Gedenkstunde im Bundestag

Drei Botschaften von Saul Friedländer

Ein großer Historiker hielt eine große Rede. Es wurde eine Sternstunde des Bundestags.

Meinung01.02.2019Karl-Heinz Paqué
Saul Friedländer bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag.
Saul Friedländer bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag.picture alliance / AA

Am Donnerstag, 31. Januar 2019, gedachte der Deutsche Bundestag in einer morgendlichen Sondersitzung den Opfern des Nationalsozialismus. Unser Vorstandsvorsitzender Professor Paqué war dabei. Er berichtet.

Nicht immer wird im Bundestag zu früher Stunde Gewichtiges gesagt. In dieser Woche war dies aber der Fall. Es sprach der renommierte Historiker und Holocaust-Forscher Professor Saul Friedländer. Der 86-Jährige, in Prag aufgewachsen, verlor als Kind seine Eltern, die nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet wurden. Saul Friedländer wanderte nach dem zweiten Krieg nach Israel aus. Das zentrale Thema seiner glanzvollen Universitätslaufbahn wurde der Holocaust. 

Seine prägnante Rede - vorgetragen in Deutsch, der Sprache seiner Kindheit - lieferte einen knappen konzisen historischen Bogen. Aber vor allem enthielt sie drei zentrale politische Botschaften:

Die erste lautete: Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Einen Weg in den grausamen Antisemitismus, wie ihn der Nationalsozialismus im deutschen Namen beschritt, darf es nie mehr und nirgends geben. Die Entwicklungen der letzten Jahre in Europa und auch hierzulande sind allerdings Grund zu großer Sorge: Überall häufen sich verbale und gewaltsame Ausfälle und Angriffe gegen Juden; rechtspopulistische Parteien schrecken nicht vor anti-jüdischer Propaganda zurück. Immer mehr Juden denken deshalb  ernsthaft darüber nach auszuwandern, eine traurige und beängstigende Entwicklung. Wider alle optimistische Erwartungen der letzten Jahrzehnte ist der Antisemitismus wieder virulent. Dem muss sich die breite Mitte der Gesellschaft mit aller Deutlichkeit und Kraft entgegenstellen.

Friedländers zweite Botschaft lautete: Das Existenzrecht Israels darf nicht in Frage gestellt werden. Und weiter: Israel hat Anspruch, bei aller berechtigten Kritik an seiner Regierung fair behandelt zu werden - als eine demokratische Insel mit feindlichen Nachbarn, die wie der Iran Hass schüren und wie die Terrororganisation Hamas nicht davor zurückschrecken, ihre eigenen Kinder an der Grenze in höchste Gefahr zu bringen, nur um Israel zu diskreditieren. Auch in Europa gibt es an den Rändern der politischen Lager feindliche Haltungen gegenüber Israel: im rechten Spektrum motiviert durch echten Antisemitismus, im linken Lager aus einem groben Missverständnis der Sicherheitslage des Landes. Friedländer forderte, die breite Mitte unserer Gesellschaft muss dem widerstehen.

Friedländer hatte noch eine dritte Botschaft. Sie war tröstlich, denn er äußerte größten Respekt vor Deutschland. Wie keine andere Nation hätten die Menschen in der Bundesrepublik ihrer eigenen Geschichte schonungslos ins Auge gesehen. Spätestens seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts gäbe es eine ehrliche Erinnerungskultur, die Verantwortung übernimmt auch für die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte, mit all der Grausamkeit, für die der Nationalsozialismus stand. Deutschland ist heute, so Friedländer, ein Vorbild nicht nur an demokratischer Stabilität und freiheitlichem Geist, sondern auch an der Fähigkeit, die eigene Geschichte als das zu nehmen, was sie ist: Teil des nationalen Erbes - und zwar in allen Dimensionen, von stolzen Höhen bis zu beschämenden Tiefen.

Die drei Botschaften überzeugten den Bundestag. Es gab für jede lang anhaltenden Applaus. Und das ist gut so, denn sie definieren drei Säulen, auf denen die deutsche Gesellschaft und Politik stehen, jedenfalls in ihrer breiten demokratischen Mitte. Daran darf sich in der Zukunft nichts ändern.

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Anders Mertzlufft