

Ich hatte dazu ein sehr interessantes Gespräch mit der Weltbank. Dabei kam heraus, dass ein Standort für Gründer nicht nur dadurch attraktiv wird, dass Geld ins Land kommt, sondern vor Allem durch Talente und Manpower. Und diese talentierten Arbeitnehmer werden oftmals nicht nur von Geld angezogen, sondern auch von einem spannenden Standort, der zum Beispiel kulturell ansprechend ist, günstige Mieten und moderne Bildungseinrichtungen bietet. Es ist ein Kreislauf: Ein ansprechender Standort zieht Arbeitnehmer an und damit auch Gründer, die wiederum Geld mitbringen. Die Politik muss einzelne Standorte aktiv fördern und damit die Botschaft senden: Hier gibt es Potenzial für eine Gründerkultur.

Zudem fehlt ganz klar die internationale Präsenz von Politikern, Politikvertretern und Branchen-Insidern auf Konferenzen, um dort den Gründungsstandort Deutschland promoten. Hier sind wir leider nach außen hin noch kaum sichtbar. Und die deutschen Gründer selbst schlagen häufig nicht selbst die Werbetrommel für Deutschland – nicht weil sie das häufig nicht wollen würden, sondern weil sie auch nicht darauf angesprochen werden.

Was ist ein Tipp aus dem Ausland, bei dem Du sagen würdest: Das kann sich Deutschland abschauen?

Generell ist der Austausch ein sehr wichtiger Faktor, den wir uns abschauen können. Viele Startup-Gründer sind bereit, ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu teilen. Zum Beispiel auf öffentlichen Veranstaltungen, wo man auf Augenhöhe mit Politikern zusammenkommt, um Probleme, neue Initiativen oder Förderungen zu diskutieren. Ein eindrucksvolles Beispiel zur Nachwuchsförderung und Begeisterung für das Thema ist auch die „National Week of Making“ im Weißen Haus, die Obama ins Leben gerufen hat.

Auch für Unternehmen wäre es wichtig, sich einfach mal mit Gründern zusammenzusetzen und zu schauen, wo es Synergieeffekte gibt und wie Unternehmen und Startups zusammenarbeiten und voneinander profitieren können. Das bekommt Deutschland leider noch nicht so richtig hin, in diesem Bereich wird sehr wenig getan.

Eine Studie besagt, dass sich nur 28 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland vorstellen können, ein Unternehmen zu gründen. Der EU- Durchschnitt liegt bei 48 Prozent. Woran liegt es, dass die Gründungsbereitschaft in Deutschland so schwach ist?

Neben dem Umfeld, in dem man aufwächst, spielt vor allem das Bildungssystem eine Rolle. In der aktuellen Shell-Studie geben 95 Prozent der Jugendlichen an, dass ein sicherer Arbeitsplatz ihnen beim Thema Arbeit sehr wichtig ist. Das ist eine Grundeinstellung, die in der deutschen Gesellschaft fest verankert ist und die schon in der Schule gefördert wird. Es ist gesellschaftlich eher so, dass nicht nur Jugendliche nicht gründen wollen, sondern dass Gründen generell keinen hohen Stellenwert hat. Innovativ denken im Unternehmen, mit einem sicheren Arbeitsplatz, das ist nett.

Aber bei der Bereitschaft, tatsächlich ein Risiko eingehen, da ist Deutschland im internationalen Vergleich ganz weit abgeschlagen. Ich glaube, da kann man vor allem auch an den Schulen viel ausrichten. Aktuell ist Wirtschaft ist noch nicht einmal in allen Bundesländern ein Pflichtfach. Es gibt viel zu wenig Planspiele, wo Kinder auch spielerisch lernen, unternehmerisch zu denken. Ideen sind theoretisch genug da, aber es gibt nicht genug Möglichkeiten, die umzusetzen. Und ich spreche jetzt nicht einmal von der Einführung des typischerweise geforderten Schulfaches „Programmieren“ oder der Förderung von IT-Wissen. Das wäre ein noch viel weiteres Feld.

Eine Frage, die Startups in Deutschland auf der Seele brennt ist das Thema der Finanzierung. Was kann Deutschland von anderen Ländern lernen?

Wir haben auf EU-Ebene, auf Bundesebene und sogar zum Teil auf Länderebene wirklich gute Förderprogramme. Ja, es ist bürokratisch. Ja, es ist zum Teil anstrengend, überhaupt an dieses Geld zu kommen. Aber es gibt gute Möglichkeiten, gerade in der Anfangsphase gefördert zu werden. Die Fördertöpfe werden jedoch noch nicht einmal komplett ausgeschöpft, weil nicht genug über die Möglichkeiten informiert wird, was auch Aufgabe der Politik wäre.

Trotzdem muss man sehen, dass Deal-Größen in den USA achtmal höher sind als in Deutschland. Oftmals ist es einfach so, dass viele Investoren gar nicht in Deutschland investieren wollen, weil man hier viel zusätzliche Gebühren zahlen muss, beispielsweise für den Notar. Da fehlt es in Deutschland an Einfachheit am Anfang, ein Unternehmen zu gründen und dann ein Unternehmen auch wachsen zu lassen.

Schaut man auf die Gründerszene, fällt auf, dass diese sehr stark männlich geprägt ist. Woran liegt das und wann müsste sich ändern, damit sich auch Frauen trauen, zu gründen?

Das ist tatsächlich auch international so, dass es weniger weibliche als männliche Gründer gibt, aber in Deutschland ist dieser Unterschied besonders stark. Auch das hängt meiner Meinung nach sehr eng mit dem Bildungssystem zusammen. Und auch damit, dass Männern Risikobereitschaft oft nahegelegt wird, während Frauen oder auch schon kleine Mädchen eher zu hören bekommen: Sei lieber ein bisschen vorsichtiger.

Ich sehe es zudem als ein großes gesellschaftliches Problem, dass sofort, wenn man über Gründerinnen oder generell Frauen in Führungspositionen spricht, das Thema Familienplanung aufkommt. Frau werden da sehr schnell in diese Schablone gedrückt, nach dem Motto: Wie kannst Du Beruf und Familie verbinden? Ich frage mich, warum denken moderne Journalisten oder Politiker heutzutage immer noch, dass das Aufgabe der Frau ist?

Es könnte genauso Aufgabe des Mannes sein oder Aufgabe einer gemeinsamen Partnerschaft. Bei den meisten männlichen Gründern kommt diese Frage gar nicht auf, weil ganz klar ist, dass es um seinen Job geht, während bei einer Frau oft Dinge in den Fokus gerückt werden, die mit dem Job selbst gar nichts zu tun haben. Natürlich tragen die vielen Artikel zu diesem Thema, die zum Teil auch von Frauen selbst geschrieben werden, dazu bei. Es ist schwer, aus dieser Spirale herauszukommen.

Eine abschließende Frage: Was ist aktuell der Trend bei Startup-Gründungen? Sind besondere Sektoren gerade besonders gut unterwegs?

 Das ist ganz schwer zu sagen. Je nachdem mit wem man sich unterhält, bekommt man ganz unterschiedliche Antworten. Was Bio-Tech angeht, hinkt Deutschland leider tatsächlich ziemlich hinterher, vielleicht auch deswegen weil keine deutsche Uni hier federführend ist. Worin aber zum Beispiel gerade ein Standort wie Berlin sehr gut ist, sind Gründungen, die aus dem E-Commerce-Bereich kommen, im Bereich Designs und App-Development. Man kann schon sagen, dass Deutschland durch eine gewisse Diversität an Themen glänzt, in Zukunft dann auch hoffentlich mehr im Hightech-Bereich.

Publikationen zum Thema

Start-up Deutschland. Die deutsche Gründungslandschaft im internationalen Vergleich.

Welche Faktoren für ein erfolgreiches Gründungsgeschehen wichtig sind, wird durch zahlreiche Studien untersucht. Die Ergebnisse sprechen für sich: Die Zahl der Gründungen gehe zurück, es fehle an einer Kultur des Scheiterns, die Gesellschaft schätze Gründer nicht genug wert, Wagniskapital sei nicht ausreichend vorhanden. Wir wollten auf der Grundlage der vorliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse Stimmen aus der „Szene“ zu Wort kommen lassen. Dafür haben wir Jennifer Miksch gebeten, mit ganz unterschiedlichen Experten über deren persönliche Sicht zu sprechen. Wir lassen diese Stimmen ungefiltert zu Wort kommen. Mehr