"Eigentlich ist alles im Lot"

Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen über die aktuelle Debatte zur Altersvorsorge

Meinung06.10.2016
Bernd Raffelhüschen
Rentenexperte Prof. Dr. Bernd RaffelhüschenBernd Raffelhüschen

Der Herbst 2016 ist Rentenherbst – in der Großen Koalition wird darum gestritten, wie die Altersvorsorge der Zukunft aussehen soll. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles ist bereits in Vorlage gegangen – für sie steht fest: Eine Stabilisierung des Rentenniveaus ist ohne höhere Beiträge nicht zu haben. freiheit.org hat darüber mit Bernd Raffelhüschen gesprochen. Er ist Professor für Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau und einer der Top-Experten zum Thema Alterssicherung.

Herr Raffelhüschen, wir befinden uns im lange angekündigten Rentenherbst 2016 und die politischen Akteure nehmen ihre Positionen ein. Einige Vorschläge zielen darauf ab, das Rentenniveau langfristig bei 47 Prozent etwa einzufrieren oder sogar anzuheben. Arbeitsministerin Nahles zielt auf eine Niveausicherung ab und kündigt steigende Beiträge an. Von über 22 Prozent ist da die Rede. Ist das eine realistische Rechnung?

Die Rechnung ist richtig. Es wird sogar deutlich über 22 Prozent gehen. Die Frage ist nur, ob man die Rechnung nicht ohne den Wirt gemacht hat. Denn wir müssen sehen: Die jungen Beitragszahler der Zukunft werden sich fragen, warum sie sehr viel mehr in die Rente einzahlen sollen, als diejenigen, die diese Renten bekommen. Die heutige Rentnergeneration hat im Laufe ihres Lebens deutlich weniger eingezahlt, wenn man den Anteil am Lohn betrachtet. Genau das haben wir ja versucht, mit dem Nachhaltigkeitsfaktor zu lösen. Wir haben gesagt: Der Beitragssatz bleibt konstant über die Zeit, auch wenn das Rentenniveau dann fällt.

Sie sagten „deutlich über 22 Prozent“. Frau Nahles formulierte „langfristig über 22 Prozent“. Können Sie eine genauere Hausnummer nennen?

Wenn sich das Rentenniveau um die 48 Prozent einpegeln würde, müssten wir mit Beiträgen um die 26 Prozent rechnen.

Bei den Krankenkassenbeiträgen dürfte es ja auch nach oben gehen oder durch die demografische Entwicklung…

Absolut. Die Gesundheitsversorgung ist das am meisten unterschätzte Problem. Wir werden doppelt so viele Krankentage zu finanzieren haben, bei ähnlicher Beitragsentwicklung wie in der Rente. Das können wir unserem zukünftigen Beitragszahler schlicht nicht zumuten. Die Gesamtbelastung liegt dann kombiniert auf ca. 58 bis 60 Prozent des Einkommens. Das geht gar nicht.

Wir haben jetzt erste Andeutungen von Frau Nahles in Richtung stabiles Rentenniveau mit höheren Beiträgen. Sehen Sie denn noch weitere Trends in der Rentendebatte? Welche Modelle werden die größte Rolle spielen?

An sich schon ist die Debatte schlichtweg unklug. Denn die Rente ist ja tatsächlich durch den Nachhaltigkeitsfaktor nachhaltig gesichert. Sie ist auch gerecht und zwar zwischen den Generationen. Und sie ist auch gerecht innerhalb der Generationen, denn jeder bekommt nach seiner Lebensleistung die Rente ausgezahlt, die er sich verdient hat. Also eigentlich ist alles im Lot. Das einzige, was wir machen müssen, ist die Art von Fehlern zu verhindern, die Frau Nahles begeht: die Rente mit 63 und ähnliches. Wenn wir das tun, hätten wir alles geregelt.

Wenn alles im Lot ist, warum prescht dann Frau Nahles vor?

Wohl wegen der Gewerkschaftsforderungen. Die Gewerkschaften wollen unbedingt ein nochmal deutlich höheres Rentenniveau garantieren, vielleicht wegen ihrer Altersstruktur.

Die wichtigsten Schalthebel in dieser Frage dürften ja Lebensarbeitszeit, Beitragshöhe, Rentenniveau und vielleicht noch die private Vorsorge sein. Wie sieht denn ihr Expertenmix aus?

Da fehlt noch was: die betriebliche Altersvorsorge. Wir haben einen Mix aus einer gesetzlicher Rentenversicherung, die sicher ist und tatsächlich auch eine Basis absichert, dazu die private Vorsorge. In welchem Mischungsverhältnis man das macht, ist jedem selbst überlassen. Man muss eben etwas für die Lebensstandardsicherung tun, das kann der Staat der Zukunft nicht leisten.

Das Thema hat natürlich auch noch eine politische Dimension: Denn immer mehr Rentenbezieher und immer weniger Beitragszahler, das bedeutet ja auch: immer mehr ältere Wähler und immer weniger Jungwähler. Zeichnet das nicht Lösungen zu Lasten der Jüngeren vor?

Das ist mit Sicherheit schon jetzt so, wenn man sich anschaut, wie die Wahlgeschenke des letzten Wahlkampfes aussahen. Da gab es die Mütterrente für das Klientel der CDU, die Rente mit 63 für die Gewerkschaften. So hat jeder sein eigenes Klientel bedient. Solche Sachen werden wir noch oft erleben. Wenn wir nicht versuchen, Rationalität in die Debatten zu bringen. Fest steht: Die Beitragszahler der Zukunft können nicht relativ mehr vom Einkommen abliefern, als wir es selbst getan haben. Das wäre Unsinn und ungerecht.

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