"Ein klarer Einblick in die Entwicklung liberalen Denkens und Handelns."

Hans-Dietrich Genscher über die Begegnungsstätte "Deutsche Einheit" in seinem Geburtshaus in Halle

Meinung11.04.2016Hans-Dietrich Genscher
Hans-Dietrich Genscher
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Für eine geplante Broschüre über die in seinem Geburtshaus befindliche 'Begegnungsstätte Deutsche Einheit' hat Hans-Dietrich Genscher kurz vor seinem Tod ein Geleitwort verfasst, das wir vorab veröffentlichen.

In meinen „Erinnerungen“ habe ich vor fast 20 Jahren bekannt: „Zeit meines Lebens war ich stolz auf Halle, meine Heimatstadt.“ Damit sollte auch zum Ausdruck kommen, wie sehr meine Wurzeln in der Saalestadt und ihrer Umgebung liegen: Da ist der Bauernhof im heutigen Stadtteil Reideburg, der seit über 350 Jahren im Besitz meiner Familie mütterlicherseits ist, auf dem ich 1927 geboren wurden und meine ersten, durchaus glücklichen Kindheitsjahre verbracht habe. Da ist nicht weit entfernt in Klepzig der Hof der Genschers, wo ich häufig zu Gast war. Und da ist natürlich die eigentliche Stadt Halle, wo ich zur Schule und zum Gymnasium gegangen bin, wo ich mein Studium begann und wo ich erstmals Schritte in die Politik unternahm. Mit alldem verbindet mich bis heute, über 60 Jahre nachdem ich die Stadt verlassen musste, noch sehr viel und ich nutze noch immer jede Gelegenheit, um die Orte meiner Kindheit und Jugend aufzusuchen.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wie dankbar und glücklich ich war, als liberale Kreise im Umfeld der Erhard-Hübener-Stiftung die Initiative ergriffen, um mein Geburtshaus vor dem endgültigen Verfall zu bewahren, und diesen Plan dann auch realisierten. Der Idee jedoch, daraus eine Art „Hans-Dietrich-Genscher-Museum“ zu machen, habe ich immer skeptisch gegenüber gestanden.

Die Lösung für eine sinnvolle Nutzung des alten Reideburger Bauernhauses, die jetzt in Form der „Begegnungsstätte Deutsche Einheit“ gefunden worden ist, überzeugt mich dagegen sehr. Es ist vor allem der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zu verdanken, dass das Haus nun dem Beitrag liberaler Ideen und liberaler Persönlichkeiten für die friedliche Wiedervereinigung und die Überwindung der Teilung Europas gewidmet ist. Hier werden zum einen sehr anschaulich die Grundlagen dargestellt, auf denen die liberale Politik in Deutschland beruht. Darin und in den Kontext, indem sie sich im 19. und 20. Jahrhundert vollzog, wird auch mein politisches Wirken eingebunden. Die Besucher der Begegnungsstätte erhalten einen ebenso ausführlichen wie klaren Einblick in die Entwicklung liberalen Denkens und Handelns, die sich gestern wie heute um die programmatischen Säulen individuelle Freiheit, Bürgerrechte, soziale Marktwirtschaft, politische Partizipation sowie nationale Einheit und Selbstbestimmung drehen.

Wo diese Werte herkommen, wie sie sich entwickelt haben und welche Wirkungen von ihnen ausgegangen sind, wird in der Ausstellung trefflich aufgezeigt. Sehr dankbar bin ich den Ausstellungsmachern dafür, dass sie dabei immer wieder auf die Bedeutung von Halle und seiner Umgebung, d. h. auf den Bedeutung „Mitteldeutschlands“ für die Entwicklung Deutschlands allgemein und des Liberalismus speziell hinweisen, beispielsweise auf an der Universität Halle lehrende Aufklärer wie Christian Wolff und Christian Thomasius, auf Hermann Schulze-Delitzsch, den in Delitzsch geborenen Vater des Genossenschaftswesen und Vorkämpfer von Einheit und Freiheit, auf Industriepioniere wie Karl Schrader, Wilhelm Oechelhäuser und Hugo Junkers, die unternehmerischen Erfolg mit liberalem Engagement verbanden, auf in der Region wirkende Liberale wie Robert Blum, der 1848 in Wien von der Reaktion trotz seiner Immunität als Paulskirchenabgeordneter erschossen wurde, oder Erhard Hübener, der als erster Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt das Aufkommen stalinistischer Strukturen zu verhindern suchte.

Das Geburtshaus von Hans-Dietrich Genscher in Halle.
Das Geburtshaus von Hans-Dietrich Genscher in Halle. Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Angesichts der Vielzahl an Informationen und Aspekten kann nur auf einiges wenige noch hier eingegangen werden: Natürlich freue ich mich darüber , dass man in der Ausstellung liberalen Persönlichkeiten begegnet, die für mich in unterschiedlichen Lebenssituationen wichtige Leitbilder darstellten wie Gustav Stresemann, den Weimarer Außenminister und Friedensnobelpreisträger, oder Thomas Dehler, den ersten Bundesjustizminister und späteren FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzender.

Auch die Geschichte der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands, in der ich selbst 1946 mein politische Engagement begann, scheint mir angemessen wiedergegeben. Als einzige unter den deutschen Parteien pflegten westliche Freie Demokraten und östliche Liberaldemokraten über die Jahre der Teilung hinweg vielfältige und z. T. intensive Kontakte, so dass der Zusammenschluss zu einer gesamtdeutschen Partei1990 nur logisch und folgerichtig war.

In diesem Umfeld wird auch die große Bedeutung gut erkennbar, die der von Walter Scheel, meinem unmittelbaren Vorgänger als Außenminister, formulierte „Brief zur deutschen Nation“ für seine und meine Politik hatte. Dass dieser, in dem zentrale Prinzipien des Liberalismus sehr prägnant zusammengefasst sind, in der Ausstellung als Faksimile präsentiert wird, finde ich sehr gut.

Der liberale Kampf um die deutsche „Einheit in Freiheit“, der – wie hier gezeigt wird – erst nach langen Wegen und Rückschlägen sein Ziel gefunden hat, ist mit der Wiedervereinigung 1990 zum Erfolg gekommen. Die Beharrlichkeit, mit der Liberale das Ideal eines in Freiheit geeinten Deutschland über zwei Jahrhunderte lang verfolgt haben, hat sich am Schluss ausgezahlt. Andererseits ist dieser Kampf noch nicht zu Ende. Diese liberale Aufgabe ist insofern unvollendet, weil es fortan um die europäische „Einheit in Freiheit“ geht, gehen muss. Hier ist zwar auch in den letzten Jahrzehnten vieles erreicht worden, aber abgeschlossen ist dieser Prozess noch lange nicht. Umso mehr freut es mich, dass die Initiatoren der Reideburger Ausstellung diese nicht mit den dramatischen Ereignissen von 1989/90 enden lassen, sondern am Schluss ganz bewusst die Perspektive auf Europa öffnen. Ich persönlich hoffe sehr, dass in diesem Teil der Ausstellung schon bald – im positiven Sinne – „Überarbeitungsbedarf“ besteht.

Die in der Ausstellung dargestellten und zu einer klugen Synthese verbundenen Perspektiven Halle/Mitteldeutschland – deutsche Einheit – Europa haben auch für mich immer Orientierungsmarken dargestellt. Ich danke allen, die zum Auf- und Ausbau der „Begegnungsstätte Deutsche Einheit“ beigetragen. Seit ihrer Eröffnung am 1. Dezember 2012 bin ich noch etwas stolzer auf meine Heimatstadt.

Ich wünsche der Begegnungsstätte viele interessierte Besucherinnen und Besucher, die wissen wollen, was den politischen Willen zur Einheit angetrieben und wie schwierig sich der Prozess der "Einheit in Freiheit" – nicht nur, aber gerade auch besonders zwischen Zweitem Weltkrieg und friedlicher Wiedervereinigung – vollzogen hat. Hier erlebt man auf einprägsame Weise deutsche und europäische Geschichte.

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Wie kaum ein anderer war Hans-Dietrich Genscher in der Lage, politische Ziele mit dem zu verbinden, was man immer als handwerkliche Fertigkeit beschreibt, um sie auch erreichen zu können. Seine Unerschütterlichkeit ist am Ende mit der Überzeugung vieler belohnt worden, dass er unser Land in Bündnisfähigkeit, europäische Integration und Weltoffenheit sicher und verlässlich steuerte. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat in Hans-Dietrich Genscher immer einen großen Unterstützer gehabt. Mehr